Aktivisten singen die Nationalhymne während eines Protests gegen die Entscheidung des ukrainischen Präsidenten Selenskyj, den ukrainischen Verteidigungsminister Fedorow entlassen zu haben.
Aktivisten singen die Nationalhymne während eines Protests gegen die Entscheidung des ukrainischen Präsidenten Selenskyj, den ukrainischen Verteidigungsminister Fedorow entlassen zu haben.
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Proteste in Kiew
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Kehrtwende in Kiew: Selenskyj beugt sich Druck der Demonstranten

Kehrtwende in Kiew: Selenskyj beugt sich Druck der Demonstranten

Ukraines Präsident Selenskyj hat mit der Entlassung des populären Verteidigungsministers Fedorow einen Sturm der Empörung hervorgerufen. Nach einer Woche landesweiter Demonstrationen korrigiert Selenskyj seinen Kurs: Er wechselt den Armeechef aus.

Über dieses Thema berichtet: Bayern-2-Nachrichten am .

Mit einem Hinweis darauf, seit Jahresbeginn 700 Quadratkilometer des ukrainischen Staatsgebiets zurückerobert zu haben, verabschiedete sich der bisherige Oberbefehlshaber der Streitkräfte, General Oleksandr Syrskyj: "Ich übergebe meinem Nachfolger eine Armee, die nicht nur die Verteidigung sicherstellt, sondern auch in die Offensive geht", postete der 60-Jährige auf Telegram.

Für den scheidenden Oberbefehlshaber dürften die vergangenen Tage äußerst turbulent verlaufen sein. Hatte General Syrskyj noch vor einer Woche glauben dürfen, dass sich Selenskyj für ihn entschieden hätte und nicht für den jungen, Hightech-affinen Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow, so sorgten die anhaltenden Proteste der Bevölkerung für eine Kehrtwende.

Alt gegen jung – Abnutzungskrieg gegen digitale Kriegsführung

Zwei gegensätzliche Strategien standen sich gegenüber, verkörpert von General Sryskyj, der seine militärische Laufbahn noch zu Zeiten der Sowjetunion begonnen hatte, und von dem 35-jährigen Fedorow, der aus der Digitalwirtschaft stammt und erst im Januar Verteidigungsminister geworden war.

Sryskyj haftete der Ruf an, eine Strategie des zähen Verteidigungskriegs zu verfolgen, um die russischen Streitkräfte zu zermürben und aufzuhalten. Der 35-jährige Fedorow stand bei den Demonstranten für die jüngsten Erfolge der Ukraine. Er habe systematisch mit neu entwickelten Mittelstreckenraketen und einer engen Kooperation zwischen Drohnen-Einheiten und heimischer Rüstungsindustrie den Krieg nach Russland gebracht.

Fedorow sei "trotz der beeindruckenden Erfolge" als Verteidigungsminister während seiner kurzen Amtszeit von Selenskyj am 15. Juli entlassen worden, analysierte die ukrainische Tageszeitung "Kyiv Independent". Ihm sei es etwa gelungen, Elon Musk davon zu überzeugen, den russischen Truppen den Zugang zu Starlink zu verwehren. Zudem habe der Ex-Verteidigungsminister die Angriffe auf die russische Logistik auf der besetzten Krim koordiniert.

Als Fedorow schließlich den Präsidenten vor die Alternative stellte, entweder Syrskyj zu entlassen oder ihn, hielt Selenskyj zunächst an seinem Oberbefehlshaber fest und entließ den jungen Verteidigungsminister.

Massenproteste zeigten Wirkung

Die Entlassung Fedorows löste in vielen Städten Proteste aus, von Odessa bis Lviv, von Dnipro bis Ivano-Frankiwsk. Die Demonstranten forderten die Wiedereinsetzung Fedorows, die Entlassung von Syrskyj und Reformen in der Armee. Bereits nach drei Tagen signalisierte Selenskyj in seiner allabendlichen Ansprache am 18. Juli Einlenken: "Natürlich höre ich, was die Menschen sagen". Er habe mit beiden gesprochen, mit Fedorow und Syrskyj. Der Präsident fügte hinzu: "Entscheidungen, die die Armee betreffen, werden noch ausgearbeitet".

Offenkundig habe Selenskyj "mit einer solchen öffentlichen Reaktion nicht gerechnet", wie das in Riga ansässige russische Exilmedium "Meduza" unter Berufung auf das Umfeld des Präsidenten berichtet. Erneut hatte Selenskyj nicht mit der massiven Protestwelle gegen seine Entscheidung gerechnet. Bereits vor einem Jahr hatte der Präsident die Entmachtung der unabhängigen Antikorruptionsbehörde nach tagelangen Demonstrationen wieder rückgängig machen müssen.

Der neue Oberbefehlshaber

Am Dienstagabend vollzog der ukrainische Staatschef schließlich "seine plötzliche Kehrtwende", wie das "Wall Street Journal" zu dem Personalwechsel schreibt. Er ersetzte Syrskyj mit dem 43-jährigen Generalmajor Mychajlo Drapatyj, der zuvor Heereschef und zuletzt Befehlshaber der gemeinsamen Streitkräfte war, die für die Verteidigung im Nordosten der Ukraine zuständig sind. Er gelte als "General der neuen Generation, dessen Karriere im Kampf gegen russische Truppen geprägt wurde", wie laut der Nachrichtenagentur Reuters hochrangige Offiziere den neu ernannten Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte beschreiben.

Landesweite Berühmtheit erlangte Drapatyj im Mai 2014, als er an der Spitze einer gepanzerten Kolonne in Mariupol ukrainische Geiseln befreite, die von Russland unterstützten Separatisten gefangen gehalten worden waren. In einem seiner seltenen Online-Posts hatte Drapatyj in der vergangenen Woche dem entlassenen Verteidigungsminister Fedorow den Rücken gestärkt. Die ukrainische Armee benötige neue Regeln und einen Wandel: "Ich glaube an die ukrainischen Streitkräfte, die in der Lage sind, dazuzulernen, Technologien weiterzuentwickeln, die Menschen schützen und es den Kommandeuren zu ermöglichen, Verantwortung für den Ausgang der Operationen zu übernehmen".

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