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Keine Kinder, Deutschland kaputt?
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Keine Kinder, Deutschland kaputt?

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Keine Kinder: Versagt Deutschland bei der Familienpolitik?

Keine Kinder: Versagt Deutschland bei der Familienpolitik?

654.267 Geburten – so wenige wie seit Jahrzehnten nicht. Eigentlich will mehr als die Hälfte der Jüngeren Kinder. Aber nicht unter den Bedingungen hierzulande. Was schiefläuft – und wie es die Politik besser machen kann: eine Analyse.

Über dieses Thema berichtet: Possoch klärt am .

Deutschland hat ein Geburtenproblem. Aber keins, das mit fehlendem Willen zu erklären wäre. Laut der Trendstudie "Jugend in Deutschland 2026" können sich 55 Prozent der 14- bis 29-Jährigen Kinder vorstellen. Sozialforscher Kilian Hampel, einer der Autoren der Studie, sagt im BR24-Interview für "Possoch klärt": "Grundsätzlich glaube ich, der Kinderwunsch wäre schon vorhanden. Aber er ist an gewisse Voraussetzungen geknüpft – und diese Voraussetzungen sind derzeit nicht gegeben."

Irene Gerlach vom Forschungszentrum Familienpolitik relativiert zudem den angeblichen Trend zur bewussten Kinderlosigkeit, der gerade durch die sozialen Medien geistert: Unter Frauen, die ihre reproduktive Phase abgeschlossen haben, sei der Anteil dauerhaft Kinderloser nur bei rund 20 Prozent. Der Hype ums "Kinderfrei-Sein" sei überbewertet.

Die Zurückhaltung beim Kinderkriegen liegt nicht am fehlenden Kinderwunsch, sondern an externen Faktoren: stagnierende Reallöhne, explodierende Wohnkosten, mangelnde Betreuungsplätze, befristete Arbeitsverhältnisse. Und der Druck sozialer Medien, die gleichzeitig perfekte Familien und erschöpfte Eltern zeigen – eine Schere, die laut Hampel Unsicherheit erzeugt und den Aufschub begünstigt.

Die Teilzeitfalle: Struktur schlägt Wille

Wer den Schritt trotzdem wagt, läuft schnell in ein strukturelles Problem. Katharina Wrohlich, Ökonomin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, schildert den Mechanismus: Das Ehegattensplitting und die beitragsfreie Mitversicherung von Ehepartnern machen das Einverdienermodell finanziell attraktiv – obwohl es seit 1977 rechtlich überwunden sein sollte. 86 Prozent der Mütter arbeiten in Teilzeit, unter Vätern sind es acht Prozent.

Die Folgen ziehen sich bis ins hohe Alter: In Teilzeit findet weniger Lohnwachstum, weniger Karrierefortschritt statt – und am Ende sind die Renteneinkünfte deutlich geringer. Gleichzeitig fordert Bundeskanzler Merz mehr Arbeitsleistung. Wrohlich sagt dazu: "Das ist natürlich irgendwie die Quadratur des Kreises."

Lukas Riedel vom Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung sieht den wirksamsten Hebel gegen die Teilzeitfalle im weiteren Ausbau der Kinderbetreuung – durch die öffentliche Hand, aber auch durch stärkeres Engagement der Arbeitgeber. Geldleistungen wie das Elterngeld könnten zwar Einkommensausfälle ersetzen, nicht aber verpasste Karrierechancen kompensieren.

Im Video: Keine Kinder, Deutschland kaputt? Possoch klärt!

Seit den 1980ern gewusst, seit den 1980ern vertagt

Das eigentliche Problem liegt tiefer. Gerlach ist direkt: Überrascht werden konnte von der demografischen Entwicklung eigentlich niemand. Das erste Gutachten, das die heutige Lage vorausgesagt hat, erschien 1984. "Der Zeithorizont einer jeweiligen Regierung ist vier Jahre. Böse Wahrheiten wird man in diesen vier Jahren nicht verkünden wollen."

Dabei hat Deutschland bereits bewiesen, dass Familienpolitik wirkt. Nach der Einführung des Elterngeldes 2007 stieg die Geburtenrate von 1,35 auf 1,6 Kinder pro Frau – 110.000 Kinder mehr. Der Kita-Ausbau ab 2005 und das Elterngeld waren laut Wrohlich ein "sehr erfolgreicher Politikmix". Seitdem habe es keinen großen Wurf mehr gegeben.

Zugleich hat das Elterngeld seit 2007 real an Wert verloren – der Maximalbetrag von 1.800 Euro ist unverändert. Als politische Reaktion auf den Geburtenrückgang folgte zuletzt die Erhöhung der Pflegeversicherungsbeiträge für Kinderlose ab 23 Jahren – also für Menschen, die statistisch erst sieben Jahre später überhaupt über Kinder nachdenken.

Diese Lösungen schlagen Experten vor

Was zu tun wäre, ist unter Ökonomen wenig umstritten: Elterngeld an die Inflation anpassen, Ehegattensplitting reformieren, Kitas beitragsfrei halten und Betreuungszeiten ausweiten. Wrohlich verweist auf Schweden und Norwegen, die seit den 1990ern konsequente Gleichstellungspolitik betreiben – und von denen Deutschland das Elterngeld ursprünglich abgeschaut hat.

Riedel fasst zusammen, was auf dem Spiel steht: Gute Familienpolitik bediene keine Partikularinteressen, sondern bringe mehr Frauen in den Arbeitsmarkt, mehr Steuereinnahmen, mehr Beitragszahler. "Familienpolitik ist ein Stück größer als einfach nur Familien." Deutschland weiß das seit Jahrzehnten. Die Entscheidung, ernsthaft zu handeln, steht noch aus.

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