Wie bereits im vergangenen Jahr, so verließen auch am Donnerstag Dutzende von UN-Delegierte den Saal der Vollversammlung, als Israels Premierminister an das Rednerpult trat. "Falls es noch andere moralische Feiglinge gibt, die diesen Saal noch nicht verlassen haben, tun Sie dies bitte jetzt", sagte Benjamin Netanjahu, bevor er zu seiner 40-minütigen Ansprache ansetzte.
Netanjahu rechnet mit Kritikern ab
Der Premierminister übte massive Kritik am New Yorker Bürgermeister Zohran Mamdani, der Netanjahu in dieser Woche als "Architekten eines schrecklichen Völkermords an den Palästinensern" bezeichnet hatte. Die "einfache Wahrheit" sei, dass Israel keinen Genozid verübt habe, sondern einen Genozid verhindert habe, erklärte Netanjahu. Der Vorwurf des Völkermords sei "die größte Lüge des Jahrhunderts."
Zugleich verteidigte der Premierminister den Krieg gegen den Iran. Das sei die "leichteste Entscheidung gewesen, die ich jemals getroffen habe", betonte Netanjahu. Indem sich Israel verteidige, verteidige es auch viele derjenigen Länder, die "gerade den Saal verlassen haben."
Heftige Vorwürfe richtete der israelische Regierungschef auch an die Türkei und Katar, die Lügen über Israel verbreiten würden. Die sollten sich "schämen" sowie "alle, die diese Lügen über mein Land und über unsere tapferen Soldaten verbreiten – egal ob sie hier im Saal sitzen oder im Büro des antisemitischen Bürgermeisters von New York." Netanjahus Ansprache, wenige Wochen vor den Parlamentswahlen in Israel, wurde von den vier größten TV-Sendern im Land live übertragen.
Abgekühltes Verhältnis zum US-Präsidenten
Die Beziehungen zwischen Israels Premierminister und dem US-Präsidenten haben sich im Verlauf dieses Jahres deutlich abgekühlt. Hatte Netanjahu noch bei der Entscheidung Ende Februar, gemeinsam mit den USA Krieg gegen den Iran zu führen, erklärt, er stehe "Schulter an Schulter" mit Donald Trump, so vermied der US-Präsident in dieser UN-Woche eine Begegnung mit Netanjahu. Der Premierminister habe Präsident Trump "nicht davon überzeugen können, sich mit ihm zu treffen", berichtet der Militärkorrespondent der israelischen Tageszeitung "Ha’aretz", Amos Harel.
Für Netanjahu, dessen Likud-Partei in den Meinungsumfragen seit Wochen schon nur auf Platz zwei rangiert, wäre ein Fototermin mit Trump eine hochwillkommene Wahlkampfhilfe gewesen. Dazu kam es nicht. Trump traf am Rande der UN-Vollversammlung unter anderem mit den Spitzen Saudi-Arabiens, der Emirates und Katars zusammen.
Beziehung Netanjahu - Trump mit Rissen
Netanjahu versuche weiterhin, seinen Wählern "dieselbe wunderbare Beziehung zu Trump schmackhaft zu machen – eine Beziehung, in der schon seit Langem Risse zu erkennen sind, die sich nur noch vertieft haben, je chaotischer ihr gemeinsames Abenteuer im Persischen Golf wird", so Amos Harel.
Der US-Präsident bemühe sich seinerseits wiederum, so heißt es zutreffend in einer Analyse der Nachrichtenagentur "Associated Press", den Anschein zu vermeiden, der israelische Regierungschef habe ihn in einen Krieg gezwungen, den Trump als 'kleinen Ausflug' bezeichnet hatte, der nur wenige Wochen dauern sollte.
UN-Ansprache an die eigenen Anhänger gerichtet
"Netanjahu gegen den Rest der Welt": Diese Botschaft habe der Premierminister 33 Tage vor den Wahlen in Israel an seine politische Basis übermitteln wollen, kommentiert die auflagenstärkste Tageszeitung Israels, "Yedioth Achronoth". Die Welt würde allerdings Netanjahu nicht mehr zuhören. Daran ändere auch die "bombastische, aggressive Rede" des Premierministers nichts. So habe Netanjahu nichts zu der Ausweitung des sogenannten Abraham-Abkommens gesagt, das 2020 von US-Präsident Trump initiiert worden war und zur Anerkennung Israels durch die Emirate, Bahrain sowie Marokko geführt hatte.
Ebenfalls, so "Yedioth Achronoth" weiter, habe Israels Regierungschef "keinen diplomatischen Horizont und nicht einmal einen Hoffnungsschimmer" aufgezeigt, was von den Kriegen in der Region folgen könnte. Netanjahus Vokabular sei "überwiegend geprägt von Sieg, Feinden, die Israels Vernichtung anstreben, und einem Land, dem 'keine Wahl' bleibt."
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