Im Frühjahr 2021 sitzt Muharrem D. auf der Anklagebank des Münchner Oberlandesgerichts. Der damals 26-Jährige hatte im oberbayerischen Waldkraiburg mehrere Anschläge auf türkische Geschäfte verübt, bei einem Brandanschlag 26 Personen in Lebensgefahr gebracht. Während des Prozesses wird er in eine forensische Psychiatrie eingewiesen – eine Einrichtung, in der psychisch kranke Straftäter untergebracht und behandelt werden.
Die Mutter von Muharrem D. erinnerte sich im BR-Interview von 2021 an einen Streit, in dem er Blumentöpfe zerstörte und sie als "Hexe" beschimpfte. Ein Gutachten diagnostizierte eine Schizophrenie, kombiniert mit einer islamistischen Radikalisierung.
Experten sehen in dieser Verbindung ein Risikopotenzial. Diplom-Psychologin Figen Özsöz, die beim Bayerischen Landeskriminalamt (LKA) die kriminologische Forschungsgruppe leitet, erklärt dem BR, dass Radikalisierungsprozesse oder auch terroristische Aktivitäten ein Nebenprodukt einer psychischen Erkrankung sein können: "Und aus dieser Radikalisierung heraus kann auch eine psychische Erkrankung sich verfestigen oder verschlechtern."
LKA-Psychologin: Großteil der psychisch Erkrankten begeht keine Gewalttat
2021 wird Muharrem D. unter anderem wegen mehrfachen versuchten Mordes zu einer Freiheitsstrafe von neuneinhalb Jahren verurteilt. In der forensischen Psychiatrie befindet er sich bis heute, wie das Münchner OLG auf Anfrage bestätigt. Weder Muharrem D. noch seine Familie wollen auf BR-Anfrage heute über die Anschläge in Waldkraiburg sprechen.
Auch bei den jüngsten Anschlägen in Deutschland spielen psychische Erkrankungen eine Rolle. In Aschaffenburg erstach ein 28-jähriger Mann ein Kind und einen Erwachsenen. In Mannheim fuhr ein 40-Jähriger mit einem Auto in eine Menschenmenge und tötete zwei Personen. Beide Täter leiden nach ersten Erkenntnissen unter psychischen Störungen. Dennoch betont Özsöz, dass die Kombination aus psychischer Erkrankung und Gewalt ein Einzelfall sei: "Im Grunde wissen wir, dass psychische Erkrankungen in der Bevölkerung weit verbreitet sind. Der überwiegende Teil dieser Menschen begeht keine Gewalttat."
Wie reagiert die Politik?
Nach den Anschlägen der vergangenen Monate wächst der politische Druck. Union und SPD wollen eine frühzeitige Erkennung entsprechender Risikopotentiale bei Personen mit psychischen Auffälligkeiten sicherstellen und diskutieren ein behördenübergreifendes Risikomanagement. Zuvor gab es bereits den Vorschlag, ein Register für psychisch kranke Gewalttäter einzuführen. Doch vor einem solchen Register warnte Psychiater Johannes Fuß, ein erfahrener Gutachter bei Strafprozessen und Professor an der Universität Duisburg-Essen, schon Anfang Februar im BR-Interview: "Das wird dazu führen, dass Menschen, die psychisch erkrankt sind, sich weniger Hilfe suchen werden, die sie eigentlich benötigen." Stattdessen würden psychisch Kranke unter Generalverdacht gestellt.
Aus dem bayerischen Sozialministerium heißt es, es gebe bislang keine ausreichende Datengrundlage, um wissenschaftlich verlässlich Muster zu erkennen, welche psychisch Kranken besonders fremdgefährdend sind. Derzeit erfassen psychiatrische Einrichtungen Unterbringungen, Zwangsbehandlungen und Zwangsfixierungen anonymisiert nach dem Bayerischen Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz. Nun prüft das Ministerium, ob dieses Melderegister um pseudonymisierte Daten erweitert werden soll. Diese wären so verschlüsselt, dass einzelne Personen nicht direkt identifizierbar sind, aber Muster und Zusammenhänge besser analysiert werden könnten. Das Ministerium erhofft sich "Rückschlüsse auf Zusammenhänge und auch darauf, ob es bei bestimmten Erkrankungen oder bestimmten zusätzlichen Faktoren häufiger zu Unterbringungen wegen Fremdgefährdung kommt als in anderen Fällen."
Heilsversprechen der Extremisten
Ein weiteres Problem ist die fehlende Akzeptanz von psychischer Erkrankung in bestimmten Milieus. Recherchen des BR zeigen, dass in islamistischen Kreisen psychische Störungen oft als spirituelle oder übernatürliche Probleme betrachtet werden. Ein Islamismus-Aussteiger berichtet, dass Betroffene von der Idee abgeschreckt würden, psychologische Hilfe zu suchen, da dies als Gefahr für den Glauben gelte. Stattdessen würden sie auf rituelle Praktiken verwiesen.
Diplom-Psychologin Antje Götz-Bungarten, die beim LKA in der Risikoanalyse arbeitet, kennt diese Muster: "Diese Heilsversprechen sind sicherlich etwas, was labile Personen aufgreifen – erst recht, wenn sie Interaktionsstörungen haben, sich sozial zurückziehen oder Symptomatiken zeigen, die ihre Realitätswahrnehmung einschränken."
Ein Ansatz, um Gewalt zu vermeiden, sind die seit 2019 bestehenden Präventionsstellen in Bayern. Diese Stellen sind an Bezirkskrankenhäuser angegliedert und bieten spezifische und niedrigschwellige Behandlungsmöglichkeiten an. Sie richten sich an Menschen mit Schizophrenie oder schweren Persönlichkeitsstörungen, die zu Gewalt neigen. Ziel ist es, frühzeitig einzugreifen, Straftaten zu verhindern und auch potenzielle Opfer zu schützen. Denn wie der Fall von Muharrem D. zeigt, können unbehandelte psychische Störungen in Kombination mit Radikalisierung schwerwiegende Folgen haben.
Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.
"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!