Etwa 106.000 Menschen stellten dieses Jahr bis einschließlich November einen Asylerstantrag – 2024 waren es im selben Zeitraum mehr als doppelt so viele, nämlich rund 217.000.
- Zum Artikel: Fast 60 Prozent weniger Asylanträge in Bayern
Merz: Rückgang ist Dobrindts Verdienst
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) wertet die rückläufigen Zahlen als Beleg dafür, dass die Migrationspolitik der Bundesregierung wirkt.
Merz hebt dabei Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) als Schlüsselfigur der "Migrationswende" hervor: Dass sich die Zahl der Asylsuchenden, die nach Deutschland gekommen sind, "mehr als halbiert" habe, sei "insbesondere der Arbeit des Bundesinnenministers Alexander Dobrindt zu verdanken".
Geringer Effekt von Kontrollen und Zurückweisungen
Zu den zentralen Maßnahmen Dobrindts gehören unter anderem verschärfte Kontrollen an den deutschen Landesgrenzen sowie die juristisch stark umstrittenen Zurückweisungen von Asylsuchenden an der Grenze.
Laut Bundespolizei wurden seit Amtsantritt der Bundesregierung im Mai 2025 bis Anfang Dezember 1.095 Menschen mit Asylgesuch an der Grenze zurückgewiesen – im Verhältnis zur Gesamtzahl der Asylsuchenden ein sehr geringer Anteil. Außerdem haben knapp 16 Prozent der Erstantragssteller keine Grenze passiert, um nach Deutschland zu kommen: Diese Zahl entfällt laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge auf in Deutschland geborene Kinder im Alter von unter einem Jahr.
Gründe für den Rückgang außerhalb Deutschlands
Woran liegt es dann, dass die Zahlen zurückgegangen sind? Franck Düvell vom Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) an der Universität Osnabrück sagt, um das zu erklären, müsse man sich die Nationalitäten der Antragsteller ansehen: "Der Rückgang hat ja vor allem zu tun mit dem Rückgang bei drei großen Gruppen: Menschen aus Syrien, aus der Türkei und aus Afghanistan."
Knapp 70 Prozent beträgt der Rückgang der Erstanträge allein bei Menschen aus Syrien, seit dort vor einem Jahr Diktator Assad gestürzt wurde. Aus der Türkei hätten zudem die Zahlen kurz nach den Präsidentschaftswahlen vor zweieinhalb Jahren stark zugenommen, sich inzwischen aber wieder bei unter 10.000 eingependelt – ein Minus von knapp 60 Prozent. Und in Afghanistan sind zwar die Taliban an der Macht, Experten wie Düvell sagen aber: Die Sicherheitslage habe sich dennoch deutlich verbessert, sodass insgesamt weniger Menschen fliehen würden.
Expertin: Asylantragszahlen gehen in EU zurück
Vor diesem Hintergrund sei das Migrationsgeschehen eher gesamteuropäisch und langfristig zu betrachten. Die Migrationspolitik der aktuellen Bundesregierung, die seit Mai dieses Jahres im Amt ist, habe damit kaum etwas zu tun.
Das bestätigt auch die Professorin Petra Bendel, Leiterin des Forschungsbereichs Migration, Flucht und Integration am Institut für Politische Wissenschaft der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg: "Wenn wir in andere europäische Staaten schauen, dann zeigen uns die Daten des Hohen Flüchtlingskommissariats und der Europäischen Grenzschutzagentur Frontex: Die irregulären Grenzübertritte und auch die Asylantragszahlen gehen in allen EU-Staaten zurück, nicht nur in Deutschland."
Keine Empirie für Dobrindts Maßnahmen
Bleibt die Möglichkeit, dass Maßnahmen wie Zurückweisungen und auch Abschiebungen einen Abschreckungseffekt erwirken und so doch einen Anteil am deutlichen Rückgang der Asylerstanträge haben. Dies sei zwar nicht völlig ausgeschlossen, meint Bendel.
Gleichzeitig sei ein solcher Effekt aber kaum nachzuweisen: "Wir haben dazu keine Empirie, wie das symbolisch wirkt. Wir können ja nicht Personen befragen, warum sie nicht gekommen sind."
Wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Migration und Flucht
Der Rückgang der neu nach Deutschland kommenden Asylbewerber ist also real – die wissenschaftliche Einordnung relativiert jedoch den Anspruch der Bundesregierung, für diese Entwicklung verantwortlich zu sein. Vor diesem Hintergrund plädiert die Professorin dafür, den Sinn migrationspolitischer Maßnahmen wissenschaftlich und evidenzbasiert zu bewerten – auch, wenn das der Öffentlichkeit vielleicht schwieriger zu vermitteln sei.
Es gebe nicht "die ganz einfache Lösung", um Migration zu steuern, aber: Das dürfe man den Bürgerinnen und Bürgern zumuten. Man müsse, meint Bendel weiter, "die Komplexität von Migrationsgeschehen vermitteln und damit auch klarmachen, dass es nicht mit einer ganz einfachen Politik der Härte geschehen ist, Migration und Flucht zu steuern".
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