Ein fahrerloses Waymo-Taxi fährt durch die Innenstadt von Austin/Texas (Archivbild)
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Ein fahrerloses Waymo-Taxi fährt durch die Innenstadt von Austin/Texas (Archivbild)
Bildrechte: picture alliance / ZUMAPRESS.com | Bob Daemmrich
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Ein fahrerloses Waymo-Taxi fährt durch die Innenstadt von Austin/Texas (Archivbild)

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Schlafend unterwegs im Roboter-Taxi

Schlafend unterwegs im Roboter-Taxi

In München will Google ab Ende 2027 autonom fahrende Taxis einsetzen, die zur Schwesterfirma Waymo gehören. Wie fühlt es sich an, ohne Fahrer unterwegs zu sein? Ein Erfahrungsbericht aus Texas von BR-Chefredakteur Christian Nitsche.

Über dieses Thema berichtet: Regionalnachrichten aus Oberbayern am .

Das Überraschendste ist meine Reaktion. Jahrelang habe ich Artikel über selbst fahrende Autos gelesen. Und ehrlich gesagt, irgendwann den Glauben daran verloren, dass das absehbar was wird. Zumindest in Deutschland. Auf einer Messe wurde mir 2014 erklärt, 2018 käme der Durchbruch für selbst fahrende Autos. Pustekuchen. Was sich mir auch eingeprägt hat, sind Medienberichte über Unfälle. Oder ethische Fragestellungen: "Wenn das Auto ausweichen muss, wie entscheidet sich die Software? Fährt es das Kind links um oder die zwei Rentner rechts?" Autonomes Fahren, für mich hatte das viele Fragezeichen. Und plötzlich biegt in Austin/Texas das per App bestellte Waymo-Taxi um die Ecke. Muss ich mir Sorgen machen? Man will ja nicht technikfeindlich sein – also einsteigen.

Ich bin mit Christian Daubner unterwegs, meinem Stellvertreter. Wir sind im März auf der SXSW, einer der weltweit wichtigsten Branchenevents im Zeichen von KI. Die Unterkunft liegt außerhalb der Innenstadt, also Taxi. Und nun hält das per Uber bestellte Waymo zehn Meter entfernt. Kein Fahrer. Wir steigen hinten ein. Kein Zugriff auf das Steuer. Ungewohnt. Auch selbstvergessen?

Unterwegs im Waymo: Kann da was brenzlig werden?

Die Route ist klar, der Preis auch. Es war auf der App das günstigste Angebot. Der Wagen setzt sich sanft in Bewegung. Nichts ruckelt. Erste Kurve, wir starren von der Rückbank auf das Lenkrad, das außer Reichweite kurbelt wie von Geisterhand. Wie ein Führerschein-Prüfer blicken wir auf den Verkehr. Kann da was brenzlig werden? Keine Fahrfehler. An jedem Stoppschild hält der Wagen brav. Die Geschwindigkeit nie über dem Limit, die Beschleunigung moderat. Die Fahrweise ist geradezu einlullend. Immer seltener machen wir einen Kontrollblick. Wir unterhalten uns auf der Rückbank über KI-Vorträge. Vorne sitzt, so fühlt sich das an, ein Vertrauter, der eigene Chauffeur.

Nach ein paar Minuten herrscht völlige Normalität. Hätte ein Taxifahrer vielleicht versucht, uns seine Fahrkünste, seinen Mut und seine Kundenorientierung zu demonstrieren durch schnelle Spurwechsel und die Eroberung jeder Lücke im Verkehrsfluss? Für etwas mehr Trinkgeld? Nichts davon jetzt: berechnete Gemächlichkeit, kein Trinkgeld. Wir blicken auf das Navigations-Display. Ein Blick quasi ins Gehirn unseres unsichtbaren Chauffeurs. Da kommt bald eine Bodenwelle. Der Wagen bremst soft, besser hätte ich die Welle auch nicht genommen.

Die Schutzmechanismen fallen schnell

Schon bei der zweiten Fahrt stellt sich nahezu Desinteresse bei uns ein, was der Wagen so macht, was um uns herum auf der Straße los ist. Die Fahrweise unseres überpeniblen, ganz langweiligen Fahrers, der null Individualität versprüht, fühlt sich gewohnt an. Es ist ja der "gleiche Fahrer" wie gestern. Er hat keinen Musikgeschmack, wir werden nicht berieselt von seiner Lieblings-Radiowelle. Wir können die Musik selbst festlegen. Also was hören wir? Das ist unser Thema.

Wir fragen uns schließlich, ob wir uns von kritischen Berichten über selbst fahrende Autos haben blenden lassen. Haben wir Vorurteile entwickelt? Im Nachhinein erfahren wir: Laut ersten Untersuchungen sind in den USA Waymos angeblich seltener an Unfällen beteiligt als menschliche Autofahrer. Gerade ist das aber nicht unsere Welt. Und so kommt es nach einem anstrengenden Tag in verschiedensten Konferenzsälen, dass wir beide müde ins Robotertaxi einsteigen. Und jetzt meldet sich bei uns auch noch der Jetlag. Nach ein paar Minuten ruhiger Fahrt blicke ich zur Seite: Christian ist eingeschlafen. Krass. Alle Schutzmechanismen sind gefallen. Science-Fiction-Filme tauchen vor dem inneren Auge auf: Die Crew begibt sich in den Tiefschlaf, das Raumschiff weckt sie bei Ankunft am Zielplaneten.

Das Taxierlebnis fehlt

So schnell hat Technik uns vereinnahmt. Zeit, endlich mal wieder einen Menschen zu buchen. Wir freuen uns darauf, ein Gespräch mit einem echten Fahrer führen zu können. Wir wollen unser Taxierlebnis zurück. Und tatsächlich, die nächste Fahrt wird für uns Journalisten interessant. Der Fahrer hat Migrationshintergrund und ist Trump-Fan. Was sagt er zum brutalen Vorgehen der ICE-Beamten? Die Fahrt vergeht wie im Flug, sie endet zu früh.

In Erinnerung bleibt auch die nächtliche Kolonne von sechs Waymo-Taxis, die in Austin an uns vorbeigleitet, wahrscheinlich unterwegs zu einem Ort, an dem Gäste nach einer Veranstaltung warten. Für die Texaner ein gewohntes Bild, ebenso die Lieferroboter von Restaurants, die auf den Bürgersteigen fahren. Für uns Deutsche alles neu.

Wir haben uns hier in Sorglosigkeit wiegen lassen – und würden wieder einsteigen, auch wenn Waymo-Parkmanöver manchmal etwas ulkig wirkten. Was wir aber in Texas zu schätzen gelernt haben: den echten Taxifahrer, der von sich erzählt, seiner Familie, seiner Weltsicht. Das möchten wir nicht missen. Und wenn man nach kurzer Zeit die Phase des Staunens in einem selbst fahrenden Auto hinter sich gelassen hat, wenn das einfach Normalität geworden ist, dann ist die Entscheidung klar: Ich fahre lieber bei einem interessanten Menschen mit. Das gibt mir mehr.

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