Pensionierte britische Generäle sind am ehesten bereit, undiplomatisch das zu formulieren, was derzeit hinter verschlossenen Türen der Nato-Staaten einhellige Meinung sein dürfte. Die Nato sei "kein Bündnis, das dafür gedacht ist, dass einer der Verbündeten einen Krieg nach eigenem Ermessen führt (to go on a war of choice) und dann alle anderen dazu zwingt, ihm zu folgen". So lautete die Antwort von Sir General Nick Carter, bis 2021 Generalstabschef der britischen Streitkräfte, die er am Montagmorgen der BBC auf die Frage gab, wie er die Drohung des US-Präsidenten bewerte.
- Nahost-Ticker: Trump – Iran nicht "bereit" für Abkommen
Trump hatte der "Financial Times" in einem Telefoninterview gesagt, es sei nur angemessen, dass diejenigen Länder, die von der Meeresenge von Hormus profitierten, "dazu beitragen, dass dort nichts Schlimmes passiert". Europa und China seien im Gegensatz zu den USA stark von Öl aus dem Golf abhängig. Wörtlich sagte Trump der "Financial Times": "Wenn es keine Reaktion gibt oder wenn die Reaktion negativ ausfällt, wird das meiner Meinung nach sehr schlecht für die Zukunft der Nato sein."
Trump auf hastiger Suche nach Verbündeten
Bereits in den vergangenen Tagen hatte der US-Präsident mit seinem Appell an "China, Frankreich, Japan, Südkorea, Großbritannien und andere" keinen Erfolg erzielt, sich mit Kriegsschiffen an der Sicherung der Straße von Hormus zu beteiligen. Wie sehr Trump durch die unverändert steigenden Rohölpreise unter Druck geraten ist, zeigt eine Meldung der "New York Times": So habe Trump in der vergangenen Woche seinen Generalstabschef Daniel Caine gefragt, "warum die USA die Straße von Hormus nicht unmittelbar wieder öffnen" könnten. Caine habe dem Präsidenten reinen Wein eingeschenkt: Bereits ein einziger iranischer Soldat oder Revolutionsgardist, der mit einem Schnellboot über die schmale Meeresenge rase, könnte eine mobile Rakete direkt auf einen langsam fahrenden Supertanker abfeuern oder eine Haftmine an dessen Rumpf anbringen.
Vor Beginn des amerikanischen und israelischen Angriffskriegs gegen den Iran sei Trump von seinem Generalstabschef auf das Risiko hingewiesen worden, dass das Regime in Teheran die wichtigste Schiffsroute für die Weltwirtschaft blockieren könnte. Trump habe erwidert, dass sich der Iran das nicht trauen würde, wie die "New York Times" bereits in der vergangenen Woche berichtete. Das Bild weiterer brennender Öltanker würde "die Iraner mächtiger erscheinen lassen, als sie sind", wie die "New York Times" unter Hinweis auf die bereits in Brand geschossenen Tanker im Persischen Golf analysiert.
Seit Kriegsbeginn wurden bis Mitte der vergangenen Woche nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters mindestens 22 Schiffe angegriffen: Tanker, Containerschiffe und andere zivilen Schiffe. Dabei seien in zwei Fällen iranische Unterwasserdrohnen eingesetzt worden.
Iran war sehr gut vorbereitet auf Hormus-Blockade
Der Iran hat in den Jahrzehnten nach dem sogenannten "Tankerkrieg" der 1980er Jahre – damals hatten US-Kriegsschiffe während des irakisch-iranischen Kriegs Öltanker durch den Persischen Golf eskortiert – massiv die militärischen Optionen zur Sperrung der Straße von Hormus ausgebaut. Dazu gehören unter anderem kleine Schnellboote, Drohnen und Unterwasserdrohnen sowie ein umfangreiches Arsenal an Minen. Auf keine andere Kriegsführung hat sich das Regime so sehr vorbereitet wie auf ihre wichtigste strategische Waffe: die Unterbrechung der weltwirtschaftlichen Lebensader.
Hohe militärische Risiken
Die USA hätten seit Kriegsbeginn wiederholt Anfragen von Ölkonzernen abgelehnt, ihre Tanker zu eskortieren, meldet das "Wall Street Journal". Es sei zu riskant, Kriegsschiffe in die engen Gewässer der Meeresenge zu entsenden, die an ihrer engsten Stelle rund 21 Seemeilen breit sei. Es bestünden enorme Risiken für US-Kriegsschiffe und Handelsschiffe. Aus amerikanischen Marinekreisen heiße es, so berichtet "Wall Street Journal" weiter, dass die Straße von Hormus zu einer iranischen "Todeszone" werden könnte, sollten Schiffe versuchen, sie zu durchqueren.
Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.
"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht's zur Anmeldung!
