Hochsaison am Großglockner bedeutet: Es ist viel los, besonders am Normalweg, dem sogenannten "Mürztalersteig". Ende August sind dort ein polnischer Bergsteiger und dessen Partnerin unterwegs, als sie an einer engen und steilen Stelle von einem Bergführer und zwei Gästen überholt werden. Der Bergsteiger regt sich auf und zeigt dem Bergführer den Stinkefinger. Daraufhin dreht der Bergführer nach ein paar Schritten nochmal um und packt den Mann am Kragen. Sie brüllen sich gegenseitig an und es kommt zu einer kurzen Rangelei.
Diese Szenen hat der polnische Bergsteiger mit seiner Helmkamera aufgenommen und postet sie anschließend auf Instagram. Das Video geht viral.
Zahlreiche Kommentare im Netz
Fast hunderttausend Aufrufe hat es zwischenzeitlich sowie mehrere tausend Kommentare. In den Reaktionen finden sich Entsetzen und Unverständnis, aber auch Zuspruch für beide Seiten. So ist die Rede von rücksichtslosem Durchdrängeln und Hetzen mancher Bergführer, das andere Bergsteiger überhaupt erst in gefährliche Situationen bringe. Manche äußern, dass es ein zunehmendes Problem mit männlicher Aggressivität gebe. Andere zeigen auch Verständnis für einen Bergführer, dem der Geduldsfaden gerissen ist.
Darüber hinaus berichten aber einige Bergsteiger in den Kommentaren, dass sie viel im Gebirge unterwegs seien, dass sie so etwas aber noch nie erlebt hätten: "Normalerweise hilft man sich gegenseitig und unterstützt einen."
Zum Ansehen: Virales Video - Auseinandersetzung am Großglockner
Stau und Überholdruck am Berg
Überholmanöver am Berg sind alltäglich und passieren meist, ohne sich gegenseitig zu gefährden oder zu beschimpfen. Aber wie sieht es mit den Rechten von Bergführern aus: Haben sie tatsächlich Vorfahrt? Nein, sagt Hans-Christian Hocke aus dem Chiemgau. Er ist Bergführer und Ausbilder im DAV-Bundeslehrteam und seit Jahrzehnten im Hochgebirge unterwegs. "Natürlich haben wir keine Vorfahrt, aber wir überholen oft. Denn selbst mit unerfahrenen Gästen sind wir schneller als andere".
Das liege unter anderem an der Erfahrung der Bergführer, ihrer Geländekenntnis sowie der sicheren Handhabung der Ausrüstung. Der Knackpunkt sei viel mehr die Frage: Wie geht das Überholen vonstatten?
Mehr Rücksichtnahme und Respekt
Das Überholen ist also eine gelebte und sinnvolle Praxis. Am Berg und in der freien Natur sind alle gleichberechtigt. Ausweichen sollte immer derjenige, für den es im Gelände sicherer und einfacher ist. Das sollte mit gegenseitiger Rücksichtnahme und ohne Drängeln kein Problem sein, sagt Bergführer Hocke. "Meistens geht es gut, indem man geduldig ist und freundlich anfragt, ob man bitte überholen dürfe."
Es ist ihm allerdings auch schon passiert, dass Bergsteiger kein Verständnis dafür haben und starrsinnig auf ihren Weg beharren. Zudem herrscht an berühmten Gipfeln wie dem Großglockner als Österreichs höchstem Berg generell viel Betrieb, was eine gewisse Anspannung erzeugt. Das weiß Bergführer Hans-Christian Hocke aus eigener Erfahrung. Er arbeitet auch als systemischer Coach und Trainer und hat sich das Video vom Streit am Mürztalersteig genauer angesehen.
Bergführer gibt seine Lizenz zurück
Es sei ein Konflikt, wie er im alltäglichen Leben immer wieder vorkomme. "Es ist ein falsches Wort, das mit sehr offenem Ohr gehört wird. Darauf folgt sofort eine Reaktion und eskaliert Ping-Pong-artig", so Hocke. Verbale Entgleisungen passieren überall, wo sich Menschen in Stresssituationen begegnen, ob im Straßenverkehr, am Wahlkampfstand oder im Stau auf einem Gebirgssteig.
In diesem Fall ist es eine Eskalation mit Folgen: Die Polizeiinspektion Matrei in Osttirol ermittelt jetzt wegen Gefährdung der körperlichen Sicherheit. Und der betroffene Bergführer aus der Steiermark hat seine Lizenz zurückgegeben. Von ihm liegt bislang keine öffentliche Stellungnahme vor. Die Hintergründe sind daher noch Gegenstand der Ermittlungen. Vorangegangen ist, dass der Kalser Berg- und Schiführerverein den besagten Bergführer von weiteren Vermittlungen ausgeschlossen hat.
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