Die transatlantische Allianz steckt in der schwersten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg. Trumps Amerika und Europas Demokratien verfolgen gegensätzliche Visionen. Experten im BR24-Interview für "Possoch klärt" sind sich einig: Europa muss jetzt liefern – schnell.
Der Westen, wie wir ihn kannten, existiert nicht mehr
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat es auf der Münchner Sicherheitskonferenz klar benannt: Die Welt ist wieder offen von Machtpolitik geprägt. Was jahrzehntelang als gesichert galt – liberale Demokratien, offene Grenzen, transatlantische Solidarität – steht zur Disposition. USA-Expertin Sandra Navidi bringt es auf den Punkt: Die Vereinigten Staaten seien kein verlässlicher Partner mehr. Schlimmer noch: Europa müsse froh sein, wenn Washington sich nicht aktiv gegen den Kontinent stelle.
Trumps Angebot – und Europas Nein
Die Trump-Administration hat eine klare Botschaft an Europa: Macht es wie wir. Politikwissenschaftler Thomas Jäger von der Universität Köln beschreibt das Angebot nüchtern: "Sie wollen Zölle, Protektionismus, eine illiberale Gesellschaft und ihre inneren Gegner als Feinde des Landes brandmarken – und den Europäern bieten sie an: Geht das mit." Viele in Europa würden das sogar mitmachen, warnt Jäger.
Merz hat das Angebot abgelehnt. Der MAGA-Kulturkampf sei nicht Europas Kulturkampf, sagte der Kanzler. Navidi geht noch weiter: Die zivilisatorische Rhetorik der US-Administration sei ohnehin vorgeschoben. Es gehe letztlich um Machtkonzentration bei einer kleinen, sich selbst bereichernden Elite – keine echte Wertefrage, sondern Interessenpolitik.
Im Video: Wie reparieren wir den Westen? Possoch klärt!
"Europa hat sich selbst in diese Lage gebracht"
Julian Müller-Kaler von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik zieht eine ernüchternde Bilanz: Europa hat jahrzehntelang von drei Säulen gelebt – billigem russischen Gas, dem chinesischen Absatzmarkt und amerikanischen Sicherheitsgarantien. Alle drei sind in den vergangenen fünf Jahren weggebrochen. "Insofern sieht sich Europa einer Situation gegenüber, die mit enormen Herausforderungen verbunden ist" – und die Amerikaner hätten sich "mittelfristig abgemeldet".
Thomas Jäger sieht die Schuld klar verteilt: "Die Europäer sind an ihrer Misere selbst schuld. Also können sie es auch ändern."
Rezept der Experten: Keine Alleingänge
Alleingänge scheiden aus, da sind sich alle einig. Für Deutschland erst recht: Sie würden die historische "deutsche Frage" in Europa wieder aufwerfen und Russland in die Hände spielen, so Jäger. Der Weg führt stattdessen über Zusammenarbeit – in europäischen Führungsformaten mit Frankreich, Großbritannien, Polen und Italien, über neue Partnerschaften mit Indien, Lateinamerika und Kanada.
Die Kalkulation dahinter: Ein starkes, geeintes Europa könnte die USA langfristig zum Umdenken bringen. Jäger verweist auf Bill Clinton, der in seiner zweiten Amtszeit nach den Zwischenwahlen seinen Kurs radikal änderte. Bei Trump erwartet Jäger das nicht – aber die amerikanische Gesellschaft, so Jäger, sei weit europafreundlicher als ihre Regierung.
"Kein Grund für Pessimismus"
Müller-Kaler benennt die eigentliche Schwachstelle des Westens: Man habe sich zu lange darauf verlassen, Systeme über Wahlen zu legitimieren – nicht über ihre Ergebnisse. "Wenn der Westen sich erneuern möchte, muss er zeigen, dass demokratische Systeme resilient sind, lernfähig gegenüber Kritik und den Leuten ein besseres Leben garantieren als autoritäre Systeme."
Die Zeit dafür ist knapp. In Frankreich stehen Wahlen an, in Großbritannien folgen sie. Politische Partner, auf die Europa heute baut, könnten morgen schon wegbrechen. Jäger mahnt zur Eile, gibt aber auch Hoffnung: "Wenn man sich zurückdenkt, wie Europa 1945 ausgesehen hat – das ist kein Grund für Pessimismus."
Auf TikTok: Ist der Westen noch zu retten?
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