An diesem Sonntag gibt es eine der spannendsten Wahlen seit Langem in Europa: in Ungarn. Viktor Orban, der dienstälteste Regierungschef der EU könnte nach 16 Jahren als Premierminister abgewählt werden. Sein Herausforderer ist der pro-europäische Kandidat Peter Magyar. Seit Wochen sehen alle Umfragen die oppositionelle Partei Tisza vor der Regierungspartei Fidesz des rechtsnationalen Orban. Dennoch ist unklar, ob ein Regierungs- und vor allem ein Politikwechsel in Budapest nach 16-jähriger Herrschaft Orbans überhaupt möglich ist.
Fidesz veränderte das Wahlrecht
Das Wahlrecht begünstigt die Gebiete, in denen die Fidesz-Partei besonders stark ist. Diese hat durch mehrere Wahlrechtsreformen dafür gesorgt, dass ländliche Wahlkreise durch ihren Zuschnitt mehr Gewicht bekommen als städtische, in denen Orban deutlich weniger Sympathie genießt. "Die Regierung hat die Wahlkreise für sich optimiert", sagte Kai-Olaf Lang von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) dem "Handelsblatt". Umfragen, in denen Tisza landesweit vorne liegt, könnten deshalb irreführend sein.
Nach Einschätzung von Daniel Hegedüs vom Institut für Europäische Politik (IEP) braucht Tisza landesweit mindestens einen Vorsprung von fünf bis sieben Prozentpunkten, um eine parlamentarische Mehrheit erhalten zu können.
Großes Konzert gegen Orban
Kurz vor der Wahl versammeln sich in Budapest noch einmal Menschen zu einem Konzert. So viele wie möglich sollen am Sonntag Orban abwählen – mit dieser Botschaft wandten sich am Freitagabend mehr als 50 Bands an die Bevölkerung.
Unterstützung bekam Orban von US-Präsident Donald Trump: Kurz vor der Parlamentswahl sagte Trump dem Land wirtschaftliche Unterstützung zu, falls Orban erneut gewinnt. Er sei bereit, "die volle wirtschaftliche Macht" der USA einzusetzen, um Ungarn zu helfen, erklärte Trump auf seiner Onlineplattform Truth Social. Die USA würden sich darauf freuen, "in den künftigen Wohlstand zu investieren, der durch Orbans fortgesetzte Führung entstehen wird". Der rechtsnationale Orban ist Trumps engster Verbündeter in der EU – und auch von dessen russischem Amtskollegen Wladimir Putin. Am Dienstag war US-Vizepräsident JD Vance noch nach Budapest gereist, um Orban zu unterstützen.
Würde Orban eine Niederlage akzeptieren?
In der ungarischen Opposition, aber auch in der EU gibt es die Sorge, dass Orban mit seinem als autoritär kritisierten Regierungsstil ein für ihn negatives Wahlergebnis vielleicht nicht akzeptieren wird. Er könnte mit Hinweis auf angebliche Einmischungen aus dem Ausland oder eine angeblich prekäre Lage im Inland einen Ausnahmezustand ausrufen, warnen Beobachter. Orban könnte zudem das Wahlergebnis anfechten. Nach 16 Jahren als Ministerpräsident und durch Justizreformen hat er großen Einfluss auf die Gerichte. Orban und seine Unterstützer kontrollieren zudem weite Teile der ungarischen Medien.
Könnte eine Tisza-Regierung überhaupt etwas bewegen?
Selbst wenn es zu einer von Tisza-Chef Magyar geführten Regierung kommen sollte, gilt als unklar, ob er viel bewegen kann. Orban hat mit seiner Zweidrittel-Mehrheit weitreichende Gesetzesänderungen vorgenommen. Viele Gesetze lassen sich nicht mehr mit einfacher Mehrheit ändern. Das gilt etwa für das Wahlrecht, Regeln zur Staatsbürgerschaft, aber auch für Kernaspekte des Rentensystems, der Steuergesetzgebung und die Wahl des Präsidenten. Nur wenn Tisza bei der Wahl selbst eine Zweidrittel-Mehrheit gewinnen würde, könnte Magyar tiefgreifende Reformen einleiten.
Der 45 Jahre alte Magyar war früher selbst Mitglied in Orbans Partei Fidesz und arbeitete für die Regierung. Als diese im Februar 2024 von einem Skandal um die Begnadigung eines in Kindesmissbrauch verwickelten Mannes erschüttert wurde, betrat Magyar mit scharfen Angriffen auf Orban die politische Bühne und wurde in kürzester Zeit zum neuen Hoffnungsträger der Regierungsgegner.
Magyar: Scharfer Kurs gegen Migration
Magyar kündigte an, das gesamte politische System "Stein für Stein" abzubauen. Er verspricht seinen Wählern Verbesserungen im Gesundheitswesen und einen entschlossenen Kampf gegen Korruption. Er steht für einen pro-westlichen Kurs und will Ungarn nach eigenen Angaben zu einem verlässlichen Nato- und EU-Partner machen. Magyar vertritt zugleich einen scharfen Anti-Einwanderungskurs und lehnt wie Orban Waffenlieferungen an die Ukraine ab.
Mit Informationen von Reuters und AFP
Zum Audio: Mehr als 100.000 Menschen bei Konzert gegen Viktor Orban
10.04.2026: Mehr als 100.000 Menschen bei Konzert gegen Viktor Orban
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