Martin Hintermaier in Fraunberg im Landkreis Erding betreibt seit 2005 eine Biogasanlage. Früher hatte er einen Milchviehbetrieb mit 35 Kühen. Weil der Milchpreis im Keller war, sattelte er – wie viele andere Landwirte – auf Biogas um. Damals herrschte große Euphorie in der Branche. Die rot-grüne Bundesregierung hatte das Erneuerbare-Energien-Gesetz EEG auf den Weg gebracht. Biogasbetreibern wurde ein festes Entgelt für den gelieferten Strom zugesichert: bis zu 21 Cent pro Kilowattstunde und das 20 Jahre lang.
Nun ist der Vertrag bei Martin Hintermaier wie bei vielen anderen Betreibern ausgelaufen, und es herrscht große Unsicherheit. "Wir haben eine WhatsApp-Gruppe unter Kollegen", sagt er, "da steht jede Woche einer drin, der seine Stromgeneratoren und seine Rührwerke verkauft, weil er aufhört."
Hohe Auflagen für Biogas-Anlagen
Bis zu zehn Prozent der Anlagen werden wohl schließen, schätzt der Fachverband Biogas. Der Grund: Um in Zukunft überhaupt noch Geld für ihren Strom zu bekommen, müssen Biogas-Betreiber viele Auflagen erfüllen. Sie dürfen zum Beispiel nur noch maximal 25 Prozent Mais in der Anlage verwerten und den Strom nicht permanent, sondern nur zu bestimmten Zeiten ins Netz einspeisen. Dafür sind aber hohe Investitionen in zusätzliche Stromgeneratoren und größere Gasspeicher nötig.
Martin Hintermaier hat seine Anlage inzwischen nachgerüstet und kann die Auflagen erfüllen. Trotzdem weiß er nicht, ob das in Zukunft reicht.
"Lotteriespiel" um neue Lieferverträge
Außerdem müssen sich Biogas-Betreiber nach dem Auslaufen der gesicherten EEG-Förderung bei der Bundesnetzagentur neu für einen Liefervertrag bewerben und dabei ein Angebot abgeben, wie viel sie für ihren Strom bekommen möchten.
Das Knifflige dabei: Nur die günstigsten Anbieter bekommen einen Zuschlag. "Das ist ein reines Lotteriespiel", sagt Christian Bürger, Referent für Erneuerbare Energien beim Bayerischen Bauernverband und selbst Betreiber einer Biogasanlage. Das sei mit ein Grund, weshalb viele Anlagen schließen.
Tank-oder-Teller-Diskussion
Die Stromerzeugung aus Biogas steht seit langem in der Kritik. Nach Einführung des EEG hatte der Boom dazu geführt, dass die Anbauflächen für Mais und andere Energiepflanzen immer mehr ausgeweitet wurden. Zurzeit werden 15 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche in Deutschland für die Erzeugung von Biosprit und Biogas verwendet.
Angesichts der Nahrungsmittelknappheit in vielen Teilen der Welt kritisieren NGOs wie Greenpeace oder die Welthungerhilfe den Anbau von Pflanzen zur Strom und Kraftstoffgewinnung. Jan Seven vom Umweltbundesamt kritisiert außerdem die mangelnde Effizienz von Biogas. "Würde man die Fläche von einem Hektar Mais mit Photovoltaik nutzen, hätten wir eine 40- bis 60-fache Ausbeute." Um die Anbauflächen nicht weiter auszuweiten, können auch verstärkt Reststoffe vom Acker wie Stroh aus Mais und Getreide, ebenso wie Gülle und Bio-Abfälle in Biogasanlagen verwertet werden.
Biogas als "Jahreszeitenspeicher"
Andererseits haben Biogasanlagen einen entscheidenden Vorteil: Sie können auch dann Strom liefern, wenn es dunkel ist und kein Wind weht. Darauf verweist Christian Bürger vom Bayerischen Bauernverband. "Wir konservieren in den Energiepflanzen die Sonnenenergie eines Jahres, speichern sie als Silage und können sie über den Winter oder wenn die Energie gebraucht wird, abrufen."
Immerhin produzieren alle 2.700 bayerischen Biogas-Anlagen zusammen etwa acht Terawattstunden Strom pro Jahr. Zum Vergleich: Das Atomkraftwerk Isar II lieferte etwa zwölf Terawattstunden.
Beimischungspflicht ab 2029
Und: Biogas kann – zu Biomethan aufbereitet – dem Erdgas beigemischt werden. Nach den Plänen von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) für das neue Gebäudeenergiegesetz soll grünes Gas ab 2029 mit steigendem Anteil dem Erdgas zugefügt werden. Grünes Gas heißt: grüner Wasserstoff, synthetisches Methan und Biomethan. Genau das könnte aus Biogas gewonnen werden.
Nach Auskunft des Fachverbands Biogas kann dieser zusätzliche Bedarf auch jetzt schon mit Biogas gedeckt werden. Das Biogas muss in entsprechenden Anlagen allerdings erst aufbereitet werden. Doch hier fehlen dem Verband noch klare gesetzliche Vorgaben. In Bayern laufen momentan Machbarkeitsstudien für Biogas-Cluster. Dabei wird untersucht, unter welchen Voraussetzungen sich Biogasanlagen zusammenschließen und Biomethan ins Erdgasnetz eingespeist werden könnte.
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