Nach dem Rücktritt von Unionsfraktionschef Jens Spahn (CDU) wegen der Leihmutterschafts-Affäre will Kanzler Friedrich Merz die Nachfolge zügig klären. Zusammen mit CSU-Chef Markus Söder möchte er vor seinem Urlaub Ende Juli einen Vorschlag präsentieren. Merz und Söder waren am Wochenende zum weiteren Vorgehen im Gespräch. Seit Spahns Rücktritt laufen die Personalspekulationen in der Union auf Hochtouren.
Merz: "Gelegenheit, über Aufstellung der Bundesregierung nachzudenken"
Der Wechsel an der Fraktionsspitze könnte personelle Veränderungen an anderer Stelle nach sich ziehen. "Es könnte die Gelegenheit sein, noch einmal über die Aufstellung der Bundesregierung nachzudenken", sagte Kanzler Merz im ZDF-Sommerinterview.
Montag tagt das CDU-Präsidium. Ob Merz schon dann einen Vorschlag präsentieren kann, gilt als offen. Gewählt wird der neue Vorsitzende von der Fraktion. Möglich ist eine Sondersitzung in der Sommerpause. Die erste reguläre Fraktionssitzung danach ist erst am 8. September.
Wechselt Frei vom Kanzleramt zurück in die Fraktion?
Am häufigsten wird Kanzleramtschef Thorsten Frei (CDU) als möglicher Nachfolger von Spahn genannt. Frei war in der vergangenen Legislaturperiode Parlamentarischer Geschäftsführer unter dem damaligen Fraktionschef und Oppositionsführer Merz und kennt damit die Arbeit an der Spitze der Unions-Abgeordneten bestens. Der 52-Jährige war schon nach der Bundestagswahl 2025 für den Fraktionsvorsitz im Gespräch. Merz holte seinen engen Vertrauten dann aber doch ins Kanzleramt. Dort hat er nur schwer Fuß gefasst.
Frei wird von einigen in der Union vorgeworfen, lieber Interviews zu geben, als die Koalitionsarbeit zu koordinieren. Beim Reformpaket übernahmen dann die Fraktionsspitzen selbst diese Aufgabe. Die Fraktionsarbeit passe besser zu Frei, meinen viele. Mit ihm würde Merz einen loyalen Vertrauten an der Fraktionsspitze haben und könnte gleichzeitig neuen Schwung ins Kanzleramt bringen.
Ebenfalls im Gespräch: Carsten Linnemann und Alexander Dobrindt
Als Fraktionschef käme neben Frei auch Generalsekretär Carsten Linnemann infrage, der wie Spahn aus Nordrhein-Westfalen stammt. Er hat sich als Generalsekretär unter Merz nur bedingt entfalten können.
Auch Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) wird als Option genannt – er gilt als erfolgreichstes Kabinettsmitglied. Genau das dürfte aber gegen einen Wechsel sprechen. Außerdem hat Dobrindt bewiesen, dass er auch von seinem jetzigen Posten aus die Strippen ziehen kann, was das Gesamtgefüge der Koalition angeht.
Im Video: BR-Korrespondent Jakob Mayr zur Nachfolge von Spahn
BR-Korrespondent Jakob Mayr zum Rücktritt von Spahn
Günter Krings als möglicher Chef des Kanzleramts?
Von den Stellvertretern Spahns ist Günter Krings der einzige, der in den Personalspekulationen eine Rolle spielt. Er ist in der Fraktionsführung für die Bereiche Inneres, Recht und Verbraucher zuständig und führt die mächtige Landesgruppe Nordrhein-Westfalen an. Im vergangenen Jahr hatte Merz versucht, ihn als Vorsitzenden der Konrad-Adenauer-Stiftung zu installieren. Er scheiterte in einer Kampfabstimmung gegen die frühere Parteivorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer.
Der Kanzler ist ihm also quasi noch etwas schuldig. Allerdings wird Krings eher als Chef des Kanzleramts genannt für den Fall, dass Frei zurück in die Fraktion wechselt.
Und wie wäre es mit einer Frau?
Und was ist mit den Frauen in der Union? Die einzige, die in den Personalspekulationen von Medien und Unionisten eine Rolle spielt, ist Gesundheitsministerin Nina Warken. Sie hat die Reform der gesetzlichen Krankenversicherung gerade über die Bühne gebracht, hat aber noch die Pflegereform vor sich, zu der bisher erst ein Referentenentwurf existiert.
Ihr derzeitiger Job und die große männliche Konkurrenz lassen es als eher unwahrscheinlich erscheinen, dass sie es wird.
Drei wichtige Landtagswahlen stehen an
Gibt es nicht schnell genug eine Entscheidung, könnten Personaldiskussionen die kommenden Wochen dominieren, obwohl der Kanzler und seine schwarz-rote Koalition mit ihrem auf den Weg gebrachten Reformpaket auf einen positiven und ruhigen Start in die Sommerpause gesetzt hatten.
Zudem stehen im September die Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin an. Eine Hängepartie dürfte den Wahlkämpfern gar nicht gefallen. Die AfD liegt in den Umfragen in Mecklenburg-Vorpommern und in Sachsen-Anhalt klar auf Platz eins – und weit vor der CDU.
CSU-Politiker Hoffmann übernimmt kommissarisch Fraktionsvorsitz
Bis über die Nachfolge von Spahn entschieden ist, übernimmt dessen bisheriger Stellvertreter Alexander Hoffmann (CSU) die Amtsgeschäfte an der Spitze der Unionsfraktion. "Ich werde diese Fraktion so lange führen, bis ein neuer oder eine neue Vorsitzende gewählt ist. Wir haben also grundsätzlich keine Eile", sagte der CSU-Politiker Hoffmann im "ZDF spezial". Die Unionsfraktion sei weiterhin entscheidungsfähig, handlungsfähig und auch sprechfähig.
Im Video: Hoffmann zu Spahn-Rücktritt: Entscheidung verdient "allergrößten Respekt"
Hoffmann im Interview: Entscheidung verdient "allergrößten Respekt"
Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.
"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!


