Konrad Renzler ist ein bekannter Kletterer und ehemaliger Bürgermeister von Rasen-Antholz in Südtirol. Antholz ist mit seinen rund 3.000 Einwohnern einer der Austragungsorte der Olympischen Winterspiele 2026. Renzler hatte sich vor vielen Jahren dafür eingesetzt, den Biathlon an seinen Heimatort zu holen. Heute bereut er diese Entscheidung beinahe. Dem BR24-Funkstreifzug sagte er: "Ich hab da … fast schon Schuldgefühle, weil ich der war, der das gefördert hat."
Waren die Baumaßnahmen wirklich nachhaltig?
In den vergangenen Jahren musste Konrad Renzler dabei zusehen, wie in seiner Heimat Bergwald gerodet und die schon bestehende Biathlon-Sportanlage in der Naturlandschaft des Antholzer Sees immer weiter ausgebaut wurde. Obwohl es schon eine Tribüne gab, wurde eine neue errichtet. Auch ein neues Stadion und eine neue Beschneiungsanlage mussten her, ebenso eine unterirdische Schießanlage.
Die Ausmaße der Neubauten habe er sich damals nicht vorstellen können, als über die Winterspiele verhandelt wurde, sagt Renzler heute. Der BR hat mit dem Ex-Bürgermeister und vielen anderen Betroffenen über einen längeren Zeitraum Interviews geführt. Bei vielen von ihnen ist zu beobachten, wie aus der einstigen Euphorie Enttäuschung und Wut wurden. Denn die einst vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) und den italienischen Gastgebern versprochene nachhaltige Herangehensweise wurde an praktisch allen Orten nicht eingehalten. Das IOC verweist darauf, dass die Verantwortung für Neubauten bei den beteiligten Kommunen liege.
Neubau statt Nutzung von bestehenden Anlagen
Nach der Rückkehr der Olympischen Spiele in die Alpen waren die Wettbewerbe diesmal gerade deshalb auf sechs verschiedene Austragungsorte verteilt worden, damit bestehende Anlagen genutzt und eben nicht neu gebaut werden mussten. Tatsächlich listet die offizielle Olympiagesellschaft nun 98 große Bauvorhaben an sämtlichen Austragungsorten auf.
Beispiel Predazzo: Hier wurden Skisprungschanzen zum Teil abgerissen und neu errichtet. In Livigno gibt es jetzt eines der größten Speicherbecken für Kunstschnee in den Alpen auf über 2.000 Metern Höhe. Für rund 120 Millionen Euro wurde in Cortina d'Ampezzo eine neue Bobbahn gebaut. Auch hier wurde Bergwald gerodet. Dabei ist eine Landschaft in den Dolomiten betroffen, die von der Unesco sogar als Weltnaturerbe eingestuft worden ist.
Was sagen politisch Verantwortliche?
Auch bei politisch verantwortlichen Entscheidungsträgern haben sich die Aussagen zu den Baumaßnahmen im Laufe der Zeit verändert. Obwohl er sich früher positiv in Sachen Umweltschutz geäußert hatte, sagt der Südtiroler Landeshauptmann Arno Kompatscher (SVP) dem BR im Dezember 2023 zu den Bauarbeiten in Antholz, der Ausbau der Biathlon-Anlage sei ein langgehegter Wunsch der Betreiber. Dabei gehe es auch um eine unterirdische Schießanlage, damit man das ganze Jahr trainieren könne. "Und man hat die Gelegenheit Olympische Spiele genutzt, weil es auch Mittel dafür gab, das dann zu realisieren. Das wäre aber für die Spiele nicht notwendig. Das muss man offen sagen", gesteht Kompatscher ein.
Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit
Vor Ort gab es immer wieder Demonstrationen und politische Diskussionen. Der Umweltexperte und ehemalige Generalsekretär der Alpenschutzkommission CIPRA International, Kaspar Schuler, beklagt die mangelnde Nachhaltigkeit:
"Wir unterliegen hier einer klug gemachten, gut inszenierten Täuschung: Auf der einen Seite haben wir die Faszination um den Traum für die Athletinnen und Athleten. Wir haben die packenden Erlebnisse für die Fans und die Freiwilligen, und dahinter ist eine eiskalt durchkalkulierte Maschinerie."
Hoffnung auf wirtschaftliche Entwicklung
Viele Kommunen erhofften sich jedoch durch die umfangreichen Olympia-Investitionen wirtschaftliche Entwicklung und eine Perspektive für die Zukunft. Ob diese Rechnung aufgeht, wird sich erst nach den Spielen zeigen. Ex-Bürgermeister Konrad Renzler aus Antholz ist jedenfalls skeptisch.
Im Video: Letzte Vorbereitungen zu Olympischen Spielen in Italien
Die ausführliche Recherche gibt es im Funkstreifzug-Podcast in der ARD-Audiothek und um 12.15 Uhr in BR24 Radio.
Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.
"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!
