Im Juni 2024 bei einem Staatsbesuch von Putin in Nordkorea
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Spritztour in Pjöngjang: Kim Jong-un und Putin fahren Aurus
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Spritztour in Pjöngjang: Kim Jong-un und Putin fahren Aurus

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Absatz lahmt: Putin blamiert sich mit russischer Staatskarosse

Absatz lahmt: Putin blamiert sich mit russischer Staatskarosse

Gern brüstete sich der russische Präsident mit der Luxuslimousine Aurus aus einheimischer Fabrikation. Er verschenkte sogar zwei Exemplare an den nordkoreanischen Machthaber Kim Jong-un. Doch die Nachfrage scheint ausgesprochen schleppend zu sein.

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"So läuft das eben: Sie blähten die Backen auf, stopften schöne Rechenschaftsberichte in einen roten Ordner und präsentierten sie dem höchsten Verantwortungsträger auf dem Silbertablett. Am Ende landeten sie im Dreck und brüllten herum. Aber sie schafften es, eine Menge Geld aus dem Staatshaushalt herauszupressen", hieß es bei einem der zahlreichen russischen Politblogger [externer Link] spöttisch zur Meldung, wonach die Produktion der von Putin persönlich viel beworbenen russischen Luxus-Automarke Aurus "wegen Inventur" seit Anfang Februar bis mindestens Ende März ruht.

Peinlich daran: Der russische Präsident hatte seinen indischen Amtskollegen Narendra Modi demonstrativ in seinen Dienstwagen eingeladen ("Limousinen-Diplomatie") und im Sommer 2024 zwei dieser Staatskarossen dem nordkoreanischen Machthaber Kim Jong-un geschenkt, wohl auch, um die Leistungsfähigkeit der russischen Autoindustrie zu unterstreichen.

"Autos nur in einer Parallelwelt"

Inzwischen stellte sich nach Angaben russischer und britischer Medien heraus, dass Kim Jong-un lieber mit Maybach-Luxuslimousinen aus deutscher Produktion unterwegs ist, während die Aurus-Modelle in der Garage "verstaubten", wie es Beobachter ausdrückten. Der kremlkritische Politologe Andrei Nikulin empfand darüber [externer Link] nach eigenen Worten "ausdrücklich kein Bedauern".

Die St. Petersburger Zeitung "Fontanka" hatte berichtet [externer Link], der Hersteller von Aurus habe millionenschwere Schulden, die Montage sei bis auf Weiteres stillgelegt. Dafür könne es drei Gründe geben: Entweder sei der Absatz des bis zu umgerechnet 700.000 Euro teuren Wagens eingebrochen oder es gebe technische Probleme mit einer Modernisierung. Denkbar sei auch, dass es im Ausland so gut wie keine Nachfrage gegeben habe, von ein paar Exemplaren abgesehen, die in die Vereinigten Arabischen Emirate geliefert worden seien.

Mangels glaubwürdiger Statistiken sei völlig schleierhaft, wie viele Aurus-Wagen überhaupt hergestellt worden seien, zumal deren Besitzer keinen Wert auf Publicity legten: "Wenn diese Autos nur in einer Parallelwelt existieren, für die es keine zugänglichen Daten oder registrierte Eigentümer gibt, dann ist völlig unklar, wer genau aufgehört hat, sie zu kaufen."

"Schweiz baut auch keine Autos"

In russischen Leserkommentaren hieß es ironisch, womöglich könne der Aurus mangels Privatkunden ja bald als Taxi durch Moskau rollen: "Wir müssen die Autoproduktion in Russland einstellen. Das ist nicht unsere Spezialität. Schauen Sie sich die Schweiz an, die produziert auch keine Autos – und was für ein reiches Land ist sie!" Andere schimpften: "Er sieht widerlich altmodisch aus, der Name ist dämlich. Er ist Lichtjahre von einem Mercedes entfernt." Russische Panzer seien ja technisch auch noch auf dem Niveau der Sowjetzeit", wurde gehöhnt.

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Einer der Fontanka-Leser meinte: "Sie verstehen einfach nicht die Macht und Notwendigkeit von Propaganda. Jedes ernstzunehmende Staatsoberhaupt sollte über ein Flugzeug, ein Auto und einen Flugzeugträger aus landeseigener Produktion verfügen, damit es im Land als wirkliche Autorität anerkannt wird."

"Mit harter Realität konfrontiert"

Der Propaganda-Traum von der "technischen Souveränität" Russlands sei abermals geplatzt, weil sich herausgestellt habe, dass der Aurus teils mit ausländischen Komponenten verschiedener Luxushersteller ("Frankenstein"-Auto) zusammengebaut worden sei, urteilte einer der mit 150.000 Fans tonangebenden anonymen Polit-Blogger [externer Link]: "So sah sich das Projekt, das als Symbol eines neuen Industriezeitalters konzipiert war, mit einer harten Realität konfrontiert: begrenzten Ressourcen, technologischer Abhängigkeit vom Ausland und mangelnder Inlandsnachfrage selbst in der Zielgruppe. Das Gerede vom Ersatz importierter Waren erwies sich als Fassade, hinter der sich weiterhin Einfuhren verbergen."

Militärblogger Alexei Schiwow hatte bereits im vergangenen Oktober gemurrt [externer Link]: "Rein kulturell betrachtet ist es seltsam, dass auf russischen Aurus-Limousinen kein einziger russischer Schriftzug zu finden ist; alles ist in lateinischen Buchstaben. Ich sehe darin eine versteckte Geringschätzung unserer Sprache und des kyrillischen Alphabets. Sie werden nichts Wertvolles und Teures jemals auf Russisch anpreisen."

Angesichts dieser Debatte wird die Erinnerung wach an den französischen Reisenden Astolph de Custine. "Die Russen suchen in allem einzig und allein ein gewisses Aussehen von Eleganz, den äußeren Schein der Pracht, ein Prahlen mit Reichtum und Großartigkeit", schrieb er 1839 über seine Erlebnisse in Russland.

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