"Kurz gesagt, egal wie sehr sich der Kreml auch bemüht, sich nach Osten zu wenden, ein alter Freund ist besser als zwei neue, denn der Osten, und insbesondere der Iran, sind eine heikle Angelegenheit und nicht immer lohnend", schreibt der russische Polit-Blogger Dimitri Sewrjukow (externer Link).
Er und viele andere seiner Landsleute zeigten sich sehr skeptisch, was die Verlässlichkeit des Regimes in Teheran angeht, obwohl es von der Kreml-Propaganda seit dem Angriff auf die Ukraine als Unterstützer und Lieferant von Rüstungsgütern gefeiert wird: "Für den durchschnittlichen Russen ist der Iran ein fernes, unverständliches Land und gewiss kein enger Verbündeter."
Die höheren Ölpreise sind für Sewrjukow ein schwacher Trost und könnten die Ansehensverluste, die Russland durch die Schwächung des Iran erleide, "nicht ausgleichen". Putin hatte die Tötung des iranischen Religionsführers und obersten Machthabers Ali Chamenei zwar als "zynischen Verstoß gegen alle Normen der menschlichen Moral und des Völkerrechts" bezeichnet und die "strategische Partnerschaft" mit Teheran gewürdigt, aber keinerlei konkrete Unterstützung des Irans angekündigt (externer Link).
"Alternde Fanatiker und gierige Machthaber"
Auch Politologe Ilja Graschtschenkow rechnete ziemlich ungnädig mit der Mullah-Herrschaft ab (externer Link): "Das iranische Regime bietet ohnehin wenig Hoffnung, da es unfähig zur Erneuerung oder zum Neustart ist. Die einst jugendliche und kühne islamische Revolution ist, wie zuvor die sowjetische, zu einer Angelegenheit alternder Fanatiker und gieriger Machthaber geworden."
Die Tradition sei im Iran zur "Dekoration" verkommen, betonte Graschtschenkow und zielte damit unausgesprochen direkt auf die Kreml-Propaganda, die sich selbst ständig auf angeblich "traditionelle Werte" beruft.
"Iran handelte stets aus Eigennutz"
Publizist Andrei Medwedew (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen russischen Ex-Präsidenten) schrieb noch grimmiger (externer Link): "Während einige Genossen nun fordern, Russland solle unverzüglich für seine iranischen Brüder kämpfen, möchte ich daran erinnern, dass der Iran in seinen Beziehungen zu Russland stets aus Eigennutz gehandelt hat. Und mitunter hat er sogar gegen Russland gekämpft." Wer wisse schon, ob der Iran in Zukunft nicht wieder zu den "Feinden" Russlands gehören werde.
Wirtschaftskolumnist Dmitri Drise wunderte sich über die bemerkenswerte Flexibilität des Kremls in Bündnisangelegenheiten und meinte (externer Link) mit Blick auf die "Männerfreundschaft" zwischen Putin und Trump: "Manche mögen es befremdlich finden, dass Moskau den Dialog unter der Schirmherrschaft eines Landes (der USA, Anm.d.Red.) fortsetzt, das die Liquidierung seines Verbündeten ermöglicht hat – auch wenn diese Aktionen offiziell verurteilt wurden."
Moralisch habe der Kreml die "Imperialisten" zwar verurteilt, aber nicht mehr: "China hat seine Besorgnis geäußert. Die russische Antwort war wortgewandter, aber im Wesentlichen dieselbe."
Infotafel
Politologe Dmitri Michailitschenko wagte eine verblüffende Prognose (externer Link): "Für Moskau wäre das beste Szenario, wenn der Iran zwar geschwächt aus dem Konflikt hervorginge, die Revolutionsgarden aber weiterhin an der Macht blieben. Genau das könnte eintreten. Die meisten seriösen Orientalisten gehen davon aus, dass die Revolutionsgarden überleben werden, wenn auch um den Preis, viele Ressourcen zu verlieren und auf ein mittelalterliches Niveau zurückgestuft zu werden."
"Iran wird sich noch mehr Feinde machen"
Politologe Georgi Bovt und weitere russische Kommentatoren kritisierten die Mullahs (externer Link), weil sie arabische Nachbarstaaten bombardierten. Das sei ein "großer Fehler": "Der Iran hatte dort ohnehin schon keine Verbündeten, wird sich nun aber noch mehr Feinde machen. Das wirkt wie ein Akt der Verzweiflung, der zur Selbstisolation führt. Die Araber werden die amerikanischen Militärbasen nicht aufgeben. Im Gegenteil, sie werden zu der Überzeugung gelangen, dass sie diese zum Schutz vor den militanten schiitischen Mullahs des Iran benötigen."
Auch der russische Präsident selbst muss sich teilweise herbe Vorwürfe gefallen lassen (externer Link): "Putin hat sich international so sehr diskreditiert, dass sein Wort nichts mehr wert ist. Alle Verbündeten wurden verraten, alle Versprechen gebrochen. Auch innerhalb Russlands hat die Autorität des Präsidenten an Wert verloren. Selbst eingefleischte Putin-Anhänger erkennen, dass ihr Präsident völlig versagt hat."
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