Frau mit Findelkind: Szene aus "Das kostbarste aller Güter"
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"Das kostbarste aller Güter": Ein kleines Animations-Meisterwerk

"Das kostbarste aller Güter": Ein kleines Animations-Meisterwerk

Für "The Artist" gewann er einen Oscar. Jetzt bringt Regisseur Michel Hazanavicius einen Animationsfilm ins Kino. "Das kostbarste aller Güter" erzählt ein Märchen inmitten der größten Katastrophe des 20. Jahrhunderts, dem Holocaust. Geht das gut?

Über dieses Thema berichtet: Bayern 2 Die Welt am Morgen am .

"Es war einmal in einem großen Wald... ": So beginnt dieser Film. Ein Anfang wie im Märchen. Und auch die Geschichte spricht eine eindeutige Sprache. "Eines Tages" erfüllt sich der sehnlichste Wunsch einer Bauersfrau.

Eine Bauersfrau nimmt ein Findelkind auf

Eben hat sie noch den Zug beobachtet, der unweit von ihr durch den verschneiten Wald dampfte. Dann hört sie das Wimmern. Ein Kleinkind. Es liegt im Schnee. Ein verzweifelter Vater hat es gerade aus dem Zug geworfen, dem Zug ins Vernichtungslager Auschwitz. Diese Findelkind im polnischen Winter 1943 ist für die Bauersfrau das titelgebende "kostbarste aller Güter".

Der Film basiert auf dem gleichnamigen Jugendroman von Jean-Claude Grumberg von 2019. Als Animationsfilm inszeniert hat ihn nun Michel Hazanavicius. Der französische Regisseur gelangte zu Weltruhm mit dem Stummfilm "The Artist", der 2011 den Oscar als bester Film gewonnen hatte.

Regisseur Hazanavicius kannte den Autor der Buchvorlage

"Als ich es las, war es eine so schöne Geschichte", so Hazanavicius im Interview. "So einfach und so bescheiden und gleichzeitig so kraftvoll und emotional. Da konnte ich nicht nein sagen." Hazanavicius kennt Grumberg von Kindheit an. Seine Eltern waren mit dem Schriftsteller befreundet. Dessen Geschichte habe ihn deshalb an "sehr intimen Punkten" berührt, sagt er.

Und nicht nur wegen der Bekanntschaft zu Grumberg. "Diese Geschichte ist die Geschichte meiner Familie", erzählt Hazanavicius. "Nicht diese spezifische Geschichte, aber der Genozid. Meine Großeltern waren Juden und haben den Genozid überlebt."

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Szene aus "Das kostbarste aller Güter"

Das Unfassbare im Gewand eines Märchens

Hazanavicius schildert das Unfassbare in seiner Verfilmung wie ein Märchen. Er erzählt von den Ärmsten, die unter schwierigsten Bedingungen leben, von rauen Holzfällern, die sich nach der harten Arbeit bei Schnapps offen dem Fremdenhass hingeben. Und auch der Bauersfrau misstrauisch begegnen, nachdem sie das Kind aus dem Zug aufnimmt.

Doch es geht auch darum, wie Menschen aus dem Fremdenhass erwachen. Der Holzfäller lernt schnell, dass das Kind natürlich einen Herzschlag hat, dass die "Herzlosen", wie er sie nennt, ein Herz haben. Und verfällt der Kleinen – eine der schönsten Szenen des Films – mit Haut und Haaren. Hass wandelt sich zu Nächstenliebe.

Die grundlegenden Zeichnungen für den Film hat der Regisseur selbst angefertigt. "Das kostbarste aller Güter" bewegt sich ästhetisch weit jenseits der computergenerierten Perfektion der Disney-Pixarfilme. Die Zeichnungen wirken wie Scherenschnitte.

Animation schafft Distanz

Hazanavicius erzählt hier von unfassbarem Grauen, aber nicht in expliziten Bildern. Eher bleibt der Schrecken im Hintergrund erahnbar. Dadurch erhält der Film eine ganz besondere Wirkung.

Animation schaffe Distanz, sagt der Regisseur. "Wenn man etwas für Kinder macht, muss man sie schützen. Man will ihnen erzählen, was passiert ist, und man will ihnen die Wahrheit der Geschichte erzählen. Aber man will sie nicht traumatisieren." Aus dem Grund habe er sich gegen eine Realverfilmung entschieden.

Das Ergebnis ist ein kleines Meisterwerk. Eine Ode an das Leben, ein bewegendes Plädoyer, dass die Würde eines jeden Menschen unantastbar ist. Und ein Film, der Hoffnung macht, weil er zeigt, wie Menschen aus Fremdenhass und Misstrauen erwachen können.

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