Mit diesem Auftritt handelte sich Wladimir Putin jede Menge befremdete Kommentare seiner Landsleute ein. Vor Beginn des Schuljahrs am 1. September besuchte der russische Präsident die Moskauer Hochschule für Lehrerausbildung und traf dort auf den Chinesisch-Lehrer Dmitri Balantschukow, der zum "Pädagogen des Jahres" ausgerufen worden war und als Belohnung eine Schiffsreise zum Nordpol erhielt. Das kommentierte Putin vor laufender Kamera mit Bemerkungen [externer Link], die vom russischen Präsidialamt dokumentiert und verbreitet wurden, und die für Irritationen sorgten.
"Orcas fressen Eisbären wie kleine Fische"
"Ich musste sofort an Jack London denken, wo die Ureinwohner des Nordens ihre Ältesten den Wölfen zum Fraß vorwerfen, weil der Stamm sie nicht länger ernähren konnte", so Putin über die 1901 erschienene Kurzgeschichte "Das Gesetz des Lebens" des amerikanischen Schriftstellers Jack London. Darin werden die letzten fünf Stunden eines Inuit-Häuptlings erzählt. "Es erscheint alles so grausam. Aber so ist ihr Leben. Unseres ist anders. Wir müssen unseren Älteren mit größtem Respekt begegnen."
Doch bei dieser vermeintlich humanen Relativierung beließ es Putin nicht: Er fragte, ob Balantschukow am Nordpol Eisbären gesehen habe. Der Lehrer antwortete, er habe zwei Exemplare beobachtet, woraufhin Putin nachhakte, ob diese "gesund" gewesen seien.
Auf die Erwiderung, sie seien "enorm" vital gewesen, fügte Putin an: "Da oben leben Schwertwale, und die fressen diese Bären wie kleine Fische. Die greifen einfach im Rudel an und zerreißen sie. Das ist alles sehr interessant. Ja, ja, das ist die Nahrungskette. Auch Kindern muss das erklärt werden, damit sie die Welt, in der wir leben, verstehen und warum wir die spezielle Militäroperation durchführen."
"Vergleich nicht vorteilhaft für Russland"
Publizist Dmitri Kolesew nannte das Gleichnis "ziemlich vage" [externer Link] und versuchte eine Interpretation: "Russland soll hier offenbar der Bär sein, und westliche Länder und die Ukraine die Orcas? Aber was soll der Angriff auf einen Bär bringen? Und wo wir schon dabei sind: Ich habe mir gesagt, dass Schwertwale gar keine Eisbären fressen. Es gibt jedenfalls keine bestätigten Fälle. Die einzige mögliche Verbindung zwischen ihnen in der Nahrungskette ist, dass Eisbären manchmal die Überreste von anderen Walen fressen, die von Orcas getötet wurden. In diesem Fall ist der Vergleich wirklich nicht vorteilhaft für Russland."
Infotafel
Wirtschaftsjournalist Dmitri Drise meinte [externer Link], Putin führe Russland zu "sowjetischen Verhältnissen" zurück: "Tatsächlich wirkt diese ganze Idee etwas verschwommen: Warum sollten wir in Iglus und Tipis ziehen und uns vor Orcas und Bären in Sicherheit bringen? Damals gab es noch den Kommunismus, heute ist nicht mehr ganz klar, was wir eigentlich haben."
Andere vermuteten bei Putin einen "Freudschen Versprecher" oder höhnten [externer Link] mit Blick auf das hohe Durchschnittsalter der russischen Elite: "In einer totalitären Gerontokratie wird es immer ältere Menschen geben, die man am liebsten sich selbst überlassen oder loswerden möchte."
"Orcas sind viel stärker und intelligenter"
Blogger Dmitri Sewrjukow erinnerte daran [externer Link], dass sich Putin früher gleichermaßen für den Schutz von Eisbären und Walen engagiert habe: "Doch seitdem sind fünfzehn Jahre vergangen, und die Realitäten an Land und auf See haben sich verändert und erfordern nun eigene Regeln und Herangehensweisen."
Sozialforscher Alexander Filippow gab sich spöttisch wie philosophisch [externer Link]: "Bären sind im Allgemeinen gefährlich und unfreundlich. Orcas sind viel stärker, intelligenter und sollen den Menschen sogar manchmal Geschenke bringen, einfach aus Großzügigkeit. Aus irgendeinem Grund betrachten sie uns nicht als Nahrungsquelle. Ich glaube, dass die politische Theo-Zoologie uns eindeutig dazu zwingt, den Bären als Wappentier durch den Orca zu ersetzen. Es ist Zeit, sich einem Leben im Meer zuzuwenden, wie [der wegen seiner Nähe zum NS-Regime umstrittene deutsche Philosoph] Carl Schmitt sagen würde."
Leser des St. Petersburger Nachrichtenportals "Fontanka" meinten [externer Link] sarkastisch: "Jede von Putins Äußerungen ist wie ein Diamant, der aus seiner Goldfassung gefallen ist." Oder auch: "Zum Glück gibt es am Nordpol keine Pinguine. Sonst hätte sich die ganze Schar auf den Bären gestürzt und ihn wie ein kleines Kind [zu Tode] gekitzelt. Oder ihn totgepickt."
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