"Die offizielle Position des Kremls lautet derzeit: Wir sind bereit, alles für den Sieg zu tun, außer einer Mobilisierung", so der St. Petersburger Politologe Michail Winogradow - und er meint das natürlich ironisch [externer Link]. Tatsächlich nämlich nimmt die Debatte um eine unausweichliche neuerliche Massenmobilisierung in Russland Fahrt auf - sehr zum Verdruss des Regimes, denn bald stehen Parlamentswahlen an, und da trüben solche Meldungen die politische Stimmung ganz erheblich.
Dem britischen "Guardian" war zu entnehmen [externer Link], dass die russische Armee derzeit monatlich rund 6.000 mehr Soldaten an der Front verliert, als neu rekrutiert werden können. Selbst 1.000 neue Vertragssoldaten täglich reichten nicht mehr aus, um die hohen personellen Verluste auszugleichen. Nachprüfbar sind diese Zahlenangaben nicht, aber russische Militärblogger beklagen schon lange die verlustreiche "Offensive" und drängen auf eine Mobilisierung. Ultrapatriot Igor Skurlatov drückte es so aus [externer Link]: "Wir dürfen nicht jammern und klagen..."
In den letzten Wochen sollen bereits Zehntausende von Russen im wehrfähigen Alter aus Angst vor einer Mobilisierung nach Georgien geflüchtet sein [externer Link]. Auch Armenien wäre ein potentielles Ziel für Personen, die der Einberufung entgehen wollen.
"Gezwungen, sich selbst zu erschießen"
Entsprechend nervös ist Putins Elite. Ex-Präsident Dmitri Medwedew, der stellvertretende Chef des russischen Sicherheitsrats, versuchte neuerlich, die Wogen zu glätten [externer Link]: "Es gibt keine Mobilisierungspläne in unserem Land. Wir haben genug unserer Leute, die kämpfen, Verträge unterzeichnen und dies freiwillig tun, aus patriotischer Überzeugung. Sie kämpfen wie Helden, sie tun es ganz bewusst."
Die Reaktionen darauf sind allerdings eher spöttisch. So fragte Star-Bloggerin Xenija Sobtschak [externer Link] (1,2 Millionen Follower) vielsagend: "Glauben wir das?"
Auf einem der wichtigsten anonymen russischen Polit-Blogs [externer Link] hieß es: "Sollten solche für die Gesellschaft unerwünschten Ereignisse eintreten, die von so hochrangigen Persönlichkeiten verschiedenster Couleur so vehement und regelmäßig abgestritten werden, wären diese – um ihr Gewissen zu erleichtern (sofern sie überhaupt eines haben) – gezwungen, sich entweder selbst zu erschießen oder, als mildere Option, von ihren Ämtern zurückzutreten. Ich vermute jedoch, dass sie alternativ argumentieren könnten, die Situation habe sich 'dramatisch verändert', oder etwas in der Art."
"Unmöglich, Wahlversprechen zurückzunehmen"
Auf einem weiteren russischen Telegram-Kanal mit 419.000 Fans war dagegen zu lesen [externer Link]: "Nun hat die Debatte eine neue Phase erreicht. Es ist sehr wahrscheinlich, dass der entsprechende Antrag des Militärs erneut abgelehnt wird. Jedes Wanken in der Mobilmachungsfrage würde sich direkt auf die Regierung selbst auswirken, da es unmöglich ist, ein Wahlversprechen einfach ohne Konsequenzen zurückzunehmen."
BR24
Politologe Georgi Bovt zweifelte nicht nur an den offiziellen Darstellungen, sondern auch an den offiziellen Fähigkeiten [externer Link]: "Die Rekrutierungsbüros des Militärs wollen so viel wie möglich über mögliche Wehrpflichtige/Mobilisierungskandidaten erfahren. Warum? Um jeden Einzelnen gezielt anzusprechen und die nötigen Argumente zu finden, um ihn zum Unterzeichnen eines Vertrags zu bewegen, oder um ihn im Falle einer Mobilmachung unter einer anderen Adresse zu erreichen. Ob für diese gezielte Arbeit genügend Personal und Fachkenntnisse vorhanden sind, ist eine andere Frage."
"Psychologische Barriere schwindet stetig"
Publizist Maxim Kalaschnikow verwies auf die immer knapperen Haushaltsmittel [externer Link], schließlich wäre die Einberufung und Ausstattung von Hunderttausenden zusätzlicher Soldaten sehr teuer: "Generell gilt: Je näher der November rückt, desto schwieriger wird es, das Erreichen der Kriegsziele, eine Mobilisierung und überhaupt die Fortsetzung des Krieges im Allgemeinen zu finanzieren. Die 'schwierigen Entscheidungen' erscheinen nun noch bedrohlicher und beängstigender."
Der in London lehrende Politikwissenschaftler Wladimir Pastuchow argumentiert dagegen, dass Putin eine Mobilisierung paradoxer Weise umso leichter fallen werde, je mehr das westliche Ausland darüber spekuliere [externer Link]: "Wer Widerstand leisten will, ist bereits gegangen oder geht gerade; der Rest ergibt sich seinem Schicksal. Die psychologische Barriere, die großangelegte Mobilisierungsmaßnahmen bisher verhindert hat (kleinere werden bereits regelmäßig durchgeführt), schwindet stetig. Die Putin-Administration gewinnt zunehmend an Zuversicht, dass das Regime diese Bewährungsprobe überstehen wird."
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