Im Oktober 2025 in Pjöngjang
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Herzliche Begrüßung: Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un und der russische Ex-Präsident Dmitri Medwedew
Bildrechte: Ekaterina Shtukina/Picture Alliance
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Herzliche Begrüßung: Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un und der russische Ex-Präsident Dmitri Medwedew

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"Das wollen unsere Eliten": Kritik an Medwedews Nordkorea-Lob

"Das wollen unsere Eliten": Kritik an Medwedews Nordkorea-Lob

Der russische Ex-Präsident Dmitri Medwedew lobte in einem Interview Nordkoreas Wirtschafts- und Rüstungspolitik, wofür er im eigenen Land herbe kritisiert wird. Selbst Kriegsblogger zeigen sich irritiert: "Das hätte früher wie ein Witz geklungen."

Über dieses Thema berichtet: BR24 Mastodon am .

"Nordkorea als Vorbild? Das hätte früher wie ein Witz geklungen", hieß es auf einem der großen russischen Polit-Blogs [externer Link], nachdem Putins Amtsvorgänger und leidenschaftlicher Netz-Provokateur Dmitri Medwedew in einem Interview ausgerechnet Nordkorea zum Vorbild erklärt hatte [externer Link].

Auf die Frage, was Moskau von Pjöngjang lernen könne, hatte er geantwortet: "In erster Linie, wie man die schnelle und effektive Mobilisierung des wirtschaftlichen Potenzials eines Landes organisiert." Nordkorea habe "eine ernstzunehmende Verteidigungsindustrie" aufgebaut. Unter Kim Jong-un sei das Land "deutlich wohlhabender als zuvor" geworden. Im Übrigen sei Nordkorea "nicht nur auf dem Papier" ein Verbündeter Russlands.

Einer der Interviewer Medwedews war der russische Kriegsblogger Semjon Pegow ("Wargonzo", 800.000 Fans), der Nordkorea seit langem als "faszinierend" preist und seine Leser mit Propagandanachrichten von dort bei Laune hält, allerdings Anfang Januar selbst einschränkte [externer Link]: "Ein anderes Land zu bewundern bedeutet nicht, dass man dort leben möchte. Ich habe eine Heimat, gleichwohl sind die koreanische und die russische Mentalität verschieden. In meinen Berichten passe ich mich, wenn auch manchmal mit einem Anflug von Ironie, dem offiziellen nordkoreanischen Stil an, aber in jedem Fall tue ich dies mit Respekt vor meinen nordkoreanischen Genossen und ihrer Lebensweise."

"Sollten wir nicht andere Vorbilder suchen?"

Die jüngsten Äußerungen Medwedews kamen selbst bei russischen Militärbloggern nicht gut an. So schrieb der Politologe Nikolai Sewostjanow [externer Link] befremdet: "Medwedew ist ein seriöser Ökonom, der einst ein wahrhaft großer Präsident war. Ich sage das ohne jede Ironie. Und die Leistung der nordkoreanischen Soldaten, die auf russischem Boden gekämpft und ihr Leben gelassen haben, verdient höchsten Respekt. Dennoch sollte man Herzlichkeit nicht mit Unterwürfigkeit verwechseln. Deshalb möchte ich in diesem Fall nur eines sagen: Sollten wir nicht andere Vorbilder suchen?"

In Nordkoreas Städten seien umgerechnet 100 US-Dollar ein gutes Monatsgehalt, gab Sewostjanow zu bedenken. Es gebe dort kein Privateigentum und das Wohlstandsniveau sei in Südkorea 25-mal höher.

"Russland ist nicht völlig autonom"

Blogger Boris Roschin (786.000 Follower) [externer Link] amüsierte sich über den Meinungswandel des einst ausgesprochen westlich orientierten Medwedew [externer Link]: "Ironischerweise haben wir Nordkorea genau das einst beigebracht – sie haben ihren Sozialismus mit Blick auf unseren aufgebaut. Und nun fordert ausgerechnet Russlands ehemaliger liberaler Hoffnungsträger der 2000er-Jahre, Nordkoreas positive Erfahrungen zu studieren." Was einst eine randständige Ansicht gewesen sei, sei inzwischen zum "offiziellen Standpunkt" geworden.

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Sogar ausgesprochen ultrapatriotische Stimmen argumentierten [externer Link]: "Unser Wirtschaftssystem ist nicht auf völlige Autonomie ausgelegt. Keines ist es, weder das chinesische noch das indische. Außer vielleicht das nordkoreanische, und selbst das ist mit Fehlern behaftet, aber wir sind nicht Nordkorea."

"Genau das wollen unsere Eliten"

Der kremlkritische Politologe Andrei Nikulin spottete [externer Link], Südkorea lebe technologisch und gesellschaftlich bereits im 22. Jahrhundert, Nordkorea sei dem 19. aber deutlich näher: "Nordkorea demonstriert deutlich, dass man mit einem gewissen Geschick und der Geduld des Volkes etwas mit ebendiesem Volk erreichen kann, ja fast alles, was immer du willst. Und du wirst dafür nicht bestraft. Genau das wollen unsere Eliten."

Es gebe dabei allerdings ein "Problem", so Nikulin: "Das nordkoreanische Experiment ist noch nicht zu Ende und wir wissen nicht, wie und wann es enden wird. Und ob dieses Ende für diejenigen, die das Land derzeit regieren und den Bürgern die Vorzüge der Juche-Ideologie preisen, erfolgreich und glanzvoll sein wird. Vor allem, wenn ebendiese Bürger das Ausmaß der Lüge und das, was ihnen vorenthalten wurde, erkennen. Dieses Verständnis wird früher oder später kommen. Besonders dann, wenn die externe Unterstützung für das Regime in Pjöngjang versiegt."

Der russische Wirtschaftswissenschaftler Wassili Koltaschow zog unterdessen seine ganz eigenen Schlüsse [externer Link]: "Wenn die Nordkoreaner etwas kopieren können, machen sie es. Wir müssen genauso fest an unser Recht glauben, dies zu tun, und dürfen nicht auf Patente in unfreundlichen Ländern schauen, sondern mit nordkoreanischer Gelassenheit alles kopieren, was wir an Militärtechnologie und technischen Lösungen benötigen, und es in Serie produzieren."

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