Russisches Militär in Donetsk
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Gebietsabtretungen: Warum Putin unbedingt den Donbass will

Gebietsabtretungen: Warum Putin unbedingt den Donbass will

In Abu Dhabi starten die zweiten Ukraine-Russland-Gespräche. Im Zentrum steht Russlands Forderung nach vollständiger Abtretung des Donbass. Die Region ist nicht nur strategisch wichtig, sondern birgt einige der wertvollsten Rohstoffe Europas.

Über dieses Thema berichtet: BR24 Thema des Tages am .

Offiziell begründet Moskau sein Vorgehen im Donbass nicht mit strategischen oder wirtschaftlichen Interessen. Außenminister Sergej Lawrow wiederholte im Dezember 2025 die Behauptung, Russland habe "keine andere Wahl" gehabt, als die "spezielle Militäroperation zum Schutz der Bevölkerung im Südosten der Ukraine" zu beginnen. Denn für das "Kiewer Regime" seien die Bewohner des Donbass "Unmenschen, Kreaturen und Terroristen", so Lawrow. Belege für diese Vorwürfe fehlen seit jeher.

Präsident Wladimir Putin verweist immer wieder auf die Geschichte: "Die Territorien sind wichtig. Dies ist unser historisches Territorium. Russland wurde so geschaffen, dass dies (das Donbass-Gebiet) immer Teil Russlands war."

Tatsächlich unterschied sich der Donbass demografisch vom Rest der Ukraine: Vor Kriegsbeginn 2014 wurde hier mehrheitlich Russisch gesprochen, fast 40 Prozent der Bevölkerung in Donezk und Luhansk waren ethnische Russen. Moskau nutzt diese historischen Verbindungen als Begründung, obwohl sie völkerrechtlich eine Annexion keinesfalls legitimieren.

Der Rohstoff-Schatz im Osten

Laut Schätzungen von Think Tanks liegen etwa 40 Prozent der ukrainischen Metallressourcen in den von Russland kontrollierten Gebieten Luhansk, Donezk und Saporischschja. Die Ukraine verfügt über 22 der 34 Mineralien, die von der EU als kritisch für die Versorgungssicherheit eingestuft werden – darunter Lithium, Titan, Graphit und Seltene Erden. Diese Rohstoffe sind unverzichtbar für Batterien, Elektrofahrzeuge, Smartphones und Windkraftanlagen. Das größte Lithium-Vorkommen der Ukraine, das Schewtschenko-Feld, liegt im Oblast Donezk.

Die strategische Bedeutung dieser Ressourcen zeigt sich auch am umstrittenen Rohstoff-Deal zwischen der Ukraine und den USA. Ende April 2025 unterzeichnet, sieht das Abkommen vor, dass amerikanische Unternehmen Zugang zu ukrainischen Mineralien erhalten. Aber: Wenn der Donbass an Russland fällt, verlieren nicht nur die Ukraine, sondern auch die USA den Zugriff auf diesen Gebietsteil mit den strategisch wichtigen Rohstoffen.

Die militärische Realität

Laut mehrerer Analysen kontrolliert Russland derzeit 80 bis 90 Prozent des gesamten Donbass. Die Oblast Luhansk soll fast vollständig besetzt sein. Von der Oblast Donezk haben russische Truppen momentan etwa 70 Prozent eingenommen. Im verbleibenden Teil, der noch unter ukrainischer Kontrolle ist, wird derzeit heftig gekämpft. Die Russen rücken zwar vor, allerdings langsam. Ein Abtreten dieses Territoriums würde dazu führen, dass die Ukraine wichtige Verteidigungsstützpunkte verlöre, warnen ukrainische Militäranalysten. Dies könne ein großer strategischer Nachteil werden. Viele rechnen damit, dass Russland auch nach einem Friedensabkommen wieder angreifen könnte.

Nach Berichten der Financial Times drängen die USA die Ukraine, den verbleibenden Teil der Oblast Donezk an Russland abzutreten, im Austausch für Sicherheitsgarantien. Der Kreml besteht auf der Abtretung des gesamten Donbass als "fundamentale Bedingung" für weitere Verhandlungen.

Mehr als fünf Millionen Ukrainer in besetzten Gebieten

Russland hält etwa 20 Prozent der Ukraine besetzt. In diesen Gebieten leben schätzungsweise fünf bis sechs Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer. Per Erlass hat Putin im vergangenen Jahr die Menschen dort unter Druck gesetzt, einen russischen Pass anzunehmen, sich also einbürgern zu lassen, oder das Gebiet zu verlassen. Viele Menschen arbeiteten mit den russischen Besatzern zusammen – allerdings nicht aus Überzeugung, sondern als Überlebensstrategie, berichten Menschenrechtsorganisationen. Über eine Million Menschen sollen aus dem Donbass nach Russland deportiert worden sein.

Die Infrastruktur soll in Teilen der Gebiete im Donbass massiv zerstört sein, so beschreiben es ukrainische Quellen (externer Link): In vielen Städten sind laut Berichten über 50 Prozent des Wohnungsbestands beschädigt oder zerstört. Der öffentliche Verkehr ist durch die Schäden in der Region stark eingeschränkt. Mariupol, einst eine Stadt mit 400.000 Einwohnern, soll auf Zehntausende geschrumpft sein – meist ältere Menschen in Wohnungen ohne Strom und Wasser.

Neben dem Donbass hat Russland im September 2022 auch die Oblaste Saporischschja und Cherson im Südosten der Ukraine völkerrechtswidrig annektiert, kontrolliert diese Gebiete aber nicht vollständig, sondern nur etwa 70 Prozent. Bei den Verhandlungen wird diskutiert, die aktuelle Frontlinie als Grenze anzuerkennen.

Die Krim: Rote Linie für beide Seiten

Die Halbinsel Krim, bereits 2014 von Russland völkerrechtswidrig annektiert, ist für beide Konfliktparteien nicht verhandelbar. Während Kiew die Annexion nie anerkannt hat und darauf verweist, dass die Krim laut ukrainischer Verfassung und internationalem Völkerrecht zur Ukraine gehört, betrachtet Moskau die Halbinsel als russisches Territorium und somit nicht als Teil möglicher Verhandlungen.

Zeitfrage der Eroberung?

Das "Institute for the Study of War" schätzt, dass Russland bei gleichbleibendem Tempo bis August 2027 den gesamten Donbass erobert haben könnte. Moskau könnte also darauf spekulieren, dass es mit einem Friedensabkommen die Region deutlich schneller kontrollieren könnte.

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