"Der Humanismus Russlands und Putins ist enorm", jubelte der Kreml-Propagandist Sergei Markow [externer Link] mit süffisantem Unterton über Gerüchte, wonach es zunächst eine Woche lang keine gegenseitigen Angriffe auf die zivile Infrastruktur geben soll. Von einem "Energie-Waffenstillstand" war die Rede, der unter russischen Beobachtern allerdings große Irritation und Verärgerung auslöste.
Grund dafür: US-Präsident Donald Trump hatte der Öffentlichkeit mitgeteilt [externer Link], er habe Putin persönlich gebeten, wegen der "außergewöhnlichen Kältewelle" eine Woche lang weder Kiew, noch andere ukrainische Städte zu beschießen: "Putin hat dem zugestimmt, und ich muss Ihnen sagen, das war sehr nett", so Trump.
"Medienpolitik ist völlig inkompetent"
Der in Russland populäre TV-Kriegsberichterstatter Alexander Kots reagierte wenig begeistert [externer Link]: "Natürlich würde ich solche Nachrichten lieber von jemand anderem als vom amerikanischen Präsidenten hören. Wir warten auf eine Klarstellung von unserer Seite."
Zahlreiche weitere russische Ultrapatrioten ereiferten sich über die Spekulationen. "Unsere Medienpolitik ist völlig inkompetent", hieß es beim Blogger Wladimir Romanow [externer Link]: "Andererseits ist den 'Beamten' sehr wohl bewusst, wie solche 'Abkommen' auf die Bevölkerung im Kontext eines Befreiungskrieges wirken, an dem unser ganzes Land auf die eine oder andere Weise beteiligt ist."
"Kreml-Logik gewinnt an Berechtigung"
Propagandist Oleg Sarow tröstete seine 424.000 Fans [externer Link], Energieanlagen-Experten hätten versichert, dass die zerstörten Kraftwerke in Kiew innerhalb einer Woche nicht wiederhergestellt werden könnten: "Es scheint, dass die Stadt selbst unter den gegenwärtigen Bedingungen, ohne weiteren Beschuss, dem Zusammenbruch ihrer Infrastruktur geweiht ist. In diesem Fall gewinnt die Kreml-Logik, die parallel auf mehreren nicht-öffentlichen diplomatischen Wegen verfolgt wird, an Berechtigung."
Kremlsprecher Dmitri Peskow hatte sich zu den Spekulationen um einen angeblichen Teil-Waffenstillstand zunächst nicht geäußert, dann allerdings bestätigt, auf Angriffe gegen Infrastruktur-Ziele solle bis 1. Februar verzichtet werden, um "günstige Bedingungen für Verhandlungen" zu schaffen. Putin selbst hatte kürzlich angedeutet [externer Link], Russland werde "aufgefordert", keine ukrainischen Energieanlagen mehr zu beschießen, ohne freilich zu sagen, wann und von wem.
"Für Russland nicht von Vorteil"
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sagte gegenüber Journalisten [externer Link], es gebe weder einen "direkten Dialog, noch eine Vereinbarung": "Wenn Russland unseren Energiesektor, sei es die Stromerzeugung oder andere Bereiche, nicht angreift, werden wir ihren auch nicht angreifen. Ich denke, das ist die Reaktion, die sich namentlich die Vereinigten Staaten erhofft hatten."
Dmitri Drise, Kolumnist des Wirtschaftsblatts "Kommersant", zeigte sich skeptisch [externer Link]: "Ein Waffenstillstand ist für Russland nicht von Vorteil. Trumps Worte bestätigen vielmehr, dass der Kreml unter erheblichem Druck steht, egal wie es gerade dargestellt wird. Zweitens erhält die Ukraine die Möglichkeit, ihre Luftverteidigung näher an die Front zu verlegen und die Verteidigungstruppen zu entlasten."
"Gefühl der Menschlichkeit vermitteln"
In russischen Polit-Blogs [externer Link] ist von möglichen Meinungsverschiedenheiten unter Putins Vertrauten die Rede. So setzten Berater Kirill Dimitrijew und Geheimdienstchef Igor Kostjukow anscheinend auf "Gesten des guten Willens", während Generalstabschef Waleri Gerassimow und Außenminister Sergei Lawrow zu den Hardlinern gezählt werden.
Infotafel
Putin setze unterdessen offenbar auf eine Art Charme-Offensive: "Für die russische Führung ist diese Art der Öffentlichkeitsarbeit von entscheidender Bedeutung, da sie ihr ermöglicht, ihr Ansehen zu verbessern und inmitten eines äußerst brutalen Vorgehens ein Gefühl der Menschlichkeit zu vermitteln."
"Wirksames Abschreckungsmittel"
Der russische Politologe Ilja Graschtschenkow verwies darauf [externer Link], dass eines Tages in der Ukraine Wahlen stattfänden und russlandfreundliche Kräfte dann wegen der Erinnerungen an den "Eiswinter" 2026 wohl noch weniger Chancen hätten.
Mit einem Teil-Waffenstillstand bekomme Moskau außerdem ein neues Machtmittel in die Hand: "Wenn die Waffenruhe hält und eine Woche Bestand hat, könnte das die Unterzeichnung eines 'Abkommens' zur Ukraine beschleunigen. Da zudem für einen weiteren Monat starker Frost vorhergesagt ist, könnte sich die Aufhebung der 'Energiewaffenruhe' als wirksames Abschreckungsmittel erweisen."
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