Die russische Wirklichkeit, und das ist die Herausforderung für Künstler, übertrifft jede Fiktion. Keine Skrupel, keine Regeln, Entkoppelung der Wirklichkeit von Wahrheit, eiskalte Morde, schöne Frauen, absoluter Reichtum und absolute Macht. Eine vom KGB inszenierte und geschaffene Realität. Wie erzählt man davon in einem Film? Olivier Assayas hat sich in "Der Magier im Kreml" für eine realitätsgesättigte Fiktion entschieden.
Zwischen Macht und Wirklichkeit
Der Film schildert Putins Aufstieg aus der Sicht von dessen Berater und Spindoktor Wadim Baranow, einem leisen, unauffälligen Mann im Hintergrund, schillernd zwischen talentiertem Künstler und ruchlosem Zyniker von Paul Dano gespielt. Sein reales Vorbild ist Wladislaw Surkow, ein Mann mit extravagantem Sendungsbewusstsein und künstlerischer Verve, viele entscheidende Jahre die graue Eminenz hinter Putin.
Youtube-Video: Kinotrailer zu "Der Magier im Kreml"
Eine Zeitreise in ein anderes Russland
Moskau in den 90er-Jahren: Aufbruch, plötzlicher Reichtum, "wilde Partys", Exzess. Baranow lernt seine große Liebe Ksenia kennen, als sie einen nackten Mann an der Leine führt. Er wird Produzent von Reality-TV-Shows und zeigt sich als erstklassiger Psychologe, der die Stimmung im Volk erfasst. Boris Beresowski, Inhaber des Privatsenders, erkennt das und kommt eines Tages auf ihn zu, um ihm einen größeren Deal anzudienen.
Jude Law überzeugt als Putin
Baranow baut Geheimdienstler Wladimir Putin öffentlichkeitswirksam auf, einen verteufelt rationalen Allesberechner, gespielt von Jude Law, der für seine Rolle Putins Verschlossenheit, eisige Schmallippigkeit und breitbeiniges Sitzen überzeugend einstudiert hat. Beresowskis und Baranows Kalkül geht zunächst auf: Putin löst den senilen Jelzin ab und wird russischer Präsident. Und dann formt er die Wirklichkeit zur Überraschung aller ganz anders durch als mit TV-Tricks.
Der Magier im Kreml
Schlüsselmechanismen russischer Macht
Die Vorlage für den "Magier im Kreml" ist Giuliano da Empolis gleichnamiger Roman über den raffinierten Aufbau russischer Macht. Der Film buchstabiert die aus den Nachrichten hinlänglich bekannten Schlüsselmechanismen noch einmal durch: zwei Tschetschenienkriege, der Kampf um die Medienhoheit, die Abschaffung der Wahrheit, der Austausch der meisten Oligarchen durch Silowiki – putinloyale Geheimdienstler, der Aufbau von Trollfabriken, die Subversion der Subversion, die Einmischung in die politischen Ereignisse in der Ukraine bis zur Annexion der Krim und zum Krieg. Baranows Credo geht auf.
Klischee statt Realität
Das Konzept des Films geht indes nicht auf: Er verheddert sich bisweilen arg in Klischees von Kaviar, Kasatschok und Kälte. Baranow erzählt seine Geschichte in einer brav-biederen Rahmenhandlung einem US-amerikanischen Journalisten und Buchautor, die Rückblenden illustrieren dann noch einmal alles mit grotesker Deutlichkeit, unter der die tatsächliche Ungeheuerlichkeit der Vorgänge, dieser knallharte Nihilismus der Selbsterhaltung erstickt. "Der Magier im Kreml" ist viel zu artig, um der russischen Wirklichkeit beizukommen.
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