Eine prächtige Eingangshalle: hohe Säulen, breite Treppe, dicke Teppiche – ein Mann saugt gerade Staub. Dann schwenkt die Kamera zu einem großen Bild an der Wand. Es zeigt eine blonde Frau in weißem Kleid, die am Ufer eines Sees halb im Wasser liegt, den Blick starr nach oben gerichtet. Plötzlich richtet sie sich auf, steigt aus dem Bild und beginnt zu singen.
Die schöne Blonde ist die Sängerin Taylor Swift und die Szene der Beginn ihres Musikvideos "The Fate of Ophelia". Taylor Swift kopiert hier ein über 100 Jahre altes Gemälde, das seit einigen Jahren in Wiesbaden hängt. Andreas Henning ist Direktor am Museum Wiesbaden. "Dieses Ophelia-Gemälde wurde von Friedrich Heyser gemalt. Das ist ein Dresdner Jugendstilkünstler, der um 1900 dieses Werk geschaffen hat und es ist richtig gute Malerei. Es ist ein sehr lockerer Pinselstrich, mit dem er diese Szene aus Shakespeares Hamlet darstellt."
Das Nachstellen existierender Gemälde ist allerdings keine Erfindung von Taylor Swift, sondern eine einst sehr beliebte, heute aber etwas in Vergessenheit geratene Kunstform, die "Lebende Bilder" oder auch "Tableaux vivants" genannt wird, sagt die Kunsthistorikerin Birgit Jooss: "Lebende Bilder stehen zwischen bildender und darstellender Kunst. Es geht um Bilder, aber diese Bilder sind durch Personen stumm und starr gestellt."
"Lebende Bilder" als Zeitvertreib zur Goethezeit
Lebende Bilder entwickelten sich ab den 1760er Jahren in der Pariser Hof- und Salonkultur. Als Mischform zwischen Malerei und Theater wurden sie entweder in Theateraufführungen integriert oder autonom als Abfolge mehrerer Bilder nacheinander aufgeführt. Als in Folge der Französischen Revolution 1789 viele Adligen aus Frankreich flohen, verbreitete sich die Mode über ganz Europa.
Anfangs ging es um Wissensvermittlung und Geschmacksbildung, junge Menschen sollten an die Kunst herangeführt werden. Jooss: "Damals gab es ja keine Fotografie, keinen Film, nichts. Man konnte nur entweder nach Reproduktionen arbeiten oder man hatte das Original gesehen, aber man ist ja auch nicht so viel gereist. (...) Es war einfach auch ein Spiel, ob man erraten konnte, welches Bild das tatsächlich ist."
Friedrich Heyser: Ophelia, um 1900. Museum Wiesbaden, Sammlung F.W. Neess
Schnell wurden die Tableaux vivants zum beliebten Zeitvertreib. Der Aufwand war enorm: Lebende Bilder wurden auf einer Bühne aufgeführt, mit Rahmen und einem Vorhang. Hinzu kamen Kostüme und Requisiten. Bis zu zehn Tableaus konnten an einem Abend gezeigt werden, begleitet von Musik, Gesang und Gedichten.
Eine der besten Quellen zum Ablauf der Vorführungen ist der Roman "Die Wahlverwandtschaften" von Johann Wolfgang von Goethe. Zur Entstehungszeit des Romans 1809 waren Lebende Bilder in Deutschland noch eine recht junge Erscheinung. Goethe selbst arrangierte am Weimarer Hof und bei Privatfesten Aufführungen. In seinem Roman "Die Wahlverwandtschaften" bringt ein Besucher die leicht gelangweilte Gesellschaft auf die Idee: "Sollten sie es noch nicht versucht haben, wirkliche, bekannte Gemälde vorzustellen? Eine solche Nachbildung, wenn sie auch manche mühsame Anordnung erfordert, bringt dagegen auch einen unglaublichen Reiz hervor."
Von den Passionsspielen bis in die sozialen Medien
Aus adeligen Kreisen schwappte die Mode bald ins Bürgertum über und von dort bis in Arbeiterkreise. Auch im Zirkus oder auf Jahrmärkten wurden Lebende Bilder aufgeführt. Doch mit dem Aufkommen des Films Anfang des 20. Jahrhunderts schwand das Interesse.
Hier und da lebt die Tradition bis heute fort, beispielsweise bei den Passionsspielen in Oberammergau. Auch in den sozialen Medien ist die Kunstform angekommen: Während der Isolation zur Corona-Zeit entwickelten sich Lebende Bilder zu einem regelrechten Hype. Die Menschen fingen an, Gemälde nachzustellen und Fotos davon im Netz zu posten. Besonders beliebt war der Instagram-Account "tussenkunstenquarantaine" (externer Link), zu Deutsch "Zwischen Kunst und Quarantäne". Zwei Niederländerinnen hatten aus Langeweile angefangen, sich mit Haushaltsgegenständen als Figuren der Kunstgeschichte zu inszenieren, Menschen aus aller Welt zogen nach: Klopapierrollen wurden zur Halskrause, Teebeutel zur Augenbinde, Schwimmnudeln zum Schwert und die Daunendecke zum Rokokokleid. So geht Kunst für alle: Nicht nur zum Angucken, sondern zum Mitmachen!
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