In den Daten, die dem Rechercheteam vorliegen, stecken Bewegungsmuster, in denen die Journalistin Basma Mostafa ihren Alltag wiedererkennt.
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In den Daten, die dem Rechercheteam vorliegen, stecken Bewegungsmuster, in denen die Journalistin Basma Mostafa ihren Alltag wiedererkennt.
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Ob Schulbusroute oder Kriegsgebiete: Standortdaten zum Verkauf

Ob Schulbusroute oder Kriegsgebiete: Standortdaten zum Verkauf

Eine Teenagerin aus Oberbayern, eine Dissidentin, Soldaten im Krieg: BR-Recherchen zeigen, wie viele gängige Apps Menschen ins Visier von Stalkern, Kriminellen und Geheimdiensten bringen können.

Über dieses Thema berichtet: ARD Story am .

Eine Landstraße in der Nähe von Reichertshofen in Oberbayern: Ein Bus bringt Kinder und Jugendliche von ihrem Zuhause in die Schule. Bis vor Kurzem nahm auch die heute 18-jährige Emma jeden Morgen diesen Schulbus. Was sie nicht wusste: Jede ihrer Bewegungen wurde getrackt.

Die ARD-Story Gefährliche Apps - im Netz der Datenhändler finden Sie in der ARD-Mediathek und läuft am 7. April 2026 um 22.50 Uhr im Ersten.

"Das ist krass, dass man es so richtig genau nachverfolgen kann", sagt sie, als ein Reporter der ARD-Doku Gefährliche Apps - im Netz der Datenhändler eine Karte zeigt, auf der zahlreiche Punkte ihr Bewegungsprofil ergeben. Viele Details aus ihrem Alltag sind zu sehen: Welchen Supermarkt sie besucht, wann sie sich mit Freunden bei McDonald's trifft, oder die genaue Route, die Emma nimmt, wenn sie mit ihrem Hund spazieren geht.

Bewegungsprofile über Werbe-ID

Emma nutzt zahlreiche Apps auf ihrem Handy, viele davon erfassen Standortdaten. Wer beim Installieren den Zugriff auf die Standortdaten aktiviert, muss damit rechnen, in Datensätzen zu landen, die von Händlern weltweit verkauft werden. Darüber haben BR, netzpolitik.org [externer Link] und weitere Partnermedien mehrfach berichtet.

Emmas Bewegungsprofil ist Teil von mehr als zehn Milliarden Standortdaten, die BR und netzpolitik.org vorliegen. Die Daten stammen von Händlern, die sie auf einem Online-Marktplatz mit Sitz in Berlin zum Kauf anboten und als kostenloses Anschauungsmaterial für Monatsabos übergaben. Auf den ersten Blick wirken die Daten anonym, doch über die ebenfalls enthaltene Werbe-ID lassen sich Bewegungsprofile erstellen, wie etwa Arbeitswege, Wohnorte oder Arztbesuche zeigen.

Ägyptische Journalistin fühlt sich auch in Berlin verfolgt

So auch bei der Journalistin Basma Mostafa: Sie ist nach Berlin geflüchtet, um dem ägyptischen Regime zu entkommen. Als investigative Journalistin hatte sie sich in Kairo mit den Mächtigen angelegt. In Haft sei sie gefoltert worden, erzählt sie. Aber auch in Deutschland fühlt sie sich vom ägyptischen Staat verfolgt.

Immer wieder komme es zu Vorfällen wie diesem am Brandenburger Tor: "Da war ein Mann, der mir bekannt vorkam. Ich bin im Kreis gelaufen und dann, als ich mich nach ihm umsah – lief er mir im Kreis hinterher." Mostafa geht davon aus, dass der Mann ein Mitarbeiter der ägyptischen Botschaft in Berlin ist. "Ich frage mich wirklich: Woher wissen die immer genau, wo ich bin?"

Dissidentin Basma Mostafa: "Das fühlt sich an wie gehackt"

In den Daten, die dem Rechercheteam vorliegen, stecken Bewegungsmuster, in denen Mostafa ihren eigenen Alltag wiedererkennt: ihr Wohnhaus, Spielplätze, die sie mit ihren Kindern besucht hat, und ein Krankenhaus, in dem sie behandelt wurde. "Das fühlt sich an" wie gehackt", sagt Mostafa. Auch sie nutzt Apps, die Standortdaten erheben. Kann es sein, dass der ägyptische Geheimdienst solche Daten kauft, um Dissidentinnen wie sie zu verfolgen?

Die ägyptische Botschaft in Berlin beantwortet Fragen des Bayerischen Rundfunks zu diesem Fall nicht. Experten aber halten es durchaus für plausibel, dass ägyptische Geheimdienste solche Daten kaufen: "Zweitrangige Nachrichtendienste, die normalerweise nicht mit den großen Geheimdiensten in den USA, in Russland, in Großbritannien, in Frankreich oder in China mithalten können, haben immer mehr Zugang zu Daten, die sie wahrscheinlich vor einigen Jahren nicht gehabt hätten", sagt der Militärexperte Franz-Stefan Gady vom International Institute for Strategic Studies in London.

Datenhändler haben Standortdaten von der ukrainischen Front im Angebot

Auch Standortdaten aus mehreren Orten nahe der ukrainischen Front finden sich in den Daten, die BR und netzpolitik.org von einem Händler erhalten haben. Sie beinhalten auch die Information, dass Nutzende über Starlink verbunden sind – den Satelliten-Internetanbieter, der vor allem von ukrainischen Truppen genutzt wird.

Über diese Information lassen sich Stellungen ukrainischer Soldaten identifizieren. Zum Beispiel in einem Industriegebiet bei Soledar, wo 2023 Kämpfe zwischen der ukrainischen Armee und den russischen Streitkräften stattfanden.

In der ARD-Story Gefährliche Apps - im Netz der Datenhändler erkennt der ehemalige Soldat Dmytro Dokunov auf einer Karte mit Standortdaten, die im Internet zum Kauf angeboten werden, eine der Stellungen wieder: "Genau hier bei diesem roten Punkt, da war unser Hauptquartier. Das war der Ort, durch den alle Soldaten mussten, die nach Soledar hinein- oder rauskamen."

Handy spielt zentrale Rolle im Krieg

Der Militärexperte Franz-Stefan Gady vom International Institute for Strategic Studies (IISS) in London hält es für plausibel, dass Streitkräfte beider Seiten – der russischen und der ukrainischen – solche Standortdaten im Krieg nutzen. Besonders interessant seien Informationen darüber, wann Truppen durchrotieren, sagt Gady. "Das ist eigentlich immer der Zeitpunkt, wo die Frontlinie am verwundbarsten ist."

Allerdings sei das Handy für Soldaten wichtig, um die Verbindung mit der Heimat und der Familie aufrechtzuerhalten: "Krieg ist immer ein Wettbewerb des Willens und in dieser Hinsicht braucht man vor allem Dinge, die die Moral stärken." Daher ist es laut Gady schwierig, Handys an der Front komplett abzuschaffen.

Ukrainisches Militär hat Liste erlaubter Apps

Auch das ukrainische Verteidigungsministerium betont auf BR-Anfrage die zentrale Rolle, die Handys als Kommunikationsmittel spielen – und dass sie Angriffsziele sind: "Die ständigen und systematischen Versuche des Gegners, Zugang zu den Mobilgeräten zu erlangen, stellen eine reale Bedrohung für deren Sicherheit dar und zielen darauf ab, sowohl dienstliche als auch persönliche Informationen zu erlangen." Man setze deshalb auf ein mehrstufiges Sicherheitssystem, unter anderem verpflichtende Einstellungen und eine Liste erlaubter Apps.

Standorterfassung lässt sich in den Handy-Einstellungen ausschalten

In der EU ist der Verkauf von Standortdaten ohne explizite Einwilligung verboten. Auch in der Ukraine gibt es vergleichbare Gesetze. Das hält Datenhändler offenbar aber nicht davon ab, Bewegungsprofile von Menschen aus Deutschland, anderen EU-Ländern und der Ukraine in großem Umfang zu verkaufen. Wenn Nutzende verhindern wollen, dass ihre Standortdaten angeboten werden, müssen sie Apps in den Einstellungen ihres Smartphones den Zugriff auf den Standort verweigern und die Werbe-ID ausschalten.

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