Eigentlich ist doch alles super zwischen Tanja (Sylvaine Faligant) und Jerome (Jannis Niewöhner). Sie lernen sich 2018 auf der Lesung der jungen Erfolgsautorin kennen, es knistert, nach einer ersten Liebesnacht – "In unserer allerersten E-Mail hast Du unser Kennenlernen als ziemlich passablen One-Night-Stand bezeichnet!" – kommt es zur Fernbeziehung. Er, der Web-Designer im hessischen Maintal, Tanja in Berlin. E-Mails auf der Zugreise zueinander, Abtanzen inklusive Drogen in Berliner Techno-Clubs, alles intensiv und schön. Aber auch unverbindlich, gerade deshalb irgendwie cool. Denken beide. Mit schmerzvollen Folgen.
Wenn die ewige Reflektion die Liebe zerstört
Wir erleben zwei Endzwanziger, die sich lieben, und doch nicht zusammenfinden. Eher alles gedanklich analysieren, mit der eigenen Erwartung abgleichen, anstatt einfach zu fühlen, sich wirklich einzulassen. Immer im Kampf mit dem Drang nach Freiheit und dem gleichzeitigen Wunsch nach Nähe und echter Verbundenheit. Ihre Beziehung hält nicht lange, schnell kommen Affären auf beiden Seiten dazu, erleichtert durch die wochenlangen "Beziehungspausen" und die Entfernung zueinander – E-Mails können eben doch nicht so viel Nähe erzeugen wie echte Präsenz.
Spielt stark und glaubhaft: Sylvaine Faligant als Tanja in "Allegro Pastell" (Filmszene).
Starke Hauptdarsteller
"Allegro Pastell" ist die Verfilmung von Leif Randts gleichnamigem Erfolgsroman von 2020. Randt hat in ihm das Beziehungsleben unpolitischer Millennials skizziert, schreibt von Menschen, die an der Liebe scheitern, obwohl doch alle Voraussetzungen für eine starke, erfüllende Beziehung gegeben sind. Nun hat Anna Roller den Stoff als BR-Koproduktion verfilmt. Autor Leif Randt hat ihr das Drehbuch geschrieben.
Am vergangenen Wochenende feierte „Allegro Pastell“ seine Premiere auf der Berlinale - ein kleiner Ritterschlag für einen Film, bei dem nichts schief gehen kann, möchte man meinen. Die Vorlage ein Bestseller, und Hauptdarsteller Jannis Niewöhner ein junges deutsches Talent mit absolutem „Beau“-Faktor, das sehr gut spielen kann. Dazu die Französin Sylvaine Faligant in ihrer ersten richtigen Hauptrolle in einem Spielfilm, die jede Szene mühelos auf ihren Schultern trägt. Sie ist ein Highlight, spielt die Tanja mit einer Zerbrechlichkeit, oft kaschiert hinter einer hippen Sonnenbrille. Ihre Figur hat eine gewisse Entrücktheit, die sie in ihrer emotionalen Instabilität für den Zuschauer glaubhaft und nahbar macht.
Schauspielerin Sylvaine Faligant (l.) und "Allegro Pastell"-Regisseurin Anna Roller bei der Berlinale-Premiere.
Wenn Gedanken auf der Leinwand fühlbar werden
Anna Roller hat eine Mammutaufgabe übernommen, das Buch zu verfilmen. Hat Autor Randt doch in seinem Buch die eigene Gedankenwelt seiner Figuren zum zentralen Element gemacht. Eine Generation, die fast schon übersteigert reflektiert, sich in Kontrolle ihres Lebens wähnt und eben genau an den unvorhergesehenen Dingen, an der Unkontrollierbarkeit ihrer Emotionen verzweifelt. Das auf einen Spielfilm zu übertragen, ist schwierig.
Roller gelingt es. Mit Off-Monologen, die die Gedanken der Protagonisten schildern. Dazu eine ruhige Kameraführung, die das Lebensgefühl jener Zeit im pulsierenden Berlin der 2020er Jahre zwischen gülden leuchtenden Sommerabenden, Techno-Partys und Feiern in kleinen, hässlichen Neubau-Wohnungen glaubhaft einfängt. Und nicht zuletzt ist da der wohldosierte Einsatz von Max Riegers Filmmusik. Er lässt den vielen emotionalen Reflektionen der Hauptfiguren genug Raum zur Entfaltung. Überhaupt wird viel gefühlt und gelitten in "Allegro Pastell", und nie wirkt es aufgesetzt.
Eigentlich ist doch alles gut, oder doch nicht? Sylvaine Faligant und Jannis Niewöhner als Paar in "Allegro Pastell" (Filmszene).
Provokantes, glaubhaftes Kino
Es ist ein tragischer Zwiespalt, der "Allegro Pastell" als Drama interessant macht: Einerseits wollen wir, dass diese zwei zusammen funktionieren. Doch würden wir das Ganze filmisch schnell langweilig finden. Und dann ertappen wir uns dabei, dass wir diese zwei nicht wirklich mögen. Wir beginnen, uns an ihrem Scheitern zu weiden. Tanja und Jerome finden im Leid des immer wieder Zusammenkommens und sich Trennens eine gewisse Vertrautheit und Gewohnheit, genießen scheinbar ihre Tragik, schaffen es nicht, zusammen zu sein, obwohl sie sich lieben. Fliehen immer wieder in die Arme anderer Partner, die wohl auf lange Sicht auch besser zu ihnen passen würden.
Das ist klug beobachtet und provokativ. Anna Rollers Film fordert so zur anschließenden Diskussion heraus, warum es wohl zwischen Jerome und Tanja nicht klappt und was das über unser aller Beziehungsfähigkeit aussagt. Wenn ein Film das schafft, ist er gut.
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