"Was bedeutet das? Werden die Säuberungen derjenigen, die Willenskraft, patriotische Ansichten, Respekt vor anderen und Kriegserfahrung besitzen, umso brutaler, je näher wir dem Ende kommen? Stehen uns neue 90er Jahre bevor?" fragt sich der russische Publizist Maxim Schewtschenko [externer Link] nach dem Attentat auf General Wladimir Alexejew in Moskau: "Wer profitiert davon? In dieser verrückten Welt ist alles durcheinandergeraten!"
Der stellvertretende Chef des Auslandsgeheimdiensts der russischen Armee war mit drei Kugeln in der Brust schwer verletzt in ein Krankenhaus eingeliefert worden. Beobachter verwiesen darauf, dass Alexejew zwar nicht der russischen Delegation angehörte, die kürzlich mit der Ukraine in Abu Dhabi verhandelte, aber gleichwohl vor Ort präsent gewesen sei. Chef der russischen Delegation war Alexejews unmittelbarer Vorgesetzter, General Igor Kostjukow.
Im Übrigen erregte es Aufsehen, dass Alexejew im Juni 2023 direkten Gesprächskontakt mit dem Söldnerführer Jewgeni Prigoschin hatte, der damals gegen die russische Armeeführung rebellierte. Die seinerzeitige TV-Szene habe an den rabenschwarzen Brachial-Humor des US-Filmregisseurs Quentin Tarantino erinnert, so Publizistin Xenia Sobtschak [externer Link]. Blogger Oleg Sarow behauptete [externer Link]: "Es gibt praktisch kein Ereignis im Zusammenhang mit der Spezialoperation und der Ukraine, an dem Wladimir Alexejew nicht beteiligt war."
"Wer ist der Nächste?"
Die Wut russischer Ultrapatrioten wie Alexei Schiwow (110.000 Fans) ist nach dem Attentat groß: "Wie oft wurde schon vorgeschlagen, wichtige Beamte, die das Rückgrat der Spezialoperation bilden, unter verstärkten Schutz zu stellen? Alle der Front zugeordneten Offiziere aller Teilstreitkräfte sollten stets persönliche Waffen tragen. Aber nein. Seit vier Jahren ist alles beim Alten. Unser Land hat keinen schlimmeren Feind als seine eigenen Vorschriften und Verfahren."
Bei anderen Kommentatoren ist von einem "Schlag ins Gesicht der russischen Geheimdienste", von einem "Dolchstoß" und "Ansehensverlusten" die Rede. Es wurde der sofortige Abbruch der Gespräche mit der Ukraine gefordert [externer Link]: "Wer ist der Nächste? Machen wir mit Trumps Führungsrolle Schluss und schlagen wir Selenskyj und seine Bande. Es ist noch nicht zu spät!"
"Stars sind besser geschützt als Generäle"
Polit-Kommentator Juri Barantschik wetterte [externer Link]: "Wir haben genug von der Taktik [des Kremls], 'Provokationen nicht nachzugeben', sie hat sich als wirkungslos erwiesen. Von Mordanschlägen bis hin zu gekaperten Tankern." Kremlsprecher Dmitri Peskow hatte zum Attentat lediglich geäußert, die Geheimdienste täten ihre Arbeit, Putin sei informiert worden.
Infotafel
Die Lage der russischen Geheimdienste sei "katastrophal und wird sich voraussichtlich noch verschlimmern", fürchtete Militärblogger Juri Kotenok [externer Link]: "Der Feind nutzt unsere Schwächen aus und eliminiert systematisch die Führung des Generalstabs und des Verteidigungsministeriums, vor allem Schlüsselfiguren, denen es an ausreichendem Schutz mangelt. Leider ist dies eine Tatsache, und aus irgendeinem Grund sind wir nicht in der Lage, sie zu überwinden."
"Attentat macht Russlands Position defensiver"
"Das Attentat auf Alexejew ändert nichts an der Tatsache, dass Russlands Ressourcen erschöpft sind. Daher wird sich der Kreml höchstwahrscheinlich auf Erklärungen beschränken und die Verhandlungen fortsetzen. Die Einsätze und Risiken sind zu hoch, als dass die Falken die Chance auf eine Atempause verspielen könnten", heißt es dagegen in einem der anonymen Polit-Blogs [externer Link], der von einer "düsteren Realität" sprach.
"Sollte Kostjukow nach dem Attentat auf seinen Stellvertreter am Verhandlungstisch bleiben, würde dies zeigen, dass Moskau bereit ist, schmerzhafte und rufschädigende Rückschläge für einen Friedensschluss in Kauf zu nehmen", so die Analyse: "Dies würde allgemein als Eingeständnis verstanden werden, dass dem Kreml die Reserven ausgehen. Letztlich ist das Attentat auf Alexejew eine Art 'Check', der die Position der Ukraine in Abu Dhabi stärkt und die Russlands defensiver macht."
Es gab auch Kritik an der Wortwahl der russischen Ermittlungsbehörden, die zunächst von einem "verhinderten" Attentat gesprochen hatten [externer Link]: "Ältere Menschen und Kinder zu bombardieren, zu versuchen, Zivilisten zu töten – das ist eine 'Operation', aber die gezielte Ausschaltung des militärischen Kommandos ohne Kollateralschäden – das ist ein 'Terrorakt'. Im Reich der Zerrspiegel ist das die Norm."
Im Video: Moskau - Russischer General niedergeschossen
Bei dem Opfer handelt es sich um Wladimir Alexejew, dem Vize-Chef des Armee-Geheimdienstes. Er wurde schwer verletzt ins Krankenhaus gebracht.
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