"Die Angst hat sich von einem natürlichen, grundlegenden Gefühl in ein unnatürliches, vorherrschendes verwandelt", so der russische Publizist Georgi Jans mit bemerkenswerter Offenheit [externer Link] über die gegenwärtige Befindlichkeit vieler Menschen in Putins Russland: "Ich bin fast sicher, dass jeder, der über die aktuelle Realität schreibt, genau dieselbe Angst empfindet. Es ist nicht üblich, darüber zu sprechen. Das liegt auf der Hand."
Jans zitiert zur Beschreibung der "Realität" das berühmte "Epigramm gegen Stalin" des russischen Klassikers Ossip Mandelstam (1891 - 1938), der in einem sowjetischen Lager starb. Es beginnt mit den Zeilen "Und wir leben, doch die Füße, sie spüren keinen Grund/ Auf zehn Schritt nicht mehr hörbar, was er spricht, unser Mund,/ Doch wenn's reicht für ein Wörtchen, ein kleines -/ Jenen Bergmenschen im Kreml, ihn meint es." (zitiert nach der Übersetzung von Ralph Dutli)
"Alle sind politische Gefangene"
Auf den berühmten Lyriker und Stalin-Kritiker beruft sich auch Polit-Blogger Stanislaw Belkowski, der sehr sarkastisch die jüngste Behauptung von Kremlsprecher Dmitri Peskow kommentierte [externer Link], in Russland gebe es keine politischen Gefangenen: "Alle ständigen Bewohner Russlands können gewissermaßen als politische Gefangene betrachtet werden. Selbst wenn sie gar nicht politisch interessiert sind. Denn sie alle leben im Totalitarismus. Und Totalitarismus, wie wir [von Mandelstam] wissen, kann nicht überlebt werden."
Belkowski unterhält seine Leser bei der Gelegenheit mit dem alten sowjetischen Witz, wonach ein Ausländer beim Aufenthalt in der UdSSR in einen offenen Gully fällt und sich darüber mit den Worten beschwert: "In unserem Land ist jede Gefahrenstelle mit einer kleinen roten Fahne gekennzeichnet!" Ein Russe soll ihm darauf geantwortet haben: "Haben Sie beim Grenzübertritt die große rote Fahne gesehen? Das ist in unserem Land die einzige."
"Land hat aufgehört zu zweifeln"
Der in London lehrende Exil-Politologe Wladimir Pastuchow meint [externer Link]: "Heute ist es unmöglich, den wahren Zustand der russischen Gesellschaft und die vorherrschende Mentalität pauschal zu beurteilen. Was wir an der Oberfläche sehen, ist das Ergebnis des gleichzeitigen Wirkens historischer Trägheit und staatlicher Propaganda, verstärkt durch die astronomische Angst vor den Repressionen."
Ähnlich der kremlkritische Politikwissenschaftler Andrei Kalitin [externer Link]: "Die Einschränkungen der letzten viereinhalb Jahre haben die Meinungsfreiheit, die Menschenrechte und das Gewissen – sofern man überhaupt eines hat – beeinträchtigt. Dieses neue Virus ist wahrscheinlich weitaus gefährlicher als Corona. Der Geruchssinn scheint noch intakt zu sein, Hör- und Sehvermögen funktionieren größtenteils, aber fast das ganze Land hat aufgehört zu zweifeln, zu fühlen, zu denken und sich Sorgen zu machen."
"Bis das Gewinde bricht"
Ein ansonsten durchaus kremltreuer anonymer Kriegsblogger klagte in einem Offenen Brief an Putin [externer Link]: "Alles in Russland ist nach wie vor von Misstrauen durchdrungen und ruht auf den wackligen Säulen der Angstmache. Die Schrauben werden überall so fest angezogen, bis das Gewinde bricht. Warum? Statt auf Denunziationen und Repressionen sollten wir uns auf gegenseitiges Vertrauen und Liebe konzentrieren."
Infotafel
Grotesk dabei: Manche russische Kommentatoren behaupten, Putin selbst handle aus Angst. So schreibt einer der Militärblogger [externer Link]: "Er fürchtet das Kriegsende aus Prinzip. Für ihn ist der Krieg zu einem Prozess geworden, der nicht aufhören kann, da seine Beendigung unweigerlich dazu führen würde, dass die Massen fragen: 'Wozu das alles?'" Wohl scherzhaft soll Putin neulich für den Fall einer Niederlage vorhergesagt haben: "Sie werden mich hängen."
"Krieg erzeugt Bedrohung"
Ein weiterer der tonangebenden anonymen Beobachter teilt den Eindruck, dass die Angst auch im Kreml dominiere [externer Link]: "Krieg erzeugt eine Bedrohung, und die Bedrohung wird zur Kriegsrechtfertigung. Die Verantwortung für die äußere Sicherheit wird durch die Forderung nach fortgesetzten Bombardierungen ersetzt."
Das wird mit einem Hinweis auf Putins Autobiografie "Aus erster Hand" (2000) illustriert. Dort erzählt der russische Präsident [externer Link], wie er als Kind im Hausflur eine große Ratte jagte. In die Enge getrieben, habe ihn das Tier seinerseits in die Flucht geschlagen: "Es war unerwartet und sehr beängstigend." Dazu der zitierte Autor: "Die Invasion mit einem Kindheitstrauma zu erklären, wäre Spekulation. Aber die politische Metapher drängt sich auf: Der Versuch, den Feind auszuschalten, verwandelt sich in Angst vor seinem Widerstand."
Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.
"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!

