"Das Leben in einem Krieg wie dem unseren ist nichts anderes als ein langsames Sterben, auch wenn es manchmal anders erscheinen mag. Die entscheidende Frage ist, ob der Krieg endet, bevor der mögliche Tod Realität wird. Jeder hat seine Zeit. Aber selbst diejenigen, die lebend von der Front zurückkehren, werden nie wieder dieselben sein", so der russische Soldat und Blogger Nikita Tretjakow [externer Link] in einer bitteren Bilanz seiner bisherigen Tätigkeit. Er fragt sich und seine Leser: "War alles umsonst? Darauf gibt es keine Antwort..."
Mit diesem Pessimismus steht Tretjakow in seinem Land keineswegs allein da: "Die russische Gesellschaft ist den mobilisierten Soldaten gegenüber gleichgültig, als würde sie sie gar nicht wahrnehmen. Es ist, als würde jemand in einem Fluss ertrinken, und Millionen von Menschen strömten am Ufer entlang, ohne dass auch nur einer den Ertrinkenden eines Blickes würdigte", so einer der viel zitierten anonymen Publizisten [externer Link].
Er schließt seine Analyse mit den Worten: "Die russische Gesellschaft weigert sich, ihre Probleme anzuerkennen, zweifelt an ihrer Existenz und leugnet somit die Notwendigkeit, sie anzugehen. Und solange unsere Gesellschaft so bleibt, hat die Regierung ein 'Mandat', zu tun, was sie will."
"Soziale Mobilität nur noch nach unten"
Publizist Wassili Beltsew schreibt [externer Link]: "Das Land, das uns einigermaßen vertraut war, verwandelt sich in einen neuen Staat, der von Terror beherrscht wird und über ein eigenes Kastensystem verfügt, in dem die soziale Mobilität aufgrund schwindender Ressourcen nur noch nach unten geht."
Russland könne noch "jahrzehntelang in diesem Zustand verharren", so Beltsew, der sich an Nordkorea erinnert fühlt: "Selbst eine bedeutende äußere Niederlage würde nichts ändern: Ein Russland, das den Krieg verliert, wäre für die westliche Welt von Vorteil, da sie dann zu den Bedingungen des Siegers mit ihm Handel treiben könnte. Der terroristische Kontrollkreislauf würde sich nach innen richten und billige Rohstoffe für den Export liefern, ohne dass eine wirkliche äußere Bedrohung bestünde. Nein, dies ist nicht die Zeit der Wirren [wie im frühen 17. Jahrhundert]. Dies ist ein klassisches finsteres Zeitalter."
"Augen werden blutunterlaufen"
Publizist Juri Dolgoruki hofft zumindest auf weniger "ideologische Kampagnen" aus dem Kreml [externer Link], weil der angesichts "ernsthafter praktischer Probleme" dafür keine Zeit mehr haben werde. Im Übrigen sei das neu gewählte Parlament etwas jünger geworden: "Das allein garantiert natürlich nichts und bedeutet sicherlich keinen Kurswechsel. Aber vielleicht wird es zumindest weniger abscheuliche Äußerungen geben. Unter den gegenwärtigen Umständen wäre selbst eine solche Veränderung willkommen – auch wenn sie keinesfalls mit einer echten Lockerung der Politik verwechselt werden sollte."
Infotafel
Gesunder Menschenverstand oder kritische Medienaufmerksamkeit könnten in Russland längst niemanden mehr "retten", so Exil-Publizist Oleg Kaschin [externer Link]: "Kontrollverlust und Straflosigkeit steigern immer die Gier [der Machthaber], ihre Augen werden blutunterlaufen, und es gibt keine Motivation oder rationale Überlegung mehr – diese Menschen brechen dir die Beine, weil sie es können und weil es ihnen Spaß macht."
"Die Toten begraben die Lebenden"
In einem weiteren russischen Polit-Blog wird mit fast poetischer Verzweiflung gefragt [externer Link], was schlimmer sei, die äußeren Feinde Russlands oder die "kleptokratische Elite" des Landes, die ihre Privilegien um jeden Preis an ihre Kinder weitergeben wolle: "Heute begraben die Toten die Lebenden, die Zeit ist unerbittlich, und die Ära der russischen Überzeitlichkeit geht zu Ende. Die einzige Frage ist, was wir hinterlassen werden – Asche oder den Samen neuen Lebens."
Selbst das staatstragende russische Fachblatt "Global Affairs" will offenbar keine Zuversicht mehr verbreiten, was die Kriegsaussichten betrifft. Dort schrieb Jewgenia Naumowa [externer Link], eine Beraterin des russischen Außenministeriums über einen "Teufelskreis": "Die einen haben keine Chance mehr auf einen durchgreifenden Sieg, die anderen können zwar eine endgültige Niederlage abwenden, aber nicht mehr. Das Kräftemessen zwischen der 'Schwäche der Starken und der Stärke der Schwachen' führt dazu, dass solche Konflikte, wenn nicht endlos, so doch zumindest sehr langwierig sind."
Einer der wichtigsten russischen Telegram-Kanäle für politische Debatten zitierte sarkastisch Leonid Schebarschin (1935 -2012) [externer Link], den letzten KGB-Auslandschef: "Die Autorität einer Regierung bemisst sich daran, welchen Schaden sie der Gesellschaft zufügen kann."
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