Der russische Präsident bei seiner jüngsten Rede auf dem "Waldai"-Forum
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Greift nach jeder Chance: Wladimir Putin
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Greift nach jeder Chance: Wladimir Putin

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"Kleiner Bär in der Taiga": Sind Putins Drohungen glaubwürdig?

"Kleiner Bär in der Taiga": Sind Putins Drohungen glaubwürdig?

In einer Grundsatzrede lobte Putin den früheren SPD-Außenpolitiker Egon Bahr und philosophierte über den Einsatz von Atomwaffen. Doch was als propagandistische Drohgebärde gemeint war, wird in Russland eher als Zeichen der Schwäche ausgelegt.

Über dieses Thema berichtet: BR24 Mastodon am .

"Einige seriöse Experten sind der Ansicht, dass jede Eskalation der nuklearen Rhetorik ein Indiz und Symbol für ein militärisches Scheitern ist", heißt es in einem Kommentar der in Amsterdam erscheinenden "Moscow Times" [externer Link] zum jüngsten Propaganda-Auftritt von Wladimir Putin.

Bei dieser Gelegenheit hatte der russische Präsident nicht nur den SPD-Ostpolitiker Egon Bahr (1922 - 2015) überschwänglich gelobt, sondern auch laut über den Einsatz von Atomwaffen nachgedacht.

"Werden nicht die Kraft haben, dieser Bedrohung zu begegnen"

"Wir versuchen nicht, irgendjemanden einzuschüchtern", hatte Putin behauptet [externer Link]. Bei einem Angriff auf Russland, etwa auf das frühere Königsberg (Kaliningrad), werde allerdings "sofort die Frage auf der Tagesordnung stehen", ob Russland "alle ihm zur Verfügung stehenden Waffen" einsetzen müsse: "Uns ist bewusst, dass wir einem Gegner gegenüberstehen, der doppelt so groß ist wie wir. Ja, wir werden nicht die Kraft und die Ressourcen haben, dieser Bedrohung zu begegnen."

Was wohl als propagandistische Kraftprotzerei gemeint war, verfehlte in mehrfacher Hinsicht das Ziel: International wurde Putins Auftritt bei der "Waldai"-Konferenz weitgehend ignoriert, im eigenen Land höchst zwiespältig aufgenommen.

"Da braut sich was zusammen"

Der russische Exil-Politologe und frühere Kreml-Redenschreiber Abbas Galljamow [externer Link] meinte, Putins Realitätsverweigerung grenze inzwischen an einen Gewaltausbruch: "Wenn Ihr wichtigstes politisches Kapital der Ruf ist, stets Druck auszuüben, niemals nachzugeben und immerwährender Sieger zu sein, dann ist das Eingeständnis eines Fehlers gefährlicher, als die daraus resultierenden Verluste zu tragen. Sie geraten in eine Falle: Je offensichtlicher und notwendiger ein Strategiewechsel ist, desto höher sind die politischen Kosten einer solchen Korrektur."

Auch Publizist Maxim Kalaschnikow zeigte sich von Putin irritiert [externer Link]: "Im Allgemeinen sollte die Rede in Waldai Stärke demonstrieren. Doch sie bewirkte das genaue Gegenteil. Eines ist klar: Der Feind kann sich nun sicher sein, dass er uns fertigmachen kann, und zwar ohne direkten Krieg und erst recht ohne 'Atomwaffen'-Einsatz."

Für Putin sei jedwede rhetorische Eskalation weniger eine "Drohung" als vielmehr ein "Mechanismus", so einer der Beobachter [externer Link]: "Das ist eine Einladung zum Verhandeln, aber kein Versprechen, dass die Linie unverändert bleibt."

"Eher schädlich als nützlich"

Politologe Maxim Scharow empfand Putins Rhetorik "ausgesprochen konservativ, ja sogar defensiv". Sein Fazit [externer Link]: "Die Erklärung für diese konservative Rhetorik des Kremls bleibt unklar. Womöglich hält er trotz des in den letzten Wochen deutlich erhöhten Drucks auf Kiew weiterhin am Konzept der 'strategischen Geduld' fest."

Bei einem der tonangebenden anonymen russischen Polit-Blogger hieß es [externer Link]: "Putin tut so, als ob er gewinnen würde, aber das tut er nicht, und das ist ein Problem für alle, auch für ihn selbst. Die Schlussfolgerungen sind klar: Der Krieg wird mindestens noch einige Jahre dauern, sofern keine Seite vorher kapituliert."

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Infotafel

"Wenn unsere Politiker und Diplomaten von einem Atomangriff sprechen, ist das ein schlechtes Zeichen", so Publizist Alexei Schiwow [externer Link]: "Wenn man selbst keinen Plan hat, sondern sich auf atomare Abschreckung verlässt, der Gegner aber einen Plan und so gut wie keine Furcht vor einem Atomangriff hat, dann sollte man sich das gut überlegen. Die nuklearen Drohungen des Außenministeriums, mit denen Diplomaten unsere tatsächliche Nachgiebigkeit zu kaschieren versuchen, sind also eher schädlich als nützlich."

"Moralische Gründe als Hinderungsgrund?"

Der in London lehrende Exil-Politologe Wladislaw Pastuchow spekulierte [externer Link], Putin könne nicht aus politischen, sondern aus höchst privaten Gründen mit dem Gedanken an eine atomare Apokalypse spielen: "Ich persönlich sehe keinen Grund, warum Menschen, die im Fall einer Niederlage gemeinsam mit ihren Familien dem Tode geweiht wären und die die Möglichkeit haben, die gesamte Menschheit mitzunehmen, diese Chance nicht nutzen sollten. Moralische Gründe als Hinderungsgrund? Wenn sie Moral hätten, hätten sie die Dinge nicht so weit gedeihen lassen, dass Bedingungen entstehen, die sie mit Vernichtung bedrohen."

Überraschend polemisch war in einem der mit 690.000 Fans größten Telegram-Kanälen über Putins Rede zu lesen [externer Link]: "Vielleicht sollte unser kleiner Bär lieber ruhig dasitzen und statt Ferkel durch die Taiga zu jagen lieber Beeren und Honig fressen. Vielleicht lassen sie ihn dann in Ruhe? Die Lehre aus dem Gleichnis ist einfach: Wenn man ständig mit einer nicht existierenden Bedrohung spielt, glaubt einem eines Tages niemand mehr."

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