"Auf den ersten Blick sieht das alles nach einer militärisch-diplomatischen Sackgasse aus", so der russische Militärblogger Alexei Schiwow (111.000 Fans) in einer aktuellen Bestandsaufnahme (externer Link). Weniger ultrapatriotische Beobachter sind deutlich pessimistischer: "Es gibt keine Illusionen mehr von einem 'schnellen Sieg' – überhaupt keine mehr", so einer der russischen Kommentatoren (externer Link).
Ein weiterer zieht das für ihn bittere Fazit (externer Link): "Die Front steht still. Es gibt keinen Sieg. Die Ressourcen sind erschöpft. Und der Ruf wird lauter: Es ist Zeit, diesen Feldzug zu beenden, sonst ziehen wir völlig mittellos in einen Krieg mit der NATO. Das ist kein Verrat. Das ist eine harte Abwägung. Das sind Patrioten, die wirklich für Russland da sind, nicht für schöne Berichte."
Grund für solche Äußerungen: An der Front geht es für die russische Armee seit Wochen kaum voran, an einigen Abschnitten soll die Ukraine selbst nach Angaben russischer Militärblogger sogar in der Offensive sein und vorrücken (externer Link). Von einer "verschärften Situation" ist die Rede: "Noch schlimmer als eine Fehleinschätzung der Lage sind Berichte, die der Realität diametral entgegenstehen und die Führungsebene zu noch schwerwiegenderen Fehlern verleiten."
Kremlsprecher: "Geht nur noch um wenige Kilometer"
Mindestens ebenso besorgniserregend und irritierend wie die Kampfhandlungen sind für die "Z-Blogger", also die Kriegs-Propagandisten, jedoch die offiziellen Stellungnahmen aus dem Kreml. So hatte Putins Sprecher Dmitri Peskow kürzlich behauptet (externer Link), im Krieg gehe es nur noch "um wenige Kilometer" Territorium: "Ich weiß es nicht genau, aber grob gesagt sind es noch 17 bis 18 Prozent der Volksrepublik Donezk, die wir befreien müssen. Das würde bedeuten, dass wir die Verwaltungsgrenzen dieser Region erreicht haben."
Infotafel
Die tonangebenden Ultrapatrioten reagierten ausgesprochen gereizt und fragten sich, ob der Kreml damit etwa weitere, auf dem Papier bereits annektierte und teilweise besetzte ukrainische Regionen wie Cherson und Saporischschja "stillschweigend aufgegeben" habe (externer Link).
Propagandist Alexei Kalugin schämte sich sogar für den Kreml (externer Link): "Sollte russisches Territorium an den Feind abgetreten werden, wäre das ein wahrer Verrat derer, die jahrelang die Bevölkerung aufgerufen haben, ihr Leben und ihre Gesundheit zu riskieren, um Ziele zu erreichen, die nie wirklich angestrebt waren."
"Wo ein russischer Soldat den Fuß hinsetzt"
Politologe Andrei Kalitin nahm das Wirrwarr um territoriale Ziele zum Anlass zu einer aufschlussreichen Analyse (externer Link). Er verwies auf eine groteske Kehrtwende in Putins Rhetorik, was die Eroberung ukrainischer Gebiete betrifft. So hatte der russische Präsident am 5. Oktober 2023 behauptet (externer Link): "Ich möchte betonen, dass die Ukraine-Krise kein territorialer Konflikt ist. Russland ist das größte Land der Welt und flächenmäßig das bedeutendste. Wir haben kein Interesse daran, weiteres Territorium zu erobern."
Knapp zwei Jahre später, am 20. Juni 2025, vertrat Putin den gegenteiligen Standpunkt und verteidigte territoriale Eroberungen (externer Link) ausdrücklich: "Wissen Sie, wir haben eine alte Regel – es ist kein Sprichwort, eher ein Gleichnis, das besagt: Wo ein russischer Soldat seinen Fuß hinsetzt, da ist unser Land. Aber bitte, ich möchte nicht, dass das militaristisch klingt."
"Auch wenn wir uns zurückziehen, kommen wir voran"
Kalitin sprach in diesem Zusammenhang von einem politischen Orientierungsverlust Putins: "Frontkilometer werden zur Haupttrophäe und zum Hauptziel eines Landes, das nicht weiß, was es mit seinen rückwärtigen Gebieten überhaupt anfangen soll. Russland lebt wie ein Nomadenvolk, hin- und hergerissen zwischen imperialen Ambitionen und einer archaischen Realität, auf der Suche nach Grenzen, die angeblich gar nicht existieren. Anstatt sein Territorium zu entwickeln und Teil der Weltgemeinschaft zu werden, kämpft Russland mit Blut, Feuer und Tod um Quadratkilometer, um seinen Grenzpfahl auf den Weg der Zivilisation einzurammen."
Einer der Beobachter fühlte sich angesichts von Putins widersprüchlichen Aussagen an das so populäre wie satirische Lied "Russische Straße" des Sängers Igor Rasteriajew erinnert (externer Link): "Auch wenn wir uns zurückziehen, kommen wir voran." Während die Armee "mühsam und schleichend" vorrücke, drohe Russland die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung im Hinterland zu verpassen.
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