"Wer keine breite Zustimmung der Bevölkerung erreichen kann, braucht einen Unterdrückungsapparat, um die Opposition zu bekämpfen, oder staatliche Stellen, die durch Manipulation für die gewünschten Wahlergebnisse sorgen können. Das ist die Realität und das Gesetz der Politik", so einer der mit 297.000 Fans populärsten russischen Militärblogger [externer Link] nach der Wahlniederlage des ungarischen Ministerpräsidenten und Putin-Fans Victor Orbán. Der trage demnach die "alleinige Verantwortung" für sein Scheitern.
Ähnlich sarkastisch äußerten sich zahlreiche weitere russische Beobachter. So schrieb Propagandist Juri Barantschik [externer Link]: "In Russland arbeiten die politischen Strategen seit Langem ausschließlich mit Zwangsmaßnahmen. Eine politische Schule gibt es praktisch nicht. Mit staatlicher Einflussnahme und der richtigen Stimmenauszählung könnte aber selbst ein Affe gewinnen. Ungarn hatte beides nicht."
"Deutlich mehr neue Gesichter"
Der kremlnahe Politologe Sergei Markow seufzte [externer Link]: "Wir haben Orbán überschätzt. Und wir haben Europa – die EU-Führung – erneut unterschätzt." Offenbar hätten die ungarischen Wähler Orbáns Leute "regelrecht gehasst und abgelehnt", so Markow, der die Prognose wagte, der Kreml werde daraus innenpolitische Konsequenzen ziehen: "Im Herbst finden in Russland Wahlen statt. Aus den Wahlen in Ungarn ergibt sich, dass die russischen Polit-Strategen daraus Schlussfolgerungen ziehen werden und im neuen russischen Parlament deutlich mehr neue Gesichter zu sehen sein werden als ursprünglich geplant."
Politikwissenschaftler Igor Dimitriew (129.000 Fans) sagte nach Orbáns Abgang eine "Verschärfung der Kampfhandlungen" in der Ukraine voraus [externer Link], weil Europa Kiew jetzt mit neuen Milliarden-Krediten unterstützen werde: "Ob es uns gefällt oder nicht, wir werden gegen Europa kämpfen müssen, insbesondere da wir bereits eine Front haben – die Ostsee. Sie ist ein zweiter Persischer Golf." Ohne eine weitere Mobilisierung werde es "trotz aller Beteuerungen" nicht abgehen, so der Kommentator, der den demonstrativen Einsatz von Atomwaffen für unrealistisch hält: "China ist vehement dagegen. Also, macht euch keine allzu großen Hoffnungen."
"Grundlage von Orbáns Macht nicht verschwunden"
Dagegen wollte Politologe Ilja Graschtschenkow Orbán noch nicht ganz abschreiben [externer Link], obwohl er für Moskau einen "schwindenden Handlungsspielraum" in Europa konstatierte: "Es ist verfrüht, den Orbánismus für tot zu erklären. Orbán mag die Wahl verloren haben, doch das bedeutet nicht, dass die Grundlage seiner Macht verschwunden ist. Wenn die neue Regierung nicht schnell Ergebnisse liefert, wenn die versprochene Vernunft dem Chaos der Veränderungen weicht, wenn ein Kampf mit der Vergangenheit die Gestaltung der Zukunft ersetzt, dann könnte Ungarn eine Gegenbewegung erleben – Ernüchterung über die Sieger und eine erneute Sehnsucht nach der 'alten, festen Hand'."
Infotafel
Kommentator Oleg Sarow (405.000 Fans) wunderte sich [externer Link]: "Es ist einmalig, eine Wahl mit der Unterstützung Washingtons, Moskaus und Pekings zu verlieren. Ungeachtet dessen, wie die Wahlkreise zugunsten der Regierungspartei zugeschnitten wurden, verlor Orbán. Was bedeutet das? Es beweist, dass das Wahlsystem fair funktionierte, dass die Wahlen nicht manipuliert waren." Russland werde es "nun schwerer haben".
"Zivilisation triumphiert über Barbarei"
Sehr selbstkritisch gab sich einer der viel zitierten anonymen russischen Blogger [externer Link]: "Ungarns größter Sieg bestand darin, dass es seinen politischen Kurs ohne Staatsstreich änderte – das Kennzeichen eines zivilisierten Staates. Und Zivilisation triumphiert in der Regel über Barbarei, weil sie mit weniger Aufwand bessere Ergebnisse erzielt."
Möglicherweise deute sich damit sogar "Europas Sieg über Russland" an, so der Beobachter: "Die Niederlage wird uns ungeheure Härten bescheren; sie wird die Explosion von Konflikten bedeuten, die sich 30 Jahre lang angestaut haben, während die staatshörigen Patrioten uns arrogant ins Gesicht pinkelten. Aber vielleicht haben wir es verdient."
Der erste russische Wirtschaftsminister nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, Andrei Netschajew, reagierte mit leiser Ironie [externer Link]: "Wie gelang es den Ungarn, die lange Herrschaft des verhassten Orbán zu beenden? Ganz einfach: Indem sie zur Wahl gingen und gegen die regierende Partei stimmten."
Das knappe Fazit eines weiteren russischen Polit-Bloggers [externer Link]: "Nun, vielleicht fließt jetzt wenigstens etwas weniger Geld aus Russland ab, um ausländische Betrügereien zu finanzieren."
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