"New York Herald Tribune!" – Es sind nur vier Worte, aber bei Filmfans lösen sie ein wissendes Lächeln aus. Jean Seberg hat sie gerufen, als sie in Jean-Luc Godards Spielfilmdebüt "Außer Atem" über die Pariser Champs Élysées schlendert und Zeitungen verkauft, an ihrer Seite der 26 Jahre junge Jean-Paul Belmondo, mit Zigarette im Mundwinkel und allerlei Sprüchen auf den Lippen. Die allerdings nachsynchronisiert wurden. Denn ein klassisches Drehbuch existierte nicht, festgelegte Dialoge gab es kaum. Gedreht wurde ohne Ton, vor und hinter der Handkamera wurde Tag für Tag improvisiert, gesprochen wurde, was den Schauspielern gerade durch den Kopf ging. Was sich Richard Linklater in seinem neuen Film "Nouvelle Vague" so ausmalt: "Ich habe nicht die geringste Ahnung, was ich hier tue. – Ist völlig egal, meine Kleine. Wir sitzen im selben Boot. Und wenn wir zusammen rudern, kommen wir vielleicht irgendwo hin. – Das hier ist totaler Quatsch. Und das ist erst der Anfang. New York Herald Tribune!"
Die Geschichte eines Meisterwerks
"Außer Atem", Godards Meisterwerk aus dem Jahr 1960, hat den Regelbruch zum Prinzip erhoben und Generationen von Filmemachern geprägt – darunter auch US-Regisseur Richard Linklater. Sein neuer Film ist eine Hommage an "Außer Atem" und die Nouvelle Vague, jene Leinwand-Bewegung, die von Frankreich aus die Filmwelt revolutioniert hat, das artifizielle Studiosystem hinter sich ließ und die Straße als Drehort eroberte. Jean-Luc Godard war mit seinen radikal innovativen Ansätzen einer der Anführer – obwohl er lange Zeit fürchtete, den Anschluss zu verlieren.
Jean Seberg (Zoey Deutsch) und Jean-Paul Belmondo (Aubrey Dullin) posieren für eines der legendärsten Plakatmotive der Filmgeschichte.
Linklater lässt diesen gewitzten Leinwand-Anarchisten und seine Zeit lebendig werden. Denn "Nouvelle Vague" ist ein Film über die chaotisch-kreative Entstehungsgeschichte von Godards Kinodebüt und filmhistorischer Deep Dive in einem: gedreht, wie das Original, in schwarz-weiß und im 3:4-Format. Besetzt, wie damals, mit einer amerikanischen Schauspielerin und charismatischen französischen Charakterköpfen. Erzählt wird, wie der "Cahiers du Cinema"-Filmkritiker Godard mit 28 Jahren auf den Regiestuhl wechselt, wie der selbst im Kinosaal Sonnenbrille tragende Exzentriker mit seinem ganz speziellen Charme sowohl an dem Projekt zweifelnde Darsteller als auch profitorientierte Produzenten um den Finger wickelt.
Nicht nur für Cineasten
Fakten und Fiktion umtänzeln einander wie einst Seberg und Belmondo, der Tonfall ist so elegant, rasant und augenzwinkernd amüsant wie bei Godard.
Gleich zu Beginn schmuggelt Linklater in temporeicher Jazzmanier die führenden Köpfe aus Godards intellektuellem Umfeld in die Handlung, gibt Nouvelle-Vague-Legenden wie Chabrol, Truffaut, Cocteau, Juliette Gréco oder Agnes Varda, Auftritte, die oft so sekundenkurz sind wie ihre Namenseinblendungen.
Cineasten können sich an den zahlreichen Referenzen und Reenactments erfreuen, wer filmhistorisch weniger gut bewandert ist, hat auf andere Weise Spaß. Denn Linklaters "Nouvelle Vague" ist weit zugänglicher als der Klassiker, vor dem er sich verbeugt. Während Godard improvisiert hat, arrangiert Linklater bis ins kleinste Detail. Und liefert ein Kinokunstwerk ab, von dem man sich nur zu gern mitreißen lässt.
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