Am 25. Februar 1967 enthüllte die New York Times verdeckte finanzielle Zuwendungen der CIA an Kulturinstitutionen, darunter Museen und Kunstprojekte weltweit. Sie legte offen, dass über Jahrzehnte Geld an Kongresse, Zeitschriften und Museen geflossen war. Hat die CIA so die öffentliche Meinung manipuliert und moderne Kunst im Kalten Krieg als Waffe eingesetzt? Ja, so steht es in Büchern und in Begleittexten vieler Museen. Aber stimmt das?
Abstraktion = Freiheit
Tatsächlich bestätigte Tom Braden, in den 1950er Jahren Assistent von CIA-Chef Allen Dulles, diese Praxis in einer Reaktion auf den NYT-Artikel. Und er verteidigte sie als wichtigen Beitrag im Kalten Krieg. Auf Braden ging die Idee zurück, Kultur als "Soft Power" gegen den Kommunismus zu nutzen. Die Sowjetunion gebe, so seine grobe, nicht belegte Schätzung, jährlich 250 Millionen Dollar für Propaganda aus. Dem müsse der Westen etwas entgegensetzen.
Also startete eine CIA-Kampagne zur Unterstützung der vermeintlich "freien" abstrakten Kunst. Die sei ein Bollwerk gegen den kommunistischen Kollektivismus. Ein Schwerpunkt lag auf jungen US-Künstlern, deren abstrakte Malerei als Ausdruck von Individualismus und Freiheit gedeutet wurde – und damit als Gegenbild zur kommunistischen Gleichmacherei.
Seilschaft zwischen MoMA und CIA?
Braden arbeitete 1948 kurz als Generalsekretär des MoMA in New York. War das der Grund, warum ab 1950 gerade dieses Museum nachweislich erhebliche CIA-Zuwendungen für Ankäufe und internationale Ausstellungen erhielt? Aus dieser engen Beziehung zwischen der CIA und dem renommierten Museum speist sich jedenfalls bis heute die Behauptung, der Aufstieg New Yorks zur Kunstmetropole und der Siegeszug US amerikanischer Künstler seien "gekauft" gewesen.
Als Kronzeuge dieser These gilt oft die Ausstellungstour "The New American Painting", die 1958/59 aufstrebende US-Künstler in europäische Metropolen brachte – ohne Hinweis auf CIA-Gelder, die für diese Ausstellung geflossen waren. Viele der dort gezeigten Maler tauchen 1959 auf der Documenta 2 in Kassel wieder auf. Doch der Grund ist banal: Wieder war das MoMA Partner und Leihgeber, ein Kurator des New Yorker Museums saß im Kasseler Beratergremium.
Die Documenta von der CIA finanziert?
Was war die Henne, was das Ei? Auf der Documenta 2 (1959) setzte sich tatsächlich die gegenstandslose bzw. abstrakte Malerei durch. US-Künstler feierten Erfolge, die USA etablierten sich als Kunstgroßmacht. In manchen späteren Museumstexten klingt dies wie ein Triumph einer CIA-Gehirnwäsche.
Doch schon ein Blick in den Documenta-Katalog zeigt: In Kassel werden deutlich mehr europäische als US-Künstler gezeigt, daneben auch abstrakte Positionen aus dem Ostblock. Das widerspricht der simplen Erzählung eines Durchmarschs westlicher Freiheitsliebe dank US-Geheimdienstdollars.
Abstraktion gab es schon vor der CIA
Außerdem zeigte schon vor dem Zweiten Weltkrieg und damit vor der Gründung der CIA das MoMA auf Initiative seines Direktors Alfred Barr europäische Abstraktion. Emigranten wie Josef Albers prägten in den USA ganze Malergenerationen; der junge Jackson Pollock etwa setzte sich intensiv mit Picasso auseinander. Abstraktion war kein Einbahnstraßen-Export aus Amerika, sondern eine komplexe transatlantische Wechselbeziehung, die sich nicht auf verdeckte Zahlungen reduzieren lässt.
Kleckerbeträge für die Documenta 3
Richtig ist: Die Documenta 3 (1964) erhielt zwar nachweislich über die Europäische Kulturstiftung Gelder der CIA, doch der Betrag von 80.000 DM ist im Vergleich zu der Millionenförderung aus bundesdeutschen Töpfen gering, und die inhaltliche Vorgabe – für die Abteilung für Handzeichnungen – widerspricht ebenfalls einer klaren Agenda für Abstraktion. Denn zu sehen waren in dieser Unterabteilung viel Realismus und ganze zwei US-Künstler.
Insgesamt zeigt sich: Die CIA streute im Kalten Krieg beträchtliche Summen in unterschiedlichste Projekte, von Kunst bis zu LSD-Experimenten. Die bekannten Zahlen lassen jedoch keine flächendeckende Steuerung des Kunstmarkts erkennen.
Wo Dokumente fehlen, da blühen meist Spekulationen. Klar ist nur: Die CIA hat abstrakte Kunst genutzt und gefördert. Aber in den bisher freigegebenen Dokumente finden sich keine Belege dafür, dass sie damit einen relevanten Einfluss auf die Kunstwelt hatte. In der CIA jedenfalls sah man offenbar die Erfolge der Einflussnahme selbst kritisch: Nach der Enthüllung 1967 durch die NYT wurde das Programm umgehend eingestellt.
Dieser Artikel ist erstmals am 26. Dezember 2025 auf BR24 erschienen. Das Thema ist weiterhin aktuell. Daher haben wir diesen Artikel erneut publiziert.
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