"Nachdem die USA nicht nur die Kontrolle über Venezuela, sondern auch über die OPEC und den Weltölmarkt erlangt haben, kann nur noch ein Wahnsinniger von einem Sieg Russlands über die Ukraine träumen, der doch auf Öleinnahmen basiert", so eine typische Meinungsäußerung russischer Politblogger [externer Link]. Sie halten einen baldigen "Haushaltskollaps" für "unausweichlich", falls die weltweiten Ölpreise weiter deutlich nachgäben: "Schon die erste Verzögerung bei der Auszahlung der Gehälter der Sicherheitskräfte könnte das System zum Zusammenbruch bringen und alles, was wir in den letzten Jahren getan und unterlassen haben, über uns hereinbrechen lassen."
"Anders als Joe Biden, der Kiew lieber mit Geld und Waffen fluten wollte, setzt Trump vor allem auf die Ölpreise, um den Kreml zum Frieden zu zwingen", so einer der viel zitierten anonymen russischen Politblogger [externer Link]: "Die Kontrolle über das venezolanische Öl gibt Washington die Möglichkeit, russisches Schweröl vom Weltmarkt zu verdrängen."
"Zusammenbruch der UdSSR wiederholt sich"
"Sollten die Vereinigten Staaten ihre Macht in Venezuela dazu nutzen, den Ölpreis auf 45 bis 50 US-Dollar pro Barrel zu drücken, wird ein Kollaps des russischen Staatshaushalts unausweichlich sein. Und im Grunde wird sich das Szenario des Zusammenbruchs der UdSSR wiederholen", so das düstere Fazit eines weiteren russischen Netz-Kommentators. [externer Link].
Dabei gehe es weniger um kurzfristige Preisschwankungen auf dem Ölmarkt, argumentiert der russische Energiemarkt-Experte Kirill Rodionow [externer Link]. Dafür sei der gegenwärtige Anteil Venezuelas am Weltmarkt für Öl und Gas mit rund einem Prozent viel zu gering. Wichtiger seien die Perspektiven. Venezuela verfüge über die weltweit größten Ölreserven und werde seine Produktion womöglich in den kommenden Jahren durch US-Maßnahmen enorm ausweiten: "Insgesamt wird die höchstwahrscheinliche Renaissance der venezolanischen Ölindustrie ein weiterer Faktor für die Stabilisierung der Ölpreise auf relativ niedrigem Niveau sein. Der Weltmarkt wird real nie wieder Preise von 100 US-Dollar pro Barrel sehen."
Die früher einmal mächtige Organisation der erdölfördernden Länder, OPEC, besteht nach Rodionows Einschätzung wegen der sich abzeichnenden Ölschwemme nur noch auf dem Papier: "Es ist so, als ob die UdSSR 1991 in einen geschwächten Staatenbund umgewandelt worden wäre."
Peter Jungblut
Der Industrielle Oleg Deripaska schrieb ironisch [externer Link]: "Das bedeutet, dass es unserem geheiligten Staatskapitalismus schwerfallen wird, alles beim Alten zu belassen, nämlich auf Kostensenkungen zu verzichten, nebensächliche Geschäfte weiter zu betreiben und Großprojekte ohne die notwendige Expertise und ohne private Wettbewerber anzugehen."
"Haushaltsdefizit wird chronisch werden"
Russland stehe "das Schlimmste" bevor, argumentiert einer der meist zitierten anonymen Polit-Blogger [externer Link]: "Für eine Wirtschaft, die massiv von Öl- und Gaseinnahmen abhängt, bedeutet jedes zusätzliche Barrel auf dem Weltmarkt eine Belastung für den Staatshaushalt. Billiges venezolanisches Öl, befreit von den bisherigen Sanktionen, wird direkt mit russischem Öl konkurrieren, das bereits jetzt mit hohen Preisnachlässen verkauft wird. In diesem Szenario wird der Druck auf die Preise für Öl aus dem Ural zunehmen, die Einnahmen des Finanzministeriums werden weiter sinken und das Haushaltsdefizit chronisch werden."
Kommentator Dmitri Sewrjukow widersprach allerdings dieser Argumentation [externer Link]. Russland könne paradoxerweise sogar profitieren, weil Venezuela wegen der US-Sanktionen sein Öl schon bisher mit "enormen Preisnachlässen" verkaufen musste, etwa an China: "Paradoxerweise hat die US-Sanktionspolitik eine Art 'Öl-Rabattachse' geschaffen, die Chinas Wirtschaftswachstum [durch billiges Öl] befeuerte. Nun versucht Washington, diesen Fehler mit Gewalt zu korrigieren und schaltet einen Öl-Lieferanten nach dem anderen aus. Es steht viel auf dem Spiel: Venezuela war nur das erste Ziel."
Unterdessen fantasierte Blogger Igor Dimitriew bereits darüber [externer Link], dass eines Tages auch Putin aus seiner Residenz entführt werden könnte: "Was bedeutet das alles? Dass ein wirtschaftlich erschöpftes Russland nach einer langen Vorbereitungsphase durchaus Ziel einer ausgeklügelten Spezialoperation werden könnte. Und diese wird wahrscheinlich nicht von den Amerikanern selbst, sondern von Europäern durchgeführt, wobei die USA sich scheinbar vornehm zurückhalten werden."
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