"Schön, dass du es nach Nürnberg geschafft hast", sagt eine junge Frau zu ihrer Freundin auf dem Weg durch den Park. Vor der großen Bühne des Klassik Open Airs im Nürnberger Luitpoldhain suchen die letzten noch ein freies Fleckchen Grün, während andere schon vor Stunden Campingtische aufgebaut und mit Tischdecken und Kerzen dekoriert haben. Englische Wortfetzen mischen sich mit Italienisch, Türkisch, Arabisch und natürlich Fränkisch.
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Es sind viele Familien da, Jugendliche mit ihrem Freundeskreis, wo jede und jeder "Digga" heißt, der türkische Opa, der mit seiner Teenager-Enkelin über die Wiese schlendert, das ältere Ehepaar in Outdoor-Ausrüstung.
Natur im Sonnenlicht
Die kann man in diesen Tagen gut gebrauchen, den Tag über hat es immer wieder geregnet, aber eine Viertelstunde vor den ersten Takten verziehen sich die Wolken und die Sonne schickt noch ihre letzten Strahlen direkt über die Baumwipfel. "Natur" ist auch das Stichwort für das erste Stück des Abends: Auf seinen Spaziergängen in der Umgebung von Prag genoss Antonín Dvořák die Natur und ließ sich von ihren Klängen und Stimmungen zu einer Tondichtung inspirieren. Man fühlt sich im grünen Park fast wie in den Wäldern Böhmens.
Achse Nürnberg – Prag
Aber Natur ist das eine, Geschichte das andere. Sie spielt an diesem Abend eine doppelte Rolle: 1990, kurz nach dem Fall des eisernen Vorhangs, schlossen Nürnberg und Prag eine Städtepartnerschaft, die nun 35 Jahre alt wird, aber bis zu den Handelsbeziehungen der beiden mittelalterlichen Metropolen zurückreicht.
Prag, die "Goldene Stadt", die Partnerstadt – das inspirierte die Staatsphilharmonie Nürnberg zu ihrem Motto "Goldene Zeiten". Da durften natürlich die Klassiker von Bedřich Smetana und Antonín Dvořák nicht fehlen, die Moldau und die Slawischen Tänze, mit denen das Open Air unter dem Jubel des Publikums zu Ende ging.
Magische Wunderkerzen
Der magischste Moment der Klassik Open Airs in Nürnberg ist seit je das Wunderkerzenstück. Roland Böer hat sich für diesen Moment Gustav Mahlers Stück "Blumine" ausgesucht. Das leise Knistern zu Beginn in den Streichern erinnere ihn an das Geräusch, wenn man die Wunderkerzen anzündet und sie zu zischeln beginnen, erzählte er dem Publikum. Und die 45.000 Menschen, die laut Schätzung der Stadt Nürnberg trotz der mäßigen Wetterprognosen gekommen sind, verwandeln den Luitpoldhain in ein Meer aus sprühendem, flackerndem Licht.
Schatten der Geschichte
Gustav Mahler, der als Wiener Hofoperndirektor ständigen antisemitischen Angriffen ausgesetzt war, ist ebenfalls in Böhmen zur Welt gekommen. Und er führt uns zum zweiten Aspekt der Geschichte, der an diesem Abend – zumindest unterschwellig – immer mitschwingt: Die Zeit des Nationalsozialismus, die überall im und um den Luitpoldhain ihre Spuren hinterlassen hat. Auf der Wiese vor der pompösen "Ehrenhalle" marschierten während der NS-Reichsparteitage einst SS-Abteilungen auf.
Oben auf der Bühne erklingt vor der Pause derweil das Violinkonzert von Erich Wolfgang Korngold, der als Jude vor den Nazis fliehen musste. Hollywood war seine Rettung – seine Filmscores setzten Maßstäbe bis heute. Aus ihnen hat Korngold die schönsten Melodien für sein Violinkonzert verwendet. Hollywood-Glamour bietet Geigerin Carolin Widmann auch fürs Auge, als sie im golden funkelnden Kleid auf die Bühne kommt
Buntes Publikum
Auf der Wiese herrscht auch nach Einbruch der Dunkelheit eine lockere Atmosphäre. Intensiv zuhören ist ebenso möglich wie locker plaudern. Zwei Klassik-Nerds diskutieren über die Filmmusikzitate in Korngolds Violinkonzert, die Jugendlichen überlegen, in welchen Club sie nach dem Open Air gehen, das ältere Paar zieht sich noch eine Decke über.
Beim Klassik Open Air in Nürnberg ist es nicht nur eine Behauptung oder eine Hoffnung der Kulturbranche, hier kommen wirklich alle Generationen zusammen, Menschen ganz unterschiedlicher Backgrounds – es ist eine Freude, wenn die Leute zwischen den Sätzen klatschen, denn sie genießen die Musik ganz ungezwungen und ohne Vorbehalte.
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