Frauenhände greifen nach bunte Spiel-Chips
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Jetons in russischem "Shambala"-Spielcasino
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Kriegskosten: Putins Finanzminister hofft auf Online-Casinos

Kriegskosten: Putins Finanzminister hofft auf Online-Casinos

Der russische Finanzminister Anton Siluanow will die immer schlimmere Haushaltskrise jetzt auch durch die Legalisierung von Online-Glücksspiel entschärfen und hofft auf Milliarden-Einnahmen. Kritiker sind empört: "Pragmatisch, aber zynisch."

Über dieses Thema berichtet: BR24 Mastodon am .

Bemerkenswert, wie der russische Wirtschaftswissenschaftler Michail Swiridow in der kremlnahen Zeitung "Moskowski Komsomolez" den neuesten Plan von Finanzminister Anton Siluanow einschätzte [externer Link]: "Die Legalisierung von Online-Casinos ist ein pragmatischer, aber zynischer Schritt. Einerseits ist es das Eingeständnis des Scheiterns im Kampf gegen ein vollständiges Verbot von Online-Glücksspiel und der Wunsch, davon zu profitieren. Andererseits stellt es das Kontrollsystem vor eine enorme Herausforderung und birgt das Risiko langfristiger sozialer Schäden, die die Steuereinnahmen übersteigen könnten."

Russische Propagandisten sind nicht von ungefähr sehr irritiert. Kaum hatte das Wirtschaftsblatt "Kommersant" gemeldet [externer Link], dass Siluanow wegen immer größerer Haushaltslücken Online-Glücksspiel legalisieren und die erhofften Umsätze mit 30 Prozent besteuern will, um jährlich umgerechnet rund eine Milliarde Euro einzunehmen, verwiesen Beobachter auf einen grotesken Verstoß gegen die "traditionellen Werte", die der Kreml stets zu schützen vorgibt. Das wird sogar als einer der Gründe für den Angriffskrieg auf die Ukraine genannt.

"Kampf um Moral eskaliert"

"Was bedeutet das konkret?" fragte sich zum Beispiel Politologe Georgi Bovt [externer Link]: "Zum einen eskaliert der Kampf um Moral: Wir gehen gegen Zigaretten und nackte Brüste in Filmen vor und verbieten 'unkonventionelle' Betätigungen sogar komplett, von denen es nach heutigen Maßstäben unzählige gibt. Es werden sogar Geldstrafen für die Untergrabung traditioneller Werte im Kino geplant. Und generell wird die Zensur mit ihren strengen Vorschriften täglich schärfer. Und dann, oh Wunder, erlauben wir Online-Casinos. Weil wir das Geld ja so dringend brauchen."

Blogger "Anthony Nut" meinte ironisch: "Was für eine fantastische Idee! Vor allem, nachdem uns erzählt wurde, dass all die Verbote und Einschränkungen mit unserer Sicherheit, dem Erhalt traditioneller Werte und anderen äußerst edlen Zielen begründet seien. Ein Abtreibungsverbot, ein Alkoholverkaufsverbot. Und dann – zack! – erlauben wir Casinos!"

"Schlechtes Omen"

Publizist Ilja Graschtschenkow verwies darauf [externer Link], dass die russischen Unterschichten bis vor wenigen Jahren ihr kärgliches Gehalt an Glücksspielautomaten verzockt hätten: "Die Rückkehr der Casinos ist, egal wie man es betrachtet, ein schlechtes Omen. Ich frage mich, welche anderen 'Zeichen der 1990er Jahre' bald in unser öffentliches Leben zurückkehren werden?" Der Kommentator bezweifelte, dass seine russischen Landsleute überhaupt noch nennenswerte Beträge für Online-Spiele einsetzen könnten. Diese Hoffnung sei angesichts der Inflation "absurd".

Klar, dass auch ein Vertreter der russisch-orthodoxen Kirche bereits gegen die Pläne von Siluanow protestierte [externer Link]: "Es ist klar, dass jedes Finanzministerium in jedem Land der Erde nach neuen Einnahmequellen sucht. Doch in diesem Falle würde das Geld faktisch russischen Familien entzogen, die spielsüchtige Angehörige haben oder haben werden." Außerdem werde sich der Bevölkerungsrückgang dadurch verschärfen.

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Patriotische Kanäle reagierten sarkastisch [externer Link]: "Welch wunderbare Initiative – wir blockieren Telegram wegen Betrügern, reden über traditionelle Werte und diskutieren im gleichen Atemzug darüber, ob wir andere virtuelle Betrüger legalisieren sollten, damit der Bevölkerung jährlich drei Billionen Rubel aus der Tasche gezogen werden können. Siluanow betrachtet die gesamte Bevölkerung des Landes offenbar als 'Trottel', die man für ein paar illusorische Staatseinnahmen aufs Kreuz legen kann."

Wenn es so weitergehe, gebe es zwischen Russland und der Ukraine keinen moralischen Unterschied mehr: "Dort propagieren sie gegen Geld die schlimmsten 'westlichen Werte' und wir rennen ihnen hinterher."

"Die gute Nachricht: Es gibt viele Laster"

Wenig überraschend, dass viele russische Zeitungsleser mit Spott reagierten: "Wir könnten auch Gladiatorenkämpfe veranstalten; das half den Behörden früher, wenn das Brot ausging", hieß es im St. Petersburger Blatt "Fontanka" [externer Link]. Oder auch: "Setze immer nur auf Schwarz, dann kannst du nicht verlieren." Ernsthafter schrieb einer der Leser-Kommentatoren: "Die einst große Energiemacht [Russland] hat so lange durchgehalten, bis sie keinen anderen Weg mehr findet, an Geld zu kommen, als menschliche Laster auszubeuten. Die gute Nachricht: Es gibt viele Laster. Doch die Lage derer, die ihnen verfallen sind, verschlimmert sich zusehends."

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