"Das Hauptprinzip der russischen Außenpolitik und übrigens auch der Innenpolitik ist, dass sie nichts erschaffen können und daher alles zerstören wollen. Nicht nur das Fremde, sondern auch das Eigene", so der russische Politologe Andrei Kalitin [externer Link] zu einem bizarren Vorschlag des bekannten TV-Propagandisten und Putin-Bewunderers Wladimir Solowjow. Der hatte russische Schiffsbesatzungen kürzlich aufgefordert, Öltanker der "Schattenflotte" auf hoher See zu versenken, wenn ihnen westliche Marinesoldaten auf den Fersen seien.
Auch Wirtschaftsjournalist Dmitri Drise spricht bereits von einem "Tankerkrieg" [externer Link] und warnte: "Es geht um Logistik: Man will verhindern, dass das geförderte Rohöl zum Käufer gelangt. Was das bedeutet, ist klar: Der Druck auf Russland wächst, die Lage spitzt sich zu, und diese Maßnahmen sind alles andere als wirkungslos. Es geht schließlich um die wichtigste Einnahmequelle frei konvertierbarer Währung."
"Längere Fahrten binden Tanker"
Das Thema treibt die kremlfreundlichen Stimmungsmacher immer mehr um, zumal durch eine viel beachtete Reuters-Meldung [externer Link] bekannt wurde, dass inzwischen die Rekordmenge von 150 Millionen Barrel russisches Öl auf den Weltmeeren unterwegs sein soll, ohne kurzfristig Abnehmer zu finden. Manche Tanker hätten bereits ihre Geschwindigkeit verringert, was Reuters als "Anzeichen für eine schwächere Nachfrage" wertet: "Längere Fahrten der 'Schattenflotte' binden Tanker und verringern so die Verfügbarkeit von Schiffen zur Lagerung von zusätzlichem Rohöl auf See. Das wiederum zwingt die Produzenten, mehr Öl in inländischen Speichern einzulagern."
Trotz des gigantischen russischen Pipeline-Netzes und der vielen Speichermöglichkeiten an Land drohe Russland mangels Absatzmöglichkeiten im eigenen Öl zu "ertrinken", behauptet Reuters-Analyst Ron Bousso: "Den Produzenten bliebe dann kaum eine andere Wahl, als die Fördermenge zu drosseln."
"Harte und unausweichliche Antwort" gefordert
Dazu gab der im Exil lebende frühere Putin-Redenschreiber und Politikwissenschaftler Abbas Galljamow zu bedenken [externer Link]: "Ingenieure der Branche teilten mir bereits im Herbst mit, dass sie bald gezwungen sein würden, Bohrlöcher stillzulegen. Ein stillgelegtes Bohrloch lässt sich aber nicht ohne Weiteres ohne Kostenaufwand reaktivieren. In den meisten Fällen ist es günstiger, ein neues zu bohren."
Entsprechend gereizt sind die Militär- und Politblogger. So schrieb Oleg Sarow (428.000 Fans) grimmig über den Druck der USA auf Putins "Schattenflotte" [externer Link]: "Es ist wie auf dem Schulhof. Ein Rüpel sucht sich einen sicheren Ort, wo er ungestört ist. Sobald er merkt, dass er es mit jemandem zu tun hat, der sich wehrt, zieht er sich zurück und wendet sich anderen zu – solchen, die sich nicht wehren." Sarow forderte eine "harte und unausweichliche Antwort", die den Westen teuer zu stehen kommen müsse: "Ja, es wird dann Gegenreaktionen geben und höchstwahrscheinlich bittere Herausforderungen. Aber das ist besser, als unsere Flotte jahrelang chronisch zu schikanieren."
Infotafel
Kriegsblogger Alexander Kots hoffte derweil auf die Nordost-Passage [externer Link] als Umweg für russische Tanker, also die Route entlang der Nordküste Sibiriens bis in den Pazifik.
"Präsenz in Estland und Lettland notwendig"
Propagandist Sergei Markow fragte sich und seine Leser [externer Link], ob Putin "hart wie Nordkorea" oder "härter wie die USA" zurückschlagen werde. Möglich sei auch, dass der Kreml wie China der direkten Konfrontation ausweiche oder wie der Iran nur mit einer theatralischen Geste reagiere. Womöglich werde Russland auch so handeln, "wie es niemand erwarte".
Publizist Maxim Schewtschenko bezweifelte [externer Link], dass sich Russland mit den Ostsee-Anrainerstaaten auf ein Transit-Abkommen einigen könne. Für den Begleitschutz aller Tanker fehlten Putin die nötigen Kriegsschiffe: "Eine dritte Option wäre die Eingliederung der baltischen Staaten in Russlands Einflusssphäre, möglicherweise nach einer militärischen Lösung."
Der stellvertretende russische Außenminister Sergej Rjabkow drohte, es könne für den Westen ein "böses Ende" nehmen, wenn er Russland "einsperren" wolle. Dagegen mahnte Alexander Schochin, Vorsitzender des Russischen Verbandes der Industriellen und Unternehmer, Zurückhaltung an [externer Link]: "Natürlich verfügen wir wohl kaum über die Marine, um jeden Tanker, jedes Containerschiff zu eskortieren und beispielsweise mit Kriegsschiffen zu schützen."
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