Wer Claus Guths Inszenierung des Musicalklassikers "Cabaret" besucht, erlebt erstmal eine Überraschung. Kein Club ist da auf der Bühne zu sehen, der die Glitzer- und Glamour-Welt deklamiert, so wie es Liza Minelli getan hat, die mit Cabaret legendär wurde. Vielmehr lädt in der Produktion des Münchner Residenztheaters Vincent Glander als Conférencier über die Hintertür ins Berlin der 1930er-Jahre ein.
Blick in die Vergangenheit
Die Bühne von Etienne Pluss zeigt ein gediegenes, pistaziengrünes Hotelzimmer für Besserverdienende, in das Michael Goldberg als mittelloser Schriftsteller Clifford Bradshaw geraten ist. Der Amerikaner blickt auf seinen damaligen Besuch zurück. Die Köpfe der illustren Figuren aus dem Kit-Kat-Klub tauchen plötzlich wie in Stanley Kubricks Film "Shining" unter der Bettdecke auf oder blicken durch die unvermittelt geöffnete Minibar. Neben dem alten Bradshaw agiert mit Thomas Hauser sein jüngeres Ego, um an die Begegnung mit der Animierdame Sally Bowles zu erinnern.
Unterschwellig bleibt es trotz Glamour unheimlich
Es gibt anfangs nur dezente Andeutungen, die die Glamourwelt in Frage stellen. Wie in einer Szene, in der sich Vassilissa Reznikow als Bowles und der junge Bradshaw näherkommen. Was die Gesellschaft schon bald durch den Nationalsozialismus zu erwarten hat, bleibt verschwommen. Und man fragt sich: Kann Guths Melange aus raffinierter Rückblendengeschichte und den Cabaret-Hits überzeugend zu dem Kipppunkt kommen, für den Cabaret steht? Für den Zusammenbruch der mondänen Zeit der Weimarer Republik?
Immer wieder brechen bei Guth die Hits aus Cabaret abrupt ab. Der Opernregisseur, der hier erstmalig mit Schauspielenden gearbeitet hat, nutzt die Chance, die das Theater anders als die Oper bietet. Nämlich die Musik enden zu lassen, mit der Stille zu spielen. Damit verpasst er seinem Cabaret-Konzept die unterschwellige Unheimlichkeit, die der Stoff braucht, um schließlich umzuschlagen.
Düstere Entwicklungen im letzten Drittel
Nach der Pause, da ist das zweistündige Stück schon zu Dreiviertel gelaufen, kommt die Wende, aber dafür umso heftiger. Das Hotelzimmer ist verschwunden. Die Dreh-Bühne ist zu einer offenen geworden, auf der schutzlos Bett und Requisiten des Amüsierbetriebs von Cabaret kreisen. Ein Moment, in der alle Figuren zerrissen werden in ihrer Ambivalenz, zu bleiben oder zu gehen.
Nur Braunhemd Ernst Ludwig, gespielt von Vincent zur Linden, und ebenso gekleidete Knaben mit übergroßen Bubiköpfen wissen noch, wo es für sie und andere langzugehen hat. Und Sally Bowles klammert sich an ihre Rolle im Cabaret. Ein phantastisches Solo von Vassilissa Reznikoff, die ebenso artistisch an der Stange beeindruckt wie als Musicalsängerin und Diseuse an der Rampe – kongenial begleitet von der achtköpfigen Band unter der Leitung von Stephan Delaney.
Gelungene Inszenierung
Claus Guths Inszenierung ist erfreulicherweise kein platter Versuch, Parallelen zwischen Weimar und heute zu ziehen. Aber es gelingt ihm, wie er es nennt, "strukturell wiederholende Phänomene anzudeuten". Und das ohne Zeigefinger. Das macht seine Cabaret-Inszenierung zu einem Abend auf künstlerisch höchstem Niveau, der nachhaltig Wirkung entfaltet.
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