An Charli xcx kommt gerade niemand vorbei: Nachdem erst vergangenen Freitag ihr Soundtrack zur vieldiskutierten Neuverfilmung des Literaturklassikers "Wuthering Heights" veröffentlicht wurde, kommt diese Woche die Mockumentary "The Moment" ins Kino – ein fiktionaler Dokumentarfilm, in dem die Musikerin sich selbst spielt – dem Genre entsprechend ironisch überzeichnet.
Wie der Titel schon andeutet, geht es in der mit verwackelter Handkamera gedrehten Meta-Satire um ein Momentum. Konkret: den "Brat"-Hype, den Charli xcx 2024 mit ihrem sechsten Studioalbum ausgelöst hat. Eine von Rosanna Arquette bewusst unangenehm-ignorant dargestellte Label-Managerin legt gleich zu Beginn die Karten auf den Tisch und will in einer Teamkonferenz wissen: "Wie kann die Kuh weiter gemolken, wie kann noch mehr Geld gescheffelt werden?"
Vollgas auf Knopfdruck
Werbeverträge werden eingetütet, eine vollkommen übermüdete Charli xcx muss auf Knopfdruck gut gelaunte Dauerpräsenz bei Late-Night-Shows, Modeshootings und Social-Videodrehs zeigen. Und die Tour zum Album, die soll bitte dokumentiert und als Exklusiv-Angebot über einen großen Streaminganbieter rausgebracht werden.
Ein gigantischer und geradezu unmenschlich perfekt durchchoreografierter Marketingzirkus also. Der für den Film zwar geskriptet und übertrieben dargestellt wurde, aber dennoch sehr real wirkt – ein Eindruck, den Charli xcx kurz vor der Deutschland-Premiere von "The Moment" am ersten Berlinale-Wochenende bestätigt hat: "Ich habe definitiv Menschen getroffen, die den Charakteren ähneln, die wir in dem Film zeigen. Und ich habe definitiv ähnlich reagiert wie die Figuren im Film. Hatte ich jemals einen Nervenzusammenbruch auf dem Rücksitz eines Viano, während ich eine Million Zigaretten geraucht habe? Ja!"
Charli xcx in "The Moment"
Haben die Anfangsszenen noch Realitätsbezug inklusive entlarvendem Subtext, dreht sich die Handlung rasant in Richtung Was-wäre-wenn-Abwärtsspirale. Charli xcx hält dem Druck nicht stand, hat einen Nervenzusammenbruch, treibt mit einem Social-Post einen Werbepartner in den Ruin und schließt zur Schadensbegrenzung einen Pakt mit dem Teufel. Der dazu führt, dass ihre eigentlich einem Rave-Exzess ähnelnde Strobolicht-Soloshow in ein familienfreundliches Mitsing-Happening à la Coldplay und Taylor Swift umgebaut wird.
Ein Nervenzusammenbruch im Marketingzirkus
Ähnlich wie Seth Rogen in seiner preisgekrönten TV-Serie "The Studio" nimmt "The Moment" ein System auf die Schippe, in dem Gewinnmaximierung wichtiger ist als künstlerische Integrität. Doch während Rogens Blick hinter die Kulissen der Entertainmentbranche eine allgemein dechiffrierbare Mittelfinger-Attitüde hat, ist "The Moment" ein vergleichsweise zahmes Geschenk für die Fans von Charli xcx, das mit Popkulturreferenzen und Brat-Entourage-Cameos gespickt ist.
Genretypische Schenkelklopfer gibt es nicht, dafür ist der Humor zu harmlos. Obendrein hat "The Moment" einen seltsamen Beigeschmack. Einerseits soll der Brat-Summer mit der Mockumentary nun endgültig begraben werden. Andererseits ist der Film die Basis für den nächsten Hype: Charli xcx als Leinwandstar.
Innerhalb kürzester Zeit hat die Musikerin sieben Filme gedreht, die nach und nach ins Kino kommen sollen, und hat mal Haupt- mal Nebenrollen übernommen. Dass sie das Talent dazu hat, beweist sie mit "The Moment". Denkbar ist auch, dass die Karriere-Erweiterung Teil einer persönlich motivierten Selbstverwirklichung ist und keine Management-Entscheidung. Dennoch steckt sie jetzt noch tiefer in dem System, das in "The Moment" kritisiert wird.
tatt einen Gang runterzuschalten, dreht sich das Marketing-Perpetuum-Mobile nun noch schneller, werden noch mehr Menschen an ihr zerren. Schließlich will jeder einzelne Film beworben werden. Nebeneffekt: Die Frage, wer Charli xcx ist, können Ende des Jahres wohl auch Menschen beantworten, die noch nie bewusst einen Song von ihr gehört haben.
"The Moment" mit Charli xcx läuft ab Donnerstag im Kino.
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