In Argentinien, dem Heimatland des vor einem Jahr verstorbenen Papstes, wird an dessen Todestag besonders an Franziskus erinnert. Mehr als 100.000 junge Menschen kamen zu einem Konzert unweit der Kathedrale in Buenos Aires, bei dem mit Techno-Musik an das Lebenswerk von Papst Franziskus erinnert wurde. Bis zu seiner Wahl auf den Stuhl Petri im Jahr 2013 war Franziskus Erzbischof von Buenos Aires. "Heute spüren wir ihn lebendiger denn je unter uns", sagte der heutige Erzbischof von Buenos Aires, Jorge García Cuerva.
Franziskus hat das Papsttum geerdet
Vielen Menschen ist Franziskus als ein Papst in Erinnerung, dem Bescheidenheit wichtig war, aber auch das Eintreten für die Menschen am Rand der Gesellschaft. Vom ersten Tag seiner Amtszeit an machte Franziskus Schlagzeilen damit, dass er etwa auf die rote Mozetta über dem weißen Papstgewand verzichtete, stattdessen in orthopädischen Schuhen und abgenutzter Brille daherkam. Er wohnte lieber im schlichten Gästehaus Santa Marta im Vatikan statt im Apostolischen Palast. Viele werteten das als Signale für ein geerdetes Papsttum, was letztlich auch ökumenisch wichtig ist.
"Er hat in vielen Dingen Prozesse angestoßen, die er nicht beendet hat. Das war auch nicht sein Vorgehen, ganz strukturiert und ordnungsmäßig die Dinge voranzubringen", sagt Johannes Wallacher, Präsident der Hochschule für Philosophie München, einer Einrichtung der Jesuiten, denen auch Papst Franziskus angehörte. Dennoch habe Franziskus einiges bewegt.
"Ohne Franziskus kein Leo"
Zu nennen wäre da etwa sein Mammut-Anliegen, die Hierarchien in der katholischen Kirche abzuflachen. So hat er etwa im Vatikan Frauen in Leitungspositionen eingesetzt und wollte Gläubigen mehr Mitsprache ermöglichen. "Da geht vieles nicht so schnell, wie sich viele vor allen Dingen in Deutschland das wünschen würden. Aber die Tür ist aufgestoßen", sagt Wallacher. Einen Weg, den der neue Papst Leo XIV. weitergehe. Er verweist darauf, dass sich Leo bereits zu der von Franziskus angestoßenen Weltsynode unter Beteiligung von Laien bekannt hat.
Apropos Leo: Es war Franziskus, der den Amerikaner Robert Prevost vor drei Jahren zum Kardinal erhoben hat und somit auch in das Kollegium gebracht hat, das einen neuen Papst wählt. "Man kann nur darüber spekulieren, aber dass er einen Mann wie Kardinal Robert Prevost in diese Position gebracht hat – also einen Amerikaner, der in Peru die globale Erfahrung und die Erfahrung der Ärmsten teilte –, könnte man schon so deuten, dass da jemand auch einen potenziellen Nachfolger mit ins Spiel gebracht hat", sagt Wallacher. Er beobachtet auch eine inhaltliche Kontinuität: Wie Franziskus äußert sich auch Leo zu Krieg und Frieden, Armut und sozialer Gerechtigkeit.
Kein "Santo subito" – keine Beliebtheit?
"Als Papst Franziskus im vergangenen Jahr starb, dachte ich spontan: Nun haben die Armen ihren größten Fürsprecher verloren", sagt Annette Schavan, langjährige Botschafterin am Heiligen Stuhl. "Diese Armen stehen nicht auf dem Petersplatz und rufen: 'Santo subito!'" Die Forderung nach einer sofortigen Heiligsprechung gab es bei der Beerdigung von Papst Franziskus nicht – anders als bei Papst Benedikt XVI. oder Johannes Paul II.
Am 'Santo subito' eine Beliebtheit des Papstes festzumachen, hält der Augsburger Bischof Bertram Meier allerdings für falsch. Seiner Einschätzung nach war es für Papst Franziskus persönlich zweitrangig, "ob solche Sprechchöre entbrennen". Mit seiner Umwelt-Enzyklika "Laudato si" und dem Lehrschreiben "Fratelli tutti", das die Geschwisterlichkeit aller Menschen über die Religionsgrenzen hinweg betont, habe er "nicht nur im binnenkirchlichen Bereich" eine bleibende Botschaft hinterlassen.
"Ich sehe es nicht so, dass der Jubel um Papst Franziskus verebbt ist", sagt Meier. "Es ist stiller um ihn geworden. Ich weiß aber auch, dass sein Grab in Santa Maria Maggiore von vielen Pilgern besucht wird." Es sei die Frage nun an den neuen Papst, wie er das Erbe seines Vorgängers weiterführt.
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