"Manchmal habe ich den Eindruck, dass einige unserer Führungskräfte regelrechte Einflussagenten sind. Und in letzter Zeit habe ich immer mehr den Eindruck, dass ich mir das nicht nur einbilde", schimpfte [externer Link] der russische Polit-Blogger Sergei Koljasnikow (451.000 Fans) über den Vorsitzenden des russischen Menschenrechtsrates und Putin-Vertrauten Waleri Fadejew.
Der hatte ausgerechnet am "Tag des Lehrers" gefordert [externer Link], die Lehrpläne von "unnötigen Informationen und Kenntnissen" zu bereinigen: "Das betrifft unter anderem Mathematik, Physik und Chemie. Diese Fächer könnten um 20 bis 30 Prozent gekürzt werden." Das beste Rechenbuch sei nach Ansicht von Experten bereits vor der Revolution von 1917 verfasst worden, weshalb es überflüssig sei, es weiter verbessern zu wollen.
"Will Putin Elite herabstufen?"
Zeitgleich hatte Russlands Präsident Wladimir Putin bei einem Empfang Pädagogen gewarnt [externer Link], die russischen Schulen dürften "keine kleine intellektuelle Elite" heranziehen, sondern jeder Schüler müsse gleich gefördert werden: "Wir dürfen keine Situation schaffen, in der wir eine intellektuelle Elite haben, die zum Denken erzogen wurde, während die intellektuelle Entwicklung anderer Menschen dabei in den Hintergrund rückt."
Die vermeintlich sozialverträgliche Botschaft wurde von russischen Kommentatoren ausgesprochen zwiespältig aufgenommen. So fragte sich einer der Blogger [externer Link]: "Will Putin die 'zweite und dritte Ebene' auf das Niveau der Elite anheben oder die Elite auf das Niveau der 'zweiten und dritten Ebene' herabstufen?" Die oben erwähnten Vorschläge von Waleri Fadejew sprächen eher für die letztere Variante.
"Kein Zweifel an der Weisheit der Führung"
Die in Amsterdam erscheinende "Moscow Times" verweist in diesem Zusammenhang darauf [externer Link], dass Putin schon 2024 forderte, eine Million mehr Facharbeiter auszubilden. Prompt seien damals 50.000 Studienplätze gestrichen worden.
"Natürlich besteht kein Zweifel an der Weisheit der Führung, aber bei näherer Betrachtung wirkt die Sache beunruhigend", klagte Militärblogger Juri Barantschik [externer Link]: "Der Leiter eines präsidialen Beratungsgremiums schlägt öffentlich vor, bestimmte Kenntnisse in den Naturwissenschaften als überflüssig zu betrachten. Wohlgemerkt, dies geschieht in einem Land, das gleichzeitig von technologischer Unabhängigkeit, einem Fachkräftemangel im Ingenieurwesen, Mikroelektronik, bei KI und neuen Materialien spricht."
"Wozu sind denn Kutscher da?"
Der kremlfreundliche Blogger Oleg Sarow meinte [externer Link]: "Werden die Unterrichtsstunden gekürzt, während die Anforderungen der staatlichen Abschlussprüfungen gleich bleiben, verlagert sich die Arbeitsbelastung lediglich von der Schule auf die Hausaufgaben und Nachhilfe, was sich nicht jede Familie leisten kann. Die Frage ist, wohin die Reise geht und warum wir eine weitere Reform brauchen, wenn die vorherigen die Situation nicht verbessert haben."
Infotafel
Der kremlkritische Wirtschaftsexperte Igor Lipsitz verwies darauf, dass schon russische Klassiker ein sehr merkwürdiges Verständnis von Bildung gehabt hätten [externer Link]. So habe Lew Tolstoi (1828 - 1910) den Geografie-Unterricht für Landkinder seinerzeit abgelehnt mit einem Verweis auf das satirische Theaterstück "Der Landjunker" (1782) von Denis Iwanowitsch Fonwisin (1744 - 1792). Dort sagt eine Mutter über die Geografie: "Wozu sind denn Kutscher da? Das ist doch ihr Geschäft. Das ist doch keine Wissenschaft für Adlige. Ein Adliger sagt einfach: 'Bring mich hin‘, und sie bringen dich überall hin, wohin du willst."
"Zerstörung unseres Bildungssystems"
Andere Blogger zitierten sarkastisch [externer Link] aus George Orwells Roman "1984" [externer Link]: "Unwissenheit ist Stärke." Publizist Alexander Burenkow wetterte [externer Link]: "Das läuft auf die Zerstörung unseres Bildungssystems hinaus. Ungebildete Menschen werden weder die Produktivität steigern, noch grundlegende Technologien bedienen können und schon gar nicht zu Wissenschaftlern heranwachsen, die bahnbrechende Entdeckungen machen könnten."
"Geld wird für wichtige Dinge benötigt"
Fazit von Publizist Wassili Topolew [externer Link]: "Bei den heutigen mageren Gehältern ist es unmöglich, auch nur annähernd gute Lehrer für Mathematik, Informatik, Physik, Chemie und Englisch zu finden. Und sie müssen auch gar nicht die Schulstunden halbieren: Die restliche Zeit können 70-jährige Großmütter übernehmen, die aus Gewohnheit weiterhin an der Schule arbeiten. Geld wird für wirklich wichtige Dinge benötigt, nicht für so triviale Dinge wie Schulen. Das ist alles."
Nach Meinung von Kremlkritikerin Alexandra Prokopenko [externer Link] gehört Bildung unter Putin ohnehin nicht zu den gefragten Tugenden: "Patriotismus, so wie er von den Machthabern heute verstanden wird, ist Loyalität, die über Professionalität und eine eigene Meinung gestellt wird."
Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.
"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!

