"Um Russland vollständig in die Archaik zurückzuversetzen, brauchte es nur etwas wahrhaft Mittelalterliches. Und da kam es: die Pest! Oder besser gesagt, der Verdacht darauf", so der russische Exil-Blogger Dmitri Kolesew [externer Link] ironisch über die wilden Gerüchte, die in Russland gerade über den Tod einer Laborantin im sibirischen Irkutsk in Umlauf sind. Angeblich starb sie nach einer Unachtsamkeit beim Hantieren mit dem gefährlichen Pest-Erreger an der Infektionskrankheit. Die Behörden sprechen allerdings von einer "Lungenentzündung unbekannter Ursache".
In den russischen Telegram-Kanälen geht es weniger um die medizinischen Aspekte des Falls als um die völlig fehlende Informationspolitik der Regierung. Ihr Schweigen wird als Vertuschen und Schwäche gedeutet, ein Lehrbeispiel dafür, wie schwer es staatlich gelenkten Medien fällt, mit unangenehmen Wahrheiten umzugehen.
So klagt Kolesew: "Die Panik wird durch das merkwürdige Verhalten der Behörden weiter angeheizt: Ihre Vertreter verwenden abwechselnd das Wort 'Pest' und distanzieren sich davon, ohne die offizielle Todesursache preiszugeben."
Nicht ganz ernst meinte Politologe Vadim Popow [externer Link]: "Angesichts massenhafter Bärenangriffe auf Menschen und Gerüchten über eine Pest in der Region Irkutsk liegt ein Hauch von Mittelalter in der Luft."
"Pest kann es nur beim Feind geben"
Kreml-Sprecher Dmitri Peskow hatte es beim Hinweis belassen [externer Link], seine Landsleute sollten nicht auf "Gerüchte und Spekulationen" hören und sich auf die zuständige Gesundheitsbehörde verlassen. Laut staatlicher russischer Nachrichtenagentur TASS ist die sanitäre und epidemiologische Situation in der Region Irkutsk "stabil".
Blogger Dmitri Sewrjukow (60.000 Fans) schrieb [externer Link], für den Kreml seien die "Pest"-Gerüchte das schlimmste denkbare Szenario: "Heute ist die Gefahr nicht gesundheitlicher, sondern politischer Natur. In einer Situation, in der die Welt ungewöhnlich konfliktgeladen und in Freunde und Feinde aufgeteilt ist, kann es die Pest nur im fremden und feindseligen Haus geben, nicht aber in beiden Häusern [wie in Shakespeares "Romeo und Julia"] und schon gar nicht in jenem, das sich emsig und sorgfältig in eine Festung verwandelte."
In einem der anonymen Polit-Blogs mit 153.000 Followern hieß es [externer Link] überaus kritisch: "Nachdem die Nomenklatura das Land in ein isoliertes militärisches Testgelände verwandelt hat, erwies sie sich als unfähig, eine grundlegend notwendige Isolation im Land zu gewährleisten. Erstklassige Laboratorien bringen Millionen von Menschen an den Rand mittelalterlicher Seuchen."
"Unliebsamen Informationen keine Chance geben"
Ein weiterer der viel zitierten anonymen russischen Netz-Kommentatoren (34.000 Fans) meinte [externer Link]: "Es scheint eine einfache Wahrheit zu sein: Wer Panik in der Bevölkerung vermeiden will, darf unliebsamen Informationen keine Chance geben, sich zu verbreiten. Das gelingt nur, indem man die Medien mit eigenen Informationen füllt. Im Moment rettet nur eines die russischen Behörden: die gestiegene Toleranz der Bürger gegenüber negativen Nachrichten."
Infotafel
Publizist Stanislaw Belkowski kokettierte mit dem (satirischen) Gedanken [externer Link], Putin könne jetzt zu PR-Zwecken ein neues "Dekameron" in Auftrag geben, angelehnt an das Original des italienischen Dichters Giovanni Boccaccio (1313 - 1375). In der gleichnamigen Novellen-Sammlung vertreiben sich florentinische Adelige ihre Zeit während eines Pestausbruchs mit Plaudereien, nachdem sie sich aufs Land geflüchtet haben. Dazu Belkowski: "In der Neufassung treffen sich die Protagonisten in der Erzengel-Kathedrale des Moskauer Kremls, über den Reliquien Putins und des Heiligen Dmitri Donskoi."
Fazit von einem der zahlreichen Blogger [externer Link]: "Wenn Krankenhäuser unter Quarantäne gestellt, Hunderte von Menschen überwacht und die Hauptstadt sich auf einen Notfall vorbereitet, klingen die Aussagen zur 'Stabilität' immer weniger glaubwürdig. Entweder sind die Behörden in beispiellosem Ausmaß übervorsichtig, oder sie verschweigen der Öffentlichkeit noch die ganze Wahrheit."
Fernsehmoderatorin Irina Mischina setzte eher auf Angstmache [externer Link]: "Ich rief Kollegen landesweiter Sender an – ihnen wurde befohlen, über die Pest zu schweigen und alles auf den Fehler der Technikerin zu schieben. Es wurde angeordnet, jegliches Filmmaterial über die Pest aus dem Programm zu entfernen."
In einem der vielen hundert Leserkommentare zum Thema Pest im St. Petersburger Nachrichtenportal "Fontanka" hieß es scherzhaft [externer Link]: "In Russland sind Gerüchte die zuverlässigste Quelle. Offizielle Informationen sind am irreführendsten."
Im Grenzgebiet zwischen Russland und der Mongolei kommt es vereinzelt immer wieder mal zu Pest-Fällen bei Menschen. Die dort lebenden Murmeltiere gelten als natürliches Reservoir des Erregers und sind somit eine potentielle Infektionsquelle. Die russische Gesundheitsbehörde hatte nach entsprechenden Labor-Untersuchungen im September eine "hohe Seuchen-Aktivität" in der Tierwelt der Region gemeldet [externer Link], was allerdings kein großes Medienecho ausgelöst hatte.
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