Am 15. April 2026 bei einer Veranstaltung in Moskau
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Verleger Oleg Nowikow
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Verleger warnt vor Putins Zensur: Jedes zweite Buch gefährdet

Verleger warnt vor Putins Zensur: Jedes zweite Buch gefährdet

Bücher, die unter Mitwirkung "ausländischer Agenten" entstanden sind, sollen aus russischen Läden und Bibliotheken verschwinden. Das würde mehr als die Hälfte aller Titel betreffen und "erhebliche Probleme" schaffen, warnt Verleger Oleg Nowikow.

Über dieses Thema berichtet: Kulturleben am .

Der russische Großverleger Oleg Nowikow ("Eksmo") befürchtet nach eigener Aussage [externer Link], dass demnächst jedes zweite Buch in russischen Buchhandlungen und Bibliotheken weggesperrt wird, wenn die Gesetze gegen "ausländische Agenten und unerwünschte Organisationen" konsequent angewendet werden sollten.

Nowikow hatte sich am 9. April auf einer Tagung zur Leseförderung geäußert, die ausgerechnet vom Chef des russischen Auslandsgeheimdiensts, Sergei Naryschkin, moderiert wurde. Er ist als Präsident der russischen Historischen Gesellschaft auch eine Art Ideologie-Chef. Nach Angaben der Wirtschaftszeitung "Business Gazeta" wird die russische Buchbranche aktuell von rund zehn verschiedenen Zensur-Gesetzen drangsaliert.

"Erhebliche Probleme für Bildungsarbeit"

Wie Verleger Nowikow bei seinem Auftritt erklärte, seien alle Bücher gefährdet, die unter Mitwirkung einer offiziell zum "ausländischen Agenten" abgestempelten Person entstanden, wobei es nicht nur um Autoren gehe, sondern auch um Übersetzer, Layouter und Bearbeiter, die zum Beispiel ein Vor- oder Nachwort verfasst hätten. Selbst wissenschaftliche Literatur und Doktorarbeiten könnten verboten werden, falls die Verfasser darin aus den Werken "ausländischer Agenten" zitiert hätten: "Das bringt natürlich erhebliche Probleme für die Entwicklung der Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit mit sich."

Alle Titel, die von ihren Autoren geschrieben wurden, bevor diese im Nachhinein zu "Agenten" gebrandmarkt wurden, sollten nach Nowikows Ansicht weiterhin käuflich und ausleihbar bleiben. Darüber müsste das russische Parlament entscheiden. Bei russischen Kriegspropagandisten gilt Nowikow als unbeliebter "Liberaler" [externer Link], der ultrapatriotische Bücher gern "ins unterste Ladenregal" verbanne und sich gleichzeitig an staatlichen Subventionen bereichere.

"Säuberung weckt negative Assoziationen"

Der kremlfreundliche Polit-Blogger Oleg Sarow (404.000 Fans) schlug sich dennoch auf die Seite des Verlegers [externer Link]: "Als diese Bücher geschrieben und veröffentlicht wurden, galten die Autoren noch nicht als schlechte Schriftsteller. Das bedeutet, dass alle mit ihrer Arbeit zufrieden waren. Verantwortliche Beamte entschieden, diese Bücher für Bibliotheken anzuschaffen, was bedeutet, dass sie als wertvoll und nützlich galten. Wenn sie damals legal und nützlich waren, was hat sich dann geändert? Warum sollten sie entfernt werden? Außerdem weckt die Säuberung von Bibliotheken und die Zerstörung von Büchern negative Assoziationen."

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Der auch im Westen veröffentlichende kremlkritische Politologe Wladislaw Inosemtsew schrieb [externer Link]: "Die erste Reaktion auf solche Nachrichten ist Ironie: Das kann nicht passieren, weil es niemals passieren darf. Doch all das ist die Realität. In den vergangenen Jahren wurde die russische Gesetzgebung ausschließlich dazu genutzt, die Rechte, wenn nicht sogar die Freiräume der Bürger einzuschränken."

"Es gibt keine Regeln. Das ist die Regel"

Der Kreml erreiche damit allerdings "weniger Gehorsam als Demotivation", argumentiert der Experte: "Wenn ihre konsequente Anwendung die Gesellschaft lähmt, wird sich niemand an solche Gesetze halten." Wenn es so weitergehe, werde der überwiegende Teil jedweder menschlicher Tätigkeit auf dem Papier illegal: "Das Ergebnis ist vermutlich ein Polizeistaat, in dem nur der Militärdienst, körperliche Arbeit und Geburten ohne Sondergenehmigung erlaubt sind, während alles andere streng reglementiert wird."

Politikwissenschaftler Andrei Kalitin meinte [externer Link]: "Chaos, Angst, Regellosigkeit, Risiken, Geldstrafen und Strafverfahren sind genau die Instrumente der Herrschaft, die das System in seiner aktuellen 'Rechtsdurchsetzungspraxis' einsetzt. Wenn alle Angst haben, wenn Verleger nicht wissen, was veröffentlicht werden darf und was nicht, bricht eine Ära der massiven Selbstzensur an, die um ein Vielfaches beängstigender ist als die Zensur selbst. Es gibt keine Regeln. Das ist die Regel."

"Lasst die Freudenfeuer lodern"

Russische Leser reagierten mit Sarkasmus [externer Link] auf die neuerliche Zensur-Debatte: "Wir könnten nachts riesige Freudenfeuer entzünden und die Literatur ausländischer Agenten, ja die gesamte ausländische Literatur, verbrennen. Lasst die Feuer bis zum Himmel lodern, und die Köpfe der Bürger werden von gefährlichen Gedanken gereinigt. Es scheint, als hätte es so etwas schon einmal in der Geschichte gegeben."

Andere spotteten, die Russen warteten vermutlich ungeduldig auf ein neues Werk des früheren KP-Chefs Leonid Breschnew (1906 - 1982). Und einer der Kommentatoren fragte sich und seine Leser [externer Link]: "Werden sich die Behörden um dieses Problem kümmern? Interessieren sie sich überhaupt noch für Bücher?"

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