"Ich glaube nicht, dass es vorstellbar ist, dass die Kommunikation an vorderster Front über Telegram oder einen anderen Messenger-Dienst erfolgt", so Kremlsprecher Dmitri Peskow auf einer Pressekonferenz in Moskau [externer Link]. Damit wollte er wohl die russische Öffentlichkeit beruhigen, die eine baldige Sperrung von Telegram befürchtet, dem mit Abstand wichtigsten Kurznachrichtendienst und Debattenforum in Russland.
Nachdem die zuständige Zensurbehörde die Nutzung von Telegram vorübergehend erschwert hatte, schlugen Militärblogger prompt Alarm und verwiesen darauf, dass der Dienst eines der wichtigsten Kommunikations- und Steuerungsmittel für die russischen Frontsoldaten sei. Es habe sogar bereits Todesfälle gegeben, weil Telegram nicht mehr richtig funktioniere. Das stellte Peskow in Abrede.
"Scherz aus Sarkasmus"
Damit handelte er sich allerdings herbe Kritik und viel Spott ein, ausgerechnet im Lager der Kriegsblogger: "Peskow kann es nicht glauben und er hat keinen, den er fragen kann. Er weiß noch nicht mal, dass russische Truppen das amerikanische Starlink-System nutzten. Es ist offensichtlich, dass Dmitri Sergejewitsch sehr am Fortschritt der Militäroperationen interessiert ist", so Propagandist Sergei Mardan [externer Link].
Publizist Alexei Schiwow (110.000 Fans) beließ es nach Peskows Aussage bei der Frage [externer Link]: "Ist das ein Scherz aus Sarkasmus oder meint er es ernst?!!!!" Kollege Sergei Koljasnikow ätzte: "Das ist, als würde man sich vorstellen, die russischen Streitkräfte würden massenhaft die amerikanische Starlink-Plattform nutzen. Das ist völlig realitätsfern." Politologe Andrei Nikulin fügte an: "Ich vermute, diese Nachricht wird an der Front mit besonderem Interesse gelesen werden."
"Man steht waffenlos da"
Der russische Militärblogger Swjatoslaw Golikow schimpfte [externer Link] über Peskow: "Wenn das keine völlige Realitätsferne ist, was dann? Bezeichnend ist zudem die radikale Weigerung, diese Realitäten überhaupt zu verstehen, und das am Ende des vierten Kriegsjahres." Er komme sich vor wie in der russischen Science-Fiction-Satire "Kin-dsa-dsa!" aus dem Jahr 1986, wo ein Satz fällt, der in Russland zum geflügelten Wort wurde: "Die Regierung lebt auf einem anderen Planeten, mein Lieber!"
TV-Korrespondent Alexander Sladkow war außer sich [externer Link]: "Der Westen hat uns durch die Abschaltung von Starlink zwei Tage lang schwer getroffen. Jetzt begraben wir auch noch diese Art der Führungs- und Kommunikationsfähigkeit. Aber wenn man einem Soldaten sein Gewehr wegnimmt, gibt man ihm ein anderes, noch besseres. Hier, so scheint es, nehmen sie einem das Gewehr weg – und man steht waffenlos da."
Infotafel
Ähnlich sarkastisch äußerten sich weitere ultrapatriotische Kommentatoren [externer Link]: "Hört auf, Peskow zu beschuldigen. Er hat Recht! Telegram bietet keine Kommunikation! Es ist nur ein automatisiertes Kampfkontrollsystem, ein verdammter Rückzugsraum, ein Gefechtsführungs- und Koordinierungssystem, ein Kampfinformations- und Kontrollsystem und so weiter. Also ist alles in bester Ordnung."
Einer der tonangebenden anonymen Polit-Blogger sprach von "Panik" und meinte [externer Link]: "Es ist paradox. Ein Staat, der seit vier Jahren Krieg führt und technologische Autarkie für sich beansprucht, verlässt sich in Wirklichkeit auf einen privaten Auslandsdienst für Informationsmanagement und -austausch."
"Frühling naht nur als Jahreszeit"
Politologe Andrei Kalitin hält Russland angesichts der Netz-Zensur inzwischen für eine abgeschottete "belagerte Festung" und erinnerte an Sowjetzeiten [externer Link]: "Wenn der Graben erst mal ausgehoben, der Zaun errichtet und die Tore geschlossen sind, schlägt die Stunde der Wahrheit. Der Festungskommandant drückt auf dem Bedienfeld den Knopf für die 'soziale Abschottung'. Im Dunkeln lässt sich das leicht steuern und der Hof könnte mit Flutlicht von den Wachtürmen aus beleuchtet werden."
Publizist Dmitri Michailischenko schlussfolgerte [externer Link]: "Unter diesen Umständen gewinnt eine in der Antike erfundene Methode der Selbstreflexion an höchster Bedeutung: Tagebücher, Botschaften an sich selbst oder seine Nachkommen. Es gibt dort keine Likes, aber es bietet sich die Möglichkeit, die eigenen Gedanken zu ordnen und ehrlich zu sich selbst und der eigenen Moral zu sein. Das Leben geht weiter, der Frühling naht (nur als Jahreszeit). Aber verzweifeln Sie nicht; passen Sie sich an und machen Sie weiter."
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