"Diese Erfolge der russischen Armee sind ein wichtiges politisches Druckmittel in verschiedenen Verhandlungen. Unter anderem dient es Trump als Argument, um den Chef der ukrainischen Junta [den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, Anm. d. Red.] zu bestrafen", so Kreml-Propagandist Sergei Markow [externer Link] über den jüngsten Auftritt von Putin beim Besuch eines Kommandopostens. Mit der dortigen Verkündung eines angeblich unaufhaltsamen Vormarsches wolle Putin erreichen, dass die EU der Ukraine den Geldhahn zudrehe, so Markow.
Demnach geht es dem Kreml nicht um eine Beschreibung der tatsächlichen militärischen Lage, sondern um propagandistische Deutungshoheit – wohl auch, um Donald Trumps Skepsis gegenüber den militärischen Erfolgsaussichten der Ukraine zu nähren.
"Wir glauben, dass Trump vom Tempo der Fortschritte der russischen Streitkräfte ebenso beeindruckt sein wird, wie wir jetzt überrascht sind", höhnte einer der russischen Beobachter [externer Link].
"Deshalb wurde gesagt, was gesagt wurde"
Juri Podoljak [externer Link], mit 2,7 Millionen Fans einer der einflussreichsten Kommentatoren, schrieb: "Neben dem Krieg an der Front gibt es auch den Krieg in der Außenpolitik. Vieles hängt davon ab. Wir müssen auch für Trumps 'Position' kämpfen, 'zum Teufel mit ihm'. Ich bin sicher, der heutige Bericht basiert auf diesen Faktoren. Deshalb wurde das gesagt, was gesagt wurde."
Putin hatte behauptet [externer Link], die russische Armee habe seit Jahresbeginn rund 6.500 Quadratkilometer Territorium und 310 Ortschaften besetzt: "Insgesamt lässt sich ein positiver Trend im Vorgehen der verschiedenen Truppengattungen feststellen. Der Vormarsch der Einheiten und Verbände der Streitkräfte ist entlang der gesamten Frontlinie im Gange. Das Vormarschtempo hat sich deutlich beschleunigt."
"Ansicht von der anderen Seite"
Die Reaktion russischer Militärblogger dürfte Putin allerdings nicht behagen: "Es erübrigt sich, all dies im Detail zu schildern", heißt es ironisch auf einem anonymen Telegram-Kanal mit 616.000 Fans [externer Link].
Frontbeobachter Wladimir Romanow (150.000 Fans) ist deutlicher [externer Link]: "Der Bericht des Generalstabschefs Gerassimow an den Präsidenten der Russischen Föderation enthält Informationen, die teilweise oder vollständig unwahr sind." Romanow spricht von "Schönfärberei" der Militärkarten und spottet: "Es besteht Grund zur Annahme, dass wir leider bald bei vielen Siedlungen, die auf der dem Präsidenten vorgelegten Karte für uns reklamiert wurden, eine 'Ansicht von der anderen Seite' sehen werden."
"Verstehe tieferen Sinn solcher Aussagen nicht"
Ähnlich frustriert zeigt sich der russische Blogger Anatoli Radow [externer Link]: "Diese Berichte werden die Lage an der Front im Grunde nicht beeinflussen. Vielleicht sogar eher negativ, wie im Fall von Kupjansk, als die Ukrainer – offenbar aus Jux und Tollerei – zusätzliche Truppen schickten und praktisch die gesamte Stadt einnahmen [nachdem Putin behauptet hatte, sie sei besetzt worden, Anm. d. Red.]."
Infotafel
Radows Fazit: "Insgesamt verstehe ich den tieferen Sinn solcher Aussagen immer noch nicht. Und es ist nicht ganz klar, woher sie kommen und warum sie verbreitet werden. Es gibt natürlich viele Möglichkeiten, aber welche zutrifft, ist unklar."
"Vertrauen in offizielle Berichte wird untergraben"
Mit einer Mischung aus Hohn und Bitterkeit äußerten sich die "Zwei Majore" [externer Link], mit 1,2 Millionen Fans einer der reichweitenstärksten Kanäle: "Offenbar ist es für die Arbeit im außenpolitischen Bereich notwendig, in den geschönten Berichten der tatsächlichen Lage etwas vorauszueilen. Sozusagen, um die amerikanischen Partner in ihrer festen Überzeugung zu bestärken, dass es für die ukrainischen Streitkräfte an der Front und im Hinterland immer schlechter läuft."
Die "Kehrseite der Medaille" sei allerdings, dass genau diese Nachrichten auch von den Soldaten an der Front gelesen würden: "Von denen gibt es nicht wenige und die erkennen aus eigener Anschauung, dass es sich um eine gewisse Übereilung handelt, die die russische Armee natürlich wettmachen wird. Allerdings untergräbt diese Diskrepanz insgesamt das Vertrauen in offizielle Berichte."
US-Institut: "Putins Behauptungen realitätsfern"
Das amerikanische Institute for the Study of War (ISW) hatte Anfang Oktober festgestellt [externer Link] Putins Behauptungen über russische Gebietsgewinne seien "so realitätsfern, dass sie Halluzinationen" glichen: "Das ISW kann nicht beurteilen, ob Putin weiß, dass die von ihm präsentierten Zahlen falsch sind, oder ob er fiktive Frontdaten akzeptiert, die ihm präsentiert werden, was auf die tief in der russischen Militärführung verwurzelte Kultur des Lügens zurückzuführen ist."
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