Das Festivalgelände in Burglengenfeld am 27.07.1986.
Das Festivalgelände in Burglengenfeld am 27.07.1986.
Bild
Das Festivalgelände in Burglengenfeld am 27.07.1986. Rund 100.000 demonstrierten gegen die geplante Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf
Bildrechte: picture-alliance/ dpa|Istvan Bajzat
Schlagwörter
Bildrechte: picture-alliance/ dpa|Istvan Bajzat
Audiobeitrag

Das Festivalgelände in Burglengenfeld am 27.07.1986. Rund 100.000 demonstrierten gegen die geplante Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf

Audiobeitrag
> Kultur >

Anti-Wackersdorf-Festival vor 40 Jahren: Eisi Gulp erinnert sich

Anti-Wackersdorf-Festival vor 40 Jahren: Eisi Gulp erinnert sich

Mehr als 100.000 Menschen, die größten Rockstars der Zeit und ein Ziel: Vor 40 Jahren wurde das Anti-WAAhnsinns-Festival in Burglengenfeld zum Symbol des Widerstands gegen die Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf. Moderator Eisi Gulp erinnert sich.

Über dieses Thema berichtet: Bayern 2 Die Welt am Morgen am .

So etwas hatte die Republik noch nicht gesehen: Am 26. und 27. Juli 1986 strömten statt der erwarteten 60.000 am Ende mehr als 100.000 Menschen in die Oberpfalz, zum Anti-WAA-Festival in Burglengenfeld. Die Veranstaltung wurde zu einem der größten Musikereignisse der 1980er-Jahre – und zugleich zu einer der bedeutendsten politischen Kundgebungen der Bundesrepublik. Auf der Bühne standen unter anderem Herbert Grönemeyer, BAP, Udo Lindenberg und Die Toten Hosen. Das Festival richtete sich gegen die geplante Wiederaufbereitungsanlage (WAA) in Wackersdorf.

Durch das Programm führte der Münchner Kabarettist und Schauspieler Eisi Gulp. Vier Jahrzehnte später erinnert er sich noch genau an die Atmosphäre: "Man hatte wirklich das Gefühl, dass man mit Musik und diesen ganzen Aktivitäten wirklich etwas bewegen kann, also Teil von etwas Größerem zu sein."

Festival gegen Widerstand der Staatsregierung

Das Festival fiel in eine Zeit, in der der Protest gegen die WAA immer größer wurde. Die bayerische Staatsregierung unter Ministerpräsident Franz Josef Strauß hatte die Veranstaltung im Vorfeld scharf kritisiert, unter anderem wurde das Festival als "Hort der Terroristen" bezeichnet und Teilnehmer teilweise als gewaltbereit dargestellt. Das Festival wurde dennoch genehmigt – begleitet von einem massiven Polizeiaufgebot.

Auch Gulp erinnert sich an die zahlreichen Kontrollen. Dennoch blieb ihm vor allem etwas anderes in Erinnerung: "Das Fantastische war, dass es quer durch alle Gesellschaftsschichten ging." Der Protest habe Menschen weit über politische Lager hinweg zusammengebracht. "Es war keine Veranstaltung für eine bestimmte Partei, sondern einfach die Mitte der Bevölkerung."

Aus der Mitte der Bevölkerung

Gerade das habe das Festival so besonders gemacht. Viele Besucher seien überzeugt gewesen, dass die Atompolitik so nicht weitergehen könne. Gulp sieht darin bis heute ein Beispiel gelebter Demokratie: "Das war eigentlich ein demokratischer Akt pur."

Dass schließlich weit mehr Menschen kamen als erwartet, überraschte selbst die Organisatoren. Rückblickend sagt Gulp: "Man hatte schon das Gefühl, dass da etwas ganz Besonderes stattfindet." Es sei eben nicht nur ein Rockfestival gewesen, sondern eine gemeinsame Botschaft an die Politik.

Gelebte Demokratie – mit Erfolg

Der Widerstand gegen die WAA setzte sich in den folgenden Jahren fort. Nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl und angesichts wachsender Proteste wurde das Projekt schließlich aufgegeben. Für Gulp bleibt das Anti-WAA-Festival deshalb ein Beleg dafür, dass gesellschaftliches Engagement Wirkung entfalten kann: "Wenn Bürger sich friedlich zusammentun und informiert sind, kann man wirklich etwas bewegen."

Mit Sorge blickt der Schauspieler allerdings auf die politische Stimmung heute. Den Rechtsruck in Deutschland und anderen Ländern habe er sich früher nicht vorstellen können. Er kritisiert, dass viele Menschen sich nicht ausreichend informierten und stattdessen einfachen Botschaften folgten.

An das Festival selbst erinnert er sich dagegen vor allem mit Freude. Dass er vier Jahrzehnte später noch immer darüber sprechen würde, habe er damals nicht geahnt. Entscheidend sei für ihn etwas anderes gewesen: "Wir waren alle glücklich. Und letztendlich hat es ja wirklich etwas gebracht – Wackersdorf wurde nie gebaut."

Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!