ShaTIaCh Carpet (Reincarnation) Rolling, 1983
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"Yalla": Eine Ausstellung über arabisch-jüdische Berührungen

"Yalla": Eine Ausstellung über arabisch-jüdische Berührungen

Jahrtausendelang war jüdisches Leben in der arabischen Welt Alltag – heute gilt es oft als Widerspruch. Das Jüdische Museum München zeigt nun mit einer neuen Ausstellung die Gemeinsamkeiten beider Kulturen und das Leben mit einer hybriden Identität.

Über dieses Thema berichtet: radioWelt am .

"Yalla" – das ist arabisch und heißt so viel wie "Auf geht’s!". "Yalla: Arabisch-jüdische Berührungen" heißt auch die neue Ausstellung im Jüdischen Museum in München. Jüdisches und Arabisches wird von vielen Menschen heute eher als Gegensatzpaar empfunden.

Dabei haben Juden über Jahrtausende in arabischen Ländern gelebt und fast die Hälfte der jüdischen Bevölkerung Israels – die sogenannten "Misrachim" – hat heute arabische Wurzeln. Sieben Künstlerinnen und Künstler haben sich für die Ausstellung mit ihrer eigenen hybriden Identität auseinandergesetzt.

Verflochtene Traditionen

Eine große Rolle aus zwei Textilien: ein schwarzweißer Tallit, der jüdische Gebetsschal, und ein geknüpfter Teppich, der an Gebetsteppiche in einer Moschee erinnert: das jüdische und das muslimisch-arabische zusammengerollt, aufs engste miteinander verbunden: ein politischer Akt.

Aber auch ein Bild für die Identität des Künstlers: Joseph Sassoon Semah wurde 1948 in Bagdad geboren, als Enkel des letzten Oberrabbiners von Bagdad, das bis 1951 eine große jüdisch-irakische Gemeinde hatte.

Zwischen den Stühlen: Jüdisch-arabische Identität

Joseph Sassoon Semah ist einer von sieben Künstlerinnen und Künstlern, die sich in der Ausstellung mit ihrer hybriden Identität auseinandersetzen: Juden mit arabischen Wurzeln, das würde für viele Menschen erst einmal widersprüchlich klingen, sagt Ulrike Heikaus vom Jüdischen Museum. Diese Struktur des Gegensatzes begann bereits im 19. und 20. Jahrhundert: Von der Kolonialpolitik der europäischen Mächte, über den Antisemitismus der Deutschen, bis zu den Antisemiten, die sich im arabischen Raum verbreiteten.

Auch die Nationalbewegung auf der arabischen Seite und die Gründung des Staates Israels hätten zum Bruch geführt und das Gemeinsame, das über Jahrtausende funktioniert hatte, die Jüdinnen und Juden, die sich im arabischen Raum integriert hatten – entzweit. Es kam also auch zu Spaltung und Gewalt, die von Ungleichheit geprägt war, erzählt Ulrike Heikaus.

Dies wird mit dem Werk der Gebetsschal-Teppich-Rolle von Joseph Sassoon Semah gezeigt: Sie liegt nicht auf dem Boden, die Enden der Rolle ruhen auf zwei Stühlen auf, das Werk befindet sich also buchstäblich zwischen den Stühlen, schwebt mehr als es liegt, seltsam unverortet und ohne Basis. Keine sichere Konstruktion, aber immerhin: es hält.

Bild Hori Izhaki – To Plant a Memory, 2023
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Bild Hori Izhaki – To Plant a Memory, 2023

Der Bruch in der Kunst und der Kultur

Tatsächlich ist jedes Kunstwerk in der Ausstellung in sich gebrochen. Es geht immer um das Fragmentarisches, um die Leerstelle, der Bruch in sich selbst, aber nicht als etwas Negatives, sondern etwas Auszuhaltendes. Alle sieben Künstlerinnen und Künstler der Ausstellung sind Misrachim: Jüdinnen und Juden mit arabischen Wurzeln, mit Eltern und Großeltern aus Ägypten, Marokko, dem Irak, Libanon oder anderen Ländern in Nordafrika und dem Nahen Osten.

Hori Izhaki wurde 1986 in Israel geboren, die Wurzen ihrer Familie liegen im Irak und in Marokko. In der Ausstellung zeigt sie eine Installation rund um einen Baum: Eine Kiefer, sechs Meter lang, hängt etwa hüfthoch quer im Raum, an einem Ende die Ansätze der Wurzeln, am anderen ein paar verzweigte Äste, dazwischen der weiß angemalte Stamm. Die Zionisten hatten nach der Staatsgründung Israels das Land mit Kiefern aufgeforstet – um eine ihnen vertraute europäische Landschaft zu schaffen.

Welche Rolle spielt Identität und Kultur?

Auf Schautafeln werden die Besucherinnen und Besucher der Ausstellung ganz direkt angesprochen: Wie stellen Sie sich einen Araber vor? Und wie einen arabischen Juden? Welche Rolle spielen Orte für Identitäten und Biografien? Wie lerne ich meine kulturellen Wurzeln kennen, wenn Reisen an die Orte meiner Herkunft nicht möglich sind? In Installationen, Fotografien, Skulpturen und Videoarbeiten umkreisen die Künstler solche Fragen rund um gebrochene Identitäten.

Dor Zlehka-Levy zeigt Fotografien der Synagoge von Beirut im Libanon. Dazu hat er einen im Libanon geborenen Israeli interviewt, der sich erinnert, wie er als Kind in dieser Synagoge beten ging. In den 80er Jahren kam er zurück: als israelischer Soldat. Doch der Ort seiner Kindheit blieb ihm verschlossen, eine Rakete hatte die Synagoge beschädigt.

"Yalla. Arabisch-jüdische Berührungen" ist keine historische Ausstellung. Es wird nicht die Geschichte der Misrachim erläutert, der Fokus liegt auf der Kunst. Das erlaubt einen offenen, emotionalen Zugang zu einem komplexen Thema.

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Dor Zlehka-Levy JPG Shomer, 2019

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