Nachbarschaftsstreit? Mit Hilfe von KI sind es nur ein paar Klicks – und schon erhält man eine rechtliche Einschätzung. Was früher oft Stunden an Recherche kostete, dauert heute nur noch Minuten. Bayerns Sozialgerichte spüren die Folgen: Im ersten Halbjahr 2026 gehen 26 Prozent mehr Klagen ein als im Vorjahr, bei Streitigkeiten um Bürgergeld sogar 60 Prozent mehr.
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Dass die KI-Beratung die Hürde zu Klagen senkt, wird in einer Pressemitteilung des Bayerischen Landessozialgerichts [externer Link] deutlich: "Die von vielen Klägern offensichtlich genutzte KI kennt sich im Sozialrecht nicht wirklich gut aus und empfiehlt daher oft unsinnige Anträge. Auch diese müssen aber von den Gerichten bearbeitet werden. Das blockiert uns bei der Bearbeitung der übrigen Fälle."
Wie die Präsidentin Edith Mente darin erklärt, werde zeitnaher Rechtsschutz so nicht mehr dauerhaft leistbar sein. Und auch der Bundesrat fordert [externer Link] "rechtliche Instrumente zu schaffen, welche die Gerichte vor einer Verfahrensüberlastung durch Künstliche Intelligenz schützen können."
KI macht Klagen einfacher
Die Würzburger Fachanwältin Jessica Flint beobachtet diesen Wandel: "Unsere Mandanten haben schon mit der KI diskutiert, bevor sie zu uns kommen." Dass man sich schon vorab via Google-Recherche informiere, sei zwar schon sehr lange normal. Durch KI kämen die Meschen allerdings schon mit einer Vormeinung.
"Die Mandanten kommen dann mit einer hohen Erwartungshaltung von 'Ich kann hier ja nur gewinnen'. Dann muss man ihnen erklären, dass es doch Risiken gibt, die da vielleicht übersehen wurden." Das Problem: Die Antworten der Chatbots klingen oft zu optimistisch, springen schnell auf bestimmte Schlussfolgerungen und versprechen viel, was dann später zerschlagen wird.
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KI-generierte Materialschlachten
Noch komplizierter wird es, wenn Anwälte selbst KI einsetzen. Zum Beispiel im schriftlichen Vorverfahren, das stattfindet, bevor ein Fall mündlich verhandelt wird. Dabei muss jede Seite schriftlich alles der Gegenseite vorgetragen, was im Prozess später relevant werden könnte – auch jedes kleine Nebenargument.
Früher sei es nur den größeren Playern leicht gefallen, sehr ausführliche Schriftsätze zu formulieren. Durch KI kann jetzt allerdings jeder Anwalt seitenlange Akten innerhalb kürzester Zeit verfassen. Laut Flint wird die Masse an Seiten, die hin- und hergeschickt werden, immer größer.
"Selbst wenn da mal ein Quatsch-Argument drin steht, ist es so verpackt, dass man es kaum oder nur bei sehr langem Nachdenken, erkennen kann", erklärt die Fachanwältin. Weil Richter alles in den vorgelegten Schriftsätzen prüfen müssen, suchen sie teilweise lange, ob Zahlen und Zitate nur verdreht – oder eben von KI halluziniert wurden.
KI vor Gericht als ungleiche Waffe
Eine Lösung, wie eine Seitenbegrenzung dieser Schriftsätze, scheitert am Grundgesetz. Jede Partei hat ein Recht auf "rechtliches Gehör", erklärt Flint. Außerdem reichen in manchen Fällen wenige Seiten, um alles darzulegen, nicht aus. Vor Gericht selbst bleibt die KI weitgehend tabu, der EU AI Act reguliert bestimmte KI-Anwendungen in der Justiz streng.
Eine Schieflage, findet Jessica Flint: "Diese Waffengleichheit, die man eigentlich bräuchte zwischen Gerichten und Anwälten, die besteht jetzt nicht mehr". Sie plädiert dafür, dass künftig auch Gerichte KI zur Unterstützung nutzen dürfen. Laut ihr gibt es Wege, auf denen sichergestellt ist, dass trotzdem am Ende eine menschliche Entscheidung steht, "also dass der Richter sich selbst eine Überzeugung bildet, aber trotzdem nicht von dieser Masse an Material so überfordert wird", so Flint.
Erste Fehltritte zeigen die Risiken
Wie schnell eine KI daneben liegen kann, zeigte erst vor kurzem ein Beschluss des Hessischen Verwaltungsgerichtshofs [externer Link]. Die Richter hatten Rechercheergebnisse aus ChatGPT übernommen, inklusive Tracking-Parameter im Link und teilweise falscher Verweise. Zwar änderte das am Ergebnis nichts, am Ansehen womöglich schon.
Für Flint ist ein geschultes Auge notwendig, um solche Schwachstellen zu erkennen: "Es gibt einige Stellen, an denen die KI bekannt unzuverlässig ist." Dazu gehören exakte Zitate oder die Interpretation von Urteilen. Für Ideen und Argumentationshilfen taugt die KI hingegen gut – vorausgesetzt, sie werden am Ende nochmal mit menschlichem Blick gecheckt.
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