Darum geht's:
- Seit Wochen häufen sich gefälschte Nachrichtenseiten, die mit Deepfakes von Prominenten versuchen, Menschen um ihr Geld zu betrügen
- Verbreitet werden solche Scams, die es schon seit Jahren gibt, auch im Sommer 2026 mit Anzeigen auf Social Media
- Der Gesamtschaden solcher Betrugsmaschen geht in die Milliarden, während Tech-Konzerne an den Anzeigen verdienen
Die erfundene Geschichte ist immer die gleiche, auch dieses Mal wieder. Ein Prominenter ist zu Gast in einer Talkshow. Dort verrät er ein Geheimnis: Es gebe eine Anlage-Plattform, die wenig Geld in kurzer Zeit vervielfacht. Weil die Plattform so geheim ist und sie der Bevölkerung verschwiegen werden soll, gerät der Promi mit Leuten aus Wirtschaft oder Regierung aneinander, manchmal wird sogar jemand verhaftet. Darüber berichtet dann eine täuschend echt wirkende Nachrichtenseite eines großen Medienhauses.
Passiert ist das nicht, die Anlage-Plattform gibt es nicht. Die Bilder der Talkshow wirken zwar realistisch, sind aber KI-generiert. Echt sind nur die Betrüger, die sich hinter der Masche verstecken.
Fake-Nachrichtenartikel mit Dieter Nuhr, Christian Sewing und Hans-Werner Sinn im Umlauf
Derzeit kursieren vor allem zwei Varianten solcher Fake-Artikel: Einer gibt vor, von der "Bild" zu sein und berichtet über eine erfundene Festnahme des Wirtschaftswissenschaftlers Hans-Werner Sinn. Der andere Fake-Artikel in "Tagesschau"-Optik gibt angeblich einen Streit zwischen dem Comedian Dieter Nuhr und dem Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing wieder. Am Ende der Artikel führen Verlinkungen zu den angeblich geheimen, erfolgversprechenden Anlage-Plattformen, hinter denen die Betrüger stecken.
Diese gefälschten Artikel von "Bild" und "Tagesschau" haben sich im Sommer 2026 verbreitet. Dahinter stecken Betrüger
Solche gefälschten Nachrichtenseiten gibt es seit Jahren, sowohl im Rahmen von politischer Desinformation, als auch bei Betrugsmaschen, erklärt Julia Smirnova vom Think-Tank Center für Monitoring, Analyse und Strategie (CeMAS), die schon zu derartigen Fake-Websites geforscht hat. Das Phänomen, so Smirnova, ist der Öffentlichkeit, den Behörden und Tech-Unternehmen bereits seit geraumer Zeit öffentlich bekannt.
Betrüger nutzen Anzeigen auf Social Media
Verbreitet werden die gefälschten Nachrichtenartikel über Social Media Plattformen – in Form von bezahlten Anzeigen. Auch im Sommer 2026 sind wieder zahlreiche solcher Werbeposts auf den sozialen Netzwerken zu sehen. Zwischen Anfang Juli und Mitte August hat der #Faktenfuchs mindestens 40 solcher Anzeigen auf X von ebenso vielen Accounts selbst beobachten können. Auch auf den Meta-Plattformen Facebook, Instagram und Threads waren seit Juli zahlreiche Anzeigen über Tage online, die teilweise einer hohen fünfstelligen Anzahl an Nutzern angezeigt wurden.
Verbreitet werden die Fake-Seiten über Anzeigen auf großen Plattformen wie X, Facebook und Instagram
EU-Gesetz verpflichtet Plattformbetreiber zu Transparenz
Auch wenn einige Anzeigen nach kurzer Zeit wieder gelöscht werden, erreichen sie so tausende potenzielle Betrugsopfer. Wer hinter den Anzeigen steckt, lässt sich nicht ohne weiteres herausfinden, obwohl die Plattformbetreiber dies eigentlich angeben müssen. Der Digital Services Act (DSA) der EU verpflichtet in Artikel 26 die Plattformbetreiber dazu, sowohl die Namen der Auftraggeber zu nennen sowie die Namen derjenigen, die für die Werbung bezahlt haben, falls sie sich unterscheiden.
Die Anbieter sehr großer Online-Plattformen, wie eben etwa X, Facebook und Instagram, werden in Artikel 39 zusätzlich dazu verpflichtet, öffentlich zugängliche Ad Libraries, also durchsuchbare Werbearchive, zur Verfügung zu stellen. Julia Smirnova sagt: "Der DSA verpflichtet Social-Media-Plattformen zur Transparenz."
Werbearchiv von X funktioniert nicht
Doch dieser Transparenz kommen die Unternehmen nicht ausreichend nach, wie auch diese #Faktenfuchs-Recherche zeigt. Denn X und Meta betreiben zwar solche Werbearchive, die gesetzlich geforderten Informationen enthalten sie in Bezug auf die betrügerischen Anzeigen aber nicht oder sie sind offensichtlich nicht korrekt.
Bei X, dem ehemaligen Twitter, das Elon Musk 2022 übernahm, funktioniert das Werbearchiv nicht. Der #Faktenfuchs hat zeitgleich mehrere Anzeigen zu Fake-Nachrichtenseiten auf X gesehen, die im Werbearchiv nicht auffindbar waren, obwohl sie in jenem Moment online waren. Julia Smirnova sagt, dass man das Werbearchiv von X "in der Praxis nicht wirklich nutzen kann". Die Auftraggeber der betrügerischen Anzeigen bleiben also verborgen. Die Plattform selbst äußert sich dazu nicht, X ließ eine Anfrage des #Faktenfuchs unbeantwortet. Im Juli haben sich X und die EU-Kommission darauf verständigt, dass das Werbearchiv der Plattform verbessert werden soll.
Meta verdient Milliarden, Werbetreibende bleiben anonym
Das Werbearchiv der Meta-Plattformen funktioniert zwar grundsätzlich – dort finden sich die betrügerischen Anzeigen und es werden Informationen geliefert. Die entscheidenden Felder, in denen die Verantwortlichen für die Anzeige genannt werden sollen, waren in allen Anzeigen, die der #Faktenfuchs finden konnte, aber mit zufälligen, sinnlosen Buchstaben- oder Zahlenkombinationen ausgefüllt. Julia Smirnova vom CeMAS spricht in diesem Zusammenhang von einer "Schwachstelle in den Sicherheitssystemen von Meta". Sie sagt, die Recherche-Ergebnisse des #Faktenfuchs deuten "auf nicht ausreichende Maßnahmen seitens Meta hin".
Meta schreibt auf #Faktenfuchs-Anfrage, dass irreführende und betrügerische Anzeigen laut den Unternehmens-Richtlinien verboten seien und man intensiv daran arbeite, Scammer von den Meta-Plattformen fernzuhalten: "Betrüger sind hartnäckige Kriminelle, die immer ausgefeiltere Taktiken anwenden, um Menschen online ins Visier zu nehmen, und wir investieren in fortschrittliche KI, Tools und Partnerschaften, um sie zu stoppen." Betrügerische Anzeigen und Profile lösche man, wenn man auf sie aufmerksam werde.
Im Werbearchiv von Meta gibt es viele Kennzahlen und Informationen. Werbetreibender und Zahlender können aber anonym bleiben.
Dass das Thema Meta bekannt ist, zeigt auch eine Reuters-Recherche aus dem vergangenen Jahr. Sie bezieht sich auf interne Dokumente, laut denen Meta mit betrügerischen Anzeigen oder Anzeigen für verbotene Produkte rund 16 Milliarden US-Dollar pro Jahr verdient. Das machte zu dem Zeitpunkt etwa ein Zehntel des Gesamtumsatzes des Konzerns aus. Laut den von Reuters eingesehenen internen Dokumenten werden betrügerische Anzeigen täglich milliardenfach den Plattform-Nutzern angezeigt. Meta schreibt dem #Faktenfuchs dazu, die Zahl von zehn Prozent sei irreführend und "zu weit gefasste Schätzung, die auch Anzeigen umfasste, die gegen unsere Richtlinien zu Betrugsfällen nicht tatsächlich verstießen".
Julia Smirnova meint, die bisherigen Bemühungen reichen nicht aus: "Die Plattformen tun definitiv nicht genug, um das einzudämmen."
Oberstaatsanwalt: Schaden im Milliardenbereich
Während die Plattform-Konzerne an den betrügerischen Anzeigen verdienen, verlieren manche Menschen ihr Erspartes. Eine Frau aus dem Landkreis Cham verlor kürzlich mehr als 100.000 Euro an solche Anlagebetrüger.
Und das ist bei weitem kein Einzelfall, weiß Nino Goldbeck. Er ist Oberstaatsanwalt bei der Zentralstelle Cybercrime Bayern (ZCB), einer speziellen Ermittlungsstelle für Kriminalität im Digitalen Raum, angesiedelt bei der Generalstaatsanwaltschaft Bamberg.
Er sagt: "Wir sind sehr häufig im fünf- und sechsstelligen Bereich, auch Millionenbeträge sind nicht selten." Das Fallaufkommen sei "gigantisch", so der Oberstaatsanwalt, nicht nur im Hinblick auf die Zahl der Fälle, sondern auch, was die Höhe er erbeuteten Summen angeht.
Genau beziffern ließe sich der Schaden zwar nicht, aber man habe eine gute Übersicht zumindest über das Anzeigenaufkommen in Bayern, was solche Finanz-Scams angeht. Alleine im Freistaat hätten im vergangenen Jahr etwa 5.000 bis 6.000 Menschen Anzeige erstattet, sagt Nino Goldbeck. Hinzu komme ein erhebliches Dunkelfeld.
"Wir haben keinen Zweifel, dass der jährliche Schaden, der dadurch entsteht, allein in Deutschland im Milliardenbereich liegt." Nino Goldbeck, Oberstaatsanwalt
Auch wenn die Zahl der Fälle weiterhin groß ist, habe man schon viele Ermittlungserfolge erzielt, so Goldbeck. Zahlreiche internationale Täter-Netzwerke im Ausland habe man zerschlagen können, regelmäßig mit Auslieferungen und Verurteilungen in Deutschland. Momentan stünden "mehr als 120 rechtskräftige Verurteilungen von Tätern unterschiedlicher hierarchischer Ebenen" zubuche, vom Callcenter-Agenten, hin zur Chefebene.
Professionelle Täternetzwerke in Konzernstrukturen
Die Betrugssyndikate beschreibt Goldbeck als hochkomplex und professionell, sie seien in vielen Fällen "gewissermaßen global agierende Konzerne", die häufig aus hunderten Personen bestünden und Büros sowie Callcenter in mehreren Ländern betreiben, laut Goldbeck meist in den Balkanstaaten sowie in Georgien, Armenien, Israel, Zypern und der Ukraine. Der Ermittler sieht in den Milliardenverlusten einen Schaden mit volkswirtschaftlicher Relevanz. "Was hier den Leuten aus der Tasche gezogen wird, das kann eben nicht in unsere Volkswirtschaft, in unseren wirtschaftlichen Kreislauf investiert werden. Das steht nicht zur Verfügung, etwa für die Altersversorgung, die Familie oder Anschaffungen."
Wie kann es dennoch sein, dass der globale Betrug mit angeblich vielversprechenden Finanzprodukten, die sich hinter den gefälschten Nachrichtenseiten verstecken, weitergeht und sich nicht verhindern lässt? Für Goldbeck ist es mit dem Online-Betrug wie mit anderen Kriminalitätsfeldern. "Dort, wo Kriminelle hochorganisiert und professionell agieren, werden sie auch immer Erfolg haben. Das sieht man zum Beispiel am Rauschgiftmarkt. Es können noch so viele Tonnen Kokain in einem Hafen beschlagnahmt werden - selbstverständlich findet das Drogenbusiness weiterhin statt." Konstanter Druck seitens der Strafverfolgung sei dennoch wichtig.
KI-Einsatz wirkt sich auf Menge und Qualität der Fakes aus
Auch für ihn spielen die Sozialen Netzwerke "unverändert eine große Rolle" in Bezug auf den andauernden Online-Betrug. Auf die Frage des #Faktenfuchs, ob Meta und X sich des Ausmaßes der Schäden für die Nutzer bewusst sind und was sie dazu sagen, antworten die Plattformen nicht.
Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz mache sich zunehmend bemerkbar, etwa im Hinblick auf die Menge und Qualität der erstellten Fakes, so Goldbeck. Die Fake-Bilder der Prominenten in den vom #Faktenfuchs gesichteten Nachrichten-Imitaten wirken meist täuschend echt. Dass es sich um synthetische Bilder handelt, lässt sich jedoch etwa mit dem Programm "SynthID" von Google belegen. Das zeigt eindeutig, dass die Deepfakes von Dieter Nuhr und Deutsche-Bank-Chef Sewing mit der Google-KI erstellt wurden. SynthID erkennt im Bild auf Pixelebene unsichtbare digitale Wasserzeichen, die auch bei Screenshots bestehen bleiben.
Die Bilder in den Fake-Artikeln sind Deepfakes. Die synthetischen Bilder wurden mit Google-KI erstellt, zeigt das unternehmenseigene Tool SynthID
Eine einfache Version von SynthID ist auch in den Google-Chatbot Gemini integriert. Dort kann man ein Bild oder Video hochladen und den Chatbot fragen: "Wurde dieses Bild von einer Google-KI erstellt?". Auch OpenAI bietet mittlerweile eine Überprüfung per SynthID an. Dennoch ist diese Verifizierungsmethode nicht hundertprozentig zuverlässig, es gibt auch Programme und Bildbearbeitungsmöglichkeiten mit dem Ziel, das digitale Wasserzeichen zu entfernen.
So erkennen Sie den Anlagebetrug auf gefälschten Nachrichtenseiten
Auf Webadresse und Impressum achten: Die Artikel sehen zwar wie die echten Nachrichtenseiten aus, die sie imitieren, die URL (also die Webadresse, die man in der Browserleiste eingibt bzw. ansehen kann) unterscheidet sich meistens jedoch deutlich von der echten URL. Auch lässt sich schauen, ob die Seite ein glaubwürdiges Impressum hat.
Funktion der Nachrichtenseite testen: Auf den echten Internetseiten der großen Medien gelangt man durch einen Klick auf das Logo ganz oben auf der Seite zurück auf die Startseite. Bei den gefälschten Seiten funktioniert das nicht, auch die anderen Funktionen der Seite sind eingeschränkt. Das können Sie testen: Kommen Sie nicht auf die tatsächliche Startseite des Mediums oder funktionieren andere Klick-Elemente (wie "Politik", "Sport" oder "Wirtschaft") nicht, ist dies ein eindeutiges Warnsignal.
Achtung vor übertriebenen Gewinn-Versprechen: Angeblich innovative Krypto-Investments, sensationelle Gewinne und eine Vervielfachung des eingesetzten Geldes in kurzer Zeit oder angebliche Insider-Tipps von der Börse – mit solchen Versprechungen versuchen die Betrüger potentielle Opfer zu locken. Wenn die finanziellen Versprechen zu gut sind, um wahr zu sein, dann sind sie es in der Regel auch.
Hintergrund-Informationen überprüfen: Hat es die angebliche Talkshow mit diesen Gästen wirklich gegeben? Ist die betroffene prominente Person wirklich verhaftet worden? All das können Sie mittels Suchmaschinen und den entsprechenden Suchbegriffen nachrechieren. Achten Sie dabei auf seriöse Quellen. Wenden Sie sich bei Zweifeln zum Beispiel an die Verbraucherzentrale.
Kontaktdaten nicht herausgeben: Auf einer seriösen Nachrichtenseite würden Sie nicht direkt aus einem redaktionellen Artikel auf ein Finanzangebot weitergeleitet werden, bei dem Sie Ihre Kontaktdaten angeben sollen.
Fazit
Betrüger schalten auf Sozialen Netzwerken wie X, Facebook und Instagram Anzeigen, die auf gefälschte Nachrichtenseiten führen. Dort werden angeblich sensationelle Finanzprodukte beworben, die in kurzer Zeit enorme Renditen versprechen - hinter denen sich aber nur eine Abzockmasche verbirgt. Die Fake-Artikel werben mit gefälschten Aussagen, Fotos oder Videos von Prominenten, die angebliche Anlagemöglichkeit loben.
Solche Scams gibt es bereits seit Jahren, auch im Sommer 2026 hat der #Faktenfuchs zahlreiche Anzeigen auf Social Media gesichtet. Die Hintermänner bleiben verborgen, während die Plattformen an den Anzeigen Geld verdienen. Die Justiz hat bereits Ermittlungserfolge verbuchen können, das Fallaufkommen sei aber weiterhin enorm und der finanzielle Schaden gehe alleine in Deutschland in die Milliarden.
Quellen:
Interviews/Presseanfragen:
Interview mit Julia Smirnova, CeMAS
Interview mit Nino Goldbeck, Zentralstelle Cybercrime Bayern, Generalstaatsanwaltschaft Bamberg
Schriftliche Anfrage per E-Mail an X
Schriftliche Anfrage per E-Mail an Meta
Veröffentlichungen
BR24, "Anlagebetrug mit Promi-Bildern: Frau verliert 100.000 Euro"
EU Kommission, "Commission accepts X's corrective measures to terminate breaches of the DSA"
Europäische Union, "Gesetz über digitale Dienste"
Generalstaatsanwaltschaft Bamberg, "Betrügerische Werbung mit prominenten Personen und Politikern – länderübergreifende Aktion gegen Online-Marketing-Infrastruktur"
Reuters, "Meta is earning a fortune on a deluge of fraudulent ads, documents show"
Verbraucherzentrale, "Täuschend echt: Wie Kriminelle Deepfakes mit Promis für Fake-Werbung nutzen"
Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.
"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!




