Weitere Autorinnen und Autoren: Eva Wackenreuther (ORF), Marcel Katzlinger (ORF), Jonas Send (ORF), Quang Pham (France 24), Ershad Alijani (France 24), Nathan Gallo (France 24), Jurga Bakaitė (LRT), Estefanía de Antonio, María Escobar (RTVE), Borja Díaz-Merry (RTVE), Akiko Uehara (Swissinfo), Pascal Siggelkow (Tagesschau-faktenfinder), Carla Reveland (Tagesschau-faktenfinder), Jan Schneider (ZDFheute), Marco Bereth (ZDFheute), Nils Metzger (ZDFheute), Maria Flannery (EBU)
Darum geht's:
- Eurovision News Spotlight, das Faktencheck-Netzwerk der European Broadcasting Union (EBU), hat Millionen von Kommentaren unter den Social-Media-Posts öffentlich-rechtlicher Sender untersucht.
- Viele wahrscheinlich echte Accounts posteten immer wieder die gleichen Hashtags, die den oppositionellen Schah-Sohn Reza Pahlavi unterstützen.
- Darunter mischten sich aber auch Bot-Kommentare, die etwa Muslime weltweit zu Gewalt aufriefen.
Mehrere öffentlich-rechtliche Sender in Europa haben die Kommentarspalten unter ihren eigenen Posts auf Instagram und Facebook analysiert – und groß angelegte Hashtag-Kampagnen und systematische Manipulation entdeckt. Die Kommentare reichen von bot‑gesteuerter Hassrede über politischen Protest bis hin zu kommerziellem Spam. In den mindestens 17,5 Millionen Kommentaren, die in den zwölf Monaten zwischen April 2025 und März 2026 auf den Accounts von BR24, Tagesschau, ZDFheute, France 24 (Frankreich), LRT (Litauen), ORF (Österreich), RTVE (Spanien), Swissinfo (Schweiz) und RFI (Frankreich) hinterlassen wurden, tauchte jedoch ein Thema häufiger auf als jedes andere: Iran.
In einer gemeinsamen Analyse wurden mindestens 17,5 Millionen Kommentare unter Beiträgen mehrerer öffentlich-rechtlicher Sender ausgewertet.
Nachdem sich die Proteste gegen die Islamische Republik Iran ab Januar 2026 intensivierten, spiegelten die Kommentarbereiche europäischer öffentlich‑rechtlicher Sender das politische Ringen im Land wider – mit mindestens drei unterschiedlichen Netzwerken, die parallel auf denselben Plattformen und teils unter denselben Posts agierten.
Versteckt in der Iran‑Debatte: Gewaltaufrufe in Kommentaren
Die inhaltlich auffälligsten Kommentare dieser Recherche tauchten einige Tage nach Beginn des US‑israelischen Krieges gegen Iran auf und riefen zu Gewalt auf.
Auf den Instagram‑Seiten von Tagesschau und ZDFheute veröffentlichte ein koordiniertes Bot‑Netzwerk identische Texte, in denen Muslime weltweit zu Racheaktionen aufgerufen wurden. Der Konflikt im Iran wurde darin als Teil eines globalen Krieges gegen den Islam dargestellt.
Ein Bot-Netzwerk veröffentlichte auf den Instagram-Seiten von Tagesschau und ZDFheute identische Texte, die Muslime weltweit zu Rache aufriefen.
Dutzende Accounts posteten am 2. März die identischen Botschaften in den Kommentarbereichen beider Sender. Unter dem betroffenen ZDF-Post wurden insgesamt 414 Kommentare gepostet, von denen 153 den identischen Gewaltaufruf enthielten. 127 von ihnen wurden vom Community-Management der Tagesschau sofort gelöscht, der Rest davon nachträglich. Unter einem Tagesschau-Post tauchten 50 solcher Kommentare auf. Das Kommentar-Bündel unter dem Beitrag der Tagesschau wurde zwar zu einer anderen Tageszeit veröffentlicht als das unter dem Beitrag des ZDF. In beiden Fällen wurden die Kommentare aber innerhalb einer Minute abgesetzt. Die Account‑Namen erfüllen dabei Muster, die auf automatisch generierte Profile schließen lassen. Rund dreißig Accounts waren nach einem festen Schema aufgebaut, das aus einem Tiernamen und einer Nummer bestand, wie etwa "gazelle.6499801" oder "penguin.505535".
Das fast gleichzeitige Auftreten dieser Kommentare unter Beiträgen zweier deutscher öffentlich-rechtlicher Sender legt nahe, dass ein einzelner Akteur dahintersteckt.
Pro‑iranisches Regime‑Botnetzwerk
Unter den analysierten Tagesschau-Posts fand sich auch ein Kommentar-Netzwerk, das die iranische Regierung unterstützt und die Proteste ablehnt. Die Kommentare gehörten zu den eindeutigsten inauthentischen Aktivitäten dieser Recherche.
Die Netzwerkanalyse zeigt eine Gruppe von Kommentaren mit nahezu perfekter interner Konnektivität – was in diesem Fall beispielsweise bedeutet, dass die Accounts mehrfach identische Kommentare in einem kurzen Zeitraum unter demselben Beitrag posteten. Mehr als 200 Accounts posteten am 24. Januar folgenden Satz:
"Hoffentlich wird jeder Demonstrant im Iran hart bestraft. Der Iran bleibt islamisch und ihr werdet nichts dagegen tun können."
Die meisten Kommentare – 192 – erschienen innerhalb eines Zeitraums von einer Minute, die restlichen trudelten innerhalb von gut zwei Minuten ein. Hinweise auf ein koordiniertes und automatisiertes Vorgehen.
Eine zweite Gruppe von Accounts, die unter demselben Tagesschau-Post aktiv war, postete den Kommentar "Befreit den Iran vom Zionismus". Die Kommentare wurden am selben Tag abgesetzt, wenige Minuten vor dem vorherigen Beispiel, in mehreren kurzen Schüben.
Die dazugehörigen Account‑Profile erfüllen Muster, die zu kommerziellen "Engagement‑Farming"-Diensten passen: kürzlich erstellt, minimale Posting‑Historie und Hinweise auf einen Standort in Indien.
Kommentare pro Reza Pahlavi dominieren die Kommentarspalten
Die größte Community, die im gesamten Datensatz aller europäischen Partner identifiziert wurde, unterstützte aber die iranische Opposition und ihre Galionsfigur Reza Pahlavi. Der im Exil lebende Oppositionspolitiker ist der älteste Sohn des ehemaligen Schahs von Iran, Mohammad Reza Pahlavi. Die Community setzte zehntausende Kommentare auf den analysierten Kanälen ab und war damit mit Abstand das größte Netzwerk in den Daten. Das Netzwerk erfüllt Merkmale einer koordinierten Kampagne. So wiederholen sich bestimmte Formulierungen und Hashtags immer wieder in den Kommentaren. Ob die Menschen hinter den einzelnen Accounts des Netzwerks sich abgesprochen haben oder es sogar zentral gesteuert wurde, bleibt allerdings unklar.
Reza Pahlavi bringt sich immer wieder selbst als Spitze einer möglichen Übergangsregierung in Iran ins Spiel, sollte das derzeitige Regime in Teheran irgendwann fallen. Walter Posch, Iranist am österreichischen Institut für Friedenssicherung und Konfliktmanagement der Landesverteidigungsakademie, sagt im Interview mit dem ORF: "Reza Pahlavi hat am stärksten damit getrumpft, dass er gesagt hat: Er will ja nicht mehr der Diktator sein, sondern den Übergang zur Demokratie moderieren." Das sei genau das, was die Mehrheit der Iraner wolle: Jemand, der ihnen die Möglichkeit gebe, sich frei zu entfalten, so Posch, "zumindest in der Theorie".
Accounts in dem in dieser Recherche identifizierten Pro-Pahlavi-Netzwerk posteten mit gemeinsamen Hashtags – #KingRezaPahlavi, #FreeIran, #IranRevolution2026, #DigitalBlackoutIran – und verwendeten in vielen Fällen nahezu identische Textvorlagen, die möglicherweise über Kanäle in Messenger‑Apps verbreitet wurden.
"Once again, the Islamic Republic has shut down the internet and phone lines, cutting people in Iran off from the world. Iranians abroad are deeply worried about the safety of our fellow citizens. Silencing a nation is not security it is hostage-taking. Be the voice of Iran."
[Deutsch: "Wieder einmal hat die Islamische Republik das Internet und die Telefonleitungen abgeschaltet und damit die Menschen im Iran von der Außenwelt abgeschnitten. Die Iraner im Ausland sind zutiefst besorgt um die Sicherheit unserer Landsleute. Ein ganzes Volk mundtot zu machen, dient nicht der Sicherheit – es ist Geiselnahme. Seid die Stimme des Iran!"]
Dieser Text erschien mit minimalen Variationen hunderte Male in zahlreichen Kommentarspalten – etwa bei ORF, Tagesschau, France 24, RFI, RTVE, ZDF und bei BR24.
Unter vielen echten Accounts mischen sich einige Bots
Ein aufschlussreiches Detail tauchte ebenfalls mehrfach auf: ein falsch geschriebener Hashtag, #DigitalBlackoutlran, bei dem ein kleines "L" den Großbuchstaben "I" in "Iran" ersetzt. Dieser falsch geschriebene Hashtag erschien identisch in den Kommentarbereichen von BR24, ORF, ZDF, France 24, LRT und Tagesschau und zudem in Kommentaren auf der Seite des belgischen Senders RTBF. ORF konnte zudem diesen Hashtag in einer Nachricht vom 12. Januar 2026 in einem iranischen Kanal auf Telegram finden, seine genaue Herkunft lässt sich jedoch nicht nachvollziehen.
BR24, ORF, Tagesschau, France 24, LRT, RTVE und Swissinfo stellten jeweils Varianten eines solchen Pro‑Reza‑Pahlavi‑Netzwerks in ihren Kommentarspalten fest. Eine Analyse der Accounts führte zu dem Schluss, dass es sich bei der Mehrzahl der Accounts wahrscheinlich um echte Menschen handelt, um reale Mitglieder der iranischen Diaspora, die echten – wenn auch koordinierten – politischen Aktivismus betreiben.
BR24, ORF, Tagesschau, France 24, LRT, RTVE und Swissinfo fanden jeweils Varianten eines Pro‑Reza‑Pahlavi‑Netzwerks in ihren Kommentarspalten.
Die Tagesschau identifizierte zudem aber einen offenbar separaten, eindeutig automatisierten Teil innerhalb der Pro‑Pahlavi‑Community: Kommentare, die innerhalb weniger Minuten nacheinander veröffentlicht wurden und fast alle exakt den Wortlaut "King Reza Pahlavi" enthielten – ein Hinweis auf Bot‑Aktivitäten.
Alberto Fittarelli, Desinformations-Forscher an der Universität Toronto, sagt im Interview mit dem ORF: "Im Kontext der Pro-Pahlavi-Bewegung gibt es sehr wahrscheinlich einen künstlich erzeugten Anteil innerhalb eines viel größeren Netzwerks, das größtenteils authentisch entstanden ist." Das sei eine bekannte Taktik, die es erschwere, authentische von inauthentischen Kommentaren zu unterscheiden.
Zuordnung von Kommentaren ohne Plattform-Informationen schwer
Das iranische Regime versuche auch im Ausland, den Einfluss Pahlavis einzudämmen, sagt Iranist Walter Posch: "In dem Maße, in dem der Versuch, die Politik im Sinne des Regimes zu erklären, scheitert, verlagert man die Aktivitäten mehr auf diese Netzwerke." Dabei schrecke man auch nicht vor Hass und Diffamierungen zurück, so Posch.
Diese Recherche konnte nicht herausfinden, wer genau hinter den unterschiedlichen koordinierten Kommentaren – ob inauthentisch oder nicht – zum Iran steckt. Über einen langen Zeitraum während der Protestbewegung im Januar hinweg war das Internet im Iran fast vollständig abgeschaltet, was jede koordinierte Aktivität aus dem Land zu dieser Zeit beeinträchtigt hätte.
Desinformations-Forscher Fittarelli sagt: "Die Zuordnung von Kommentaren funktioniert nur mit spezifischen forensischen Informationen. Zum Beispiel E-Mail-Adressen oder Nummern, die genutzt werden, um Accounts zu registrieren." Diese Informationen hätten nur die Plattformen selbst. Forscher müssten sich auf Einschätzungen auf der Basis von Wahrscheinlichkeiten und auf Fehler der Akteure hinter den Kommentaren verlassen.
Kommentare profitieren von Glaubwürdigkeit öffentlich-rechtlicher Medien
Kommentare auf sozialen Medien würden auch deshalb zur Meinungsbeeinflussung genutzt, weil sie sehr kostengünstig sind, so Desinformations-Experte Fittarelli: “Das ermöglicht es einem, quasi unbegrenzt viele Kommentare zu posten.” Dadurch könne der Eindruck erweckt werden, dass sich ein bestimmtes Narrativ durchsetzt.
Gerade Kommentarspalten öffentlich-rechtlicher Sender sind aus Fittarellis Sicht dafür besonders gut geeignet, da Nachrichtenseiten einen großen Einfluss auf ihre Leser ausüben, ein großes Publikum haben und viel Glaubwürdigkeit ausstrahlen. "Wenn unter einem Post, der ursprünglich von einer glaubwürdigen Nachrichtenorganisation gepostet wurde, alle Kommentare in eine bestimmte Richtung gehen, profitieren die Kommentare von der Glaubwürdigkeit der Nachrichtenorganisation."
Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) teilt dem ZDF auf Anfrage mit, es habe keine eigenen Erkenntnisse zu spezifischen Desinformationskampagnen mit Iran-Bezug. Grundsätzlich sehe das BSI Deutschland aber im Fokus einer komplexen hybriden Bedrohungslage, die sich unter anderem auch durch Desinformationskampagnen und Einflussoperationen äußern könne. "Koordinierte Bot-Kampagnen und vergleichbare Einflussoperationen haben grundsätzlich das Potenzial, gesellschaftliche Debatten und das Vertrauen in den öffentlichen Meinungsbildungsprozess zu verzerren", schreibt die Behörde. Die Wirksamkeit derartiger Operationen hänge maßgeblich von der Glaubwürdigkeit falscher und irreführender Informationen ab.
Meta, der Mutterkonzern von Instagram und Facebook, schreibt dem Tagesschau-faktenfinder auf Anfrage, es überprüfe den Fall gerade. Ansonsten verweist der Konzern auf seine Gemeinschaftsstandards, die betrügerische Inhalte und Fake-Accounts untersagen.
Blick hinter den Vorhang eines viel größeren Systems
Auch wenn diese Analyse nur einen Ausschnitt der Kommentarbereiche öffentlich‑rechtlicher Sender betrachtet, bietet sie einen Einblick in ein größeres System, das im öffentlichen Online‑Raum operiert. Dieselben Taktiken – Bot‑Netzwerke, koordinierte Textvorlagen, Fake‑Accounts, die aus Messenger‑Plattformen gespeist werden – werden im gesamten offenen Internet eingesetzt, um zu beeinflussen, wie Menschen die Welt um sie herum wahrnehmen.
In manchen Fällen, wie bei dem Kommentaren mit Gewaltaufrufen, ließen sich die Kommentare als Instrumente hybrider Kriegsführung einstufen: Werkzeuge, die dazu dienen, zu spalten, Spannungen anzuheizen und Zielgruppen in anderen Ländern zu radikalisieren. Diese extremen Kommentare können plötzlich den Anschein erwecken, als würden sie von tausenden "Menschen" unterstützt.
Fazit
Eine gemeinsame Datenanalyse von Eurovision News Spotlight, dem Faktencheck-Netzwerk der European Broadcasting Union (EBU), fand mehrere koordinierte Kommentar-Netzwerke unter Social-Media-Posts öffentlich-rechtlicher Sender. Die meisten von ihnen bezogen sich auf den Iran und Proteste gegen das dortige Regime.
Unter Accounts echter Menschen mischten sich auch Bots. So fanden sich Kommentare unter Beiträgen der Tagesschau und von ZDFheute, die Muslime weltweit zu Gewalt aufriefen.
Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.
Quellen:
Interviews/Presseanfragen:
Anfrage beim Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI)
Anfrage bei Meta
Interview mit Alberto Fittarelli, senior researcher am Citizen Lab, Universität Toronto
Interview mit Walter Posch, Iranist, Landesverteidigungsakademie des Österreichischen Bundesheeres
Veröffentlichungen
orf.at: Hassnetzwerk auf Instagram aufgedeckt
tagesschau.de: Wer ist Reza Pahlavi?
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